Erste Immuntherapie verzögert Typ-1-Diabetes

Mit Teplizumab steht erstmals eine Immuntherapie zur Verfügung, die die Manifestation eines Typ-1-Diabetes verzögern kann. Symbolbild: Елена Бутусова/stock.adobe.com

Automatisierte Insulinsysteme und eine erstmals verfügbare Immuntherapie verändern die Diabetesversorgung grundlegend – und machen das Leben für Betroffene mit Typ-1-Diabetes spürbar sicherer. Diese Entwicklungen stehen auch im Fokus des 132. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) vom 18. bis 21. April 2026 in Wiesbaden.

Die Diabetologie erlebt derzeit einen grundlegenden Wandel: weg von einer rein reaktiven Behandlung erhöhter Glukosewerte hin zu einer präziseren, vorausschauenden und teilweise präventiven Versorgung. Für Deutschland ist das hochrelevant: Laut International Diabetes Federation lebten hier im Jahr 2024 rund 6,5 Millionen Erwachsene im Alter von 20 bis 79 Jahren mit Diabetes. Damit gehört Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Krankheitslast in Europa.

Automatisierte Insulinsteuerung wird Standard

Für viele insulinbehandelte Menschen mit Diabetes, darunter viele Kinder und Jugendliche, bedeutet der Alltag bislang vor allem eines: ständig messen, rechnen, anpassen – und trotzdem bleibt die Unsicherheit, ob der Blutzucker stabil bleibt. Besonders belastend sind Unterzuckerungen, etwa in der Nacht, wenn sie häufig unbemerkt auftreten.

Neue Systeme zur automatisierten Insulinsteuerung (AID) nehmen Betroffenen und ihren betreuenden Angehörigen einen großen Teil dieser Verantwortung ab. Sie verbessern die Sicherheit und Alltagstauglichkeit der Insulintherapie deutlich. Moderne AID- beziehungsweise Hybrid-Closed-Loop-Systeme passen die Insulinabgabe fortlaufend an Sensordaten an.

Die ADA-Standards 2026 werten diese Systeme inzwischen ausdrücklich als bevorzugte Form der Insulinapplikation bei Menschen mit Typ-1-Diabetes und bei Menschen mit Typ-2-Diabetes unter intensivierter Insulintherapie. Sie verbessern konsistent die Zeit im Zielbereich und reduzieren Hypoglykämien. Die Landmark-Studie von Brown et al. zeigte bereits 2019, dass ein Closed-Loop-System die Glukosekontrolle gegenüber einer Standardtherapie klinisch relevant verbessert. Die aktuelle RADIANT-Studie zeigt zudem, dass selbst der direkte Wechsel von
multiplen täglichen Injektionen auf ein Tubeless-AID-System zu klaren Verbesserungen bei
Zeit im Zielbereich und HbA1c führen kann. „Für viele Patientinnen und Patienten bedeutet das erstmals ein deutliches Gefühl von Sicherheit im Alltag – insbesondere nachts“, sagt Dr. Annie Mathew, Oberärztin am Universitätsklinikum Essen.

Typ-1-Diabetes verzögern, bevor er beginnt

Doch die Entwicklung geht noch weiter – in die Zeit vor dem eigentlichen Krankheitsausbruch. Mit dem Wirkstoff Teplizumab steht seit Anfang 2026 in der EU erstmals eine Immuntherapie zur Verfügung, die bei Menschen im Frühstadium eines Typ-1-Diabetes das Fortschreiten zur klinisch manifesten Erkrankung deutlich verzögern kann.

In der zulassungsrelevanten Studie mit 76 Personen verzögerte eine einmalige 14-tägige Behandlung den Übergang zu Stadium 3 im Mittel auf etwa 50 Monate gegenüber etwa 25 Monaten unter Placebo. In der Arbeit von Herold et al. lag die mediane Zeit bis zur Diagnose eines klinischen Typ-1-Diabetes bei 48,4 gegenüber 24,4 Monaten. Das ist nicht nur statistisch, sondern klinisch hochrelevant: „Es verschafft Betroffenen wertvolle Zeit – ohne Insulinpflicht und mit mehr Möglichkeiten zur Vorbereitung“, erklärt Mathew.

Immunprävention braucht strukturierte Früherkennung

Zusammen markieren beide Entwicklungen einen Paradigmenwechsel von der Reparatur
diabetischer Folgen hin zu einer frühzeitigen, personalisierten und präventiven Versorgung, so Mathew. Allerdings blieben Einschränkungen bestehen. Bei AID-Systemen seien Kosten, Zugang, Schulungsaufwand und digitale Gesundheitskompetenz weiterhin limitierende Faktoren. Bei Teplizumab sei die größte Hürde die Früherkennung.

„Eine Immunprävention kann nur dann greifen, wenn Personen mit Inselautoantikörpern und Stadium-2-Typ-1-Diabetes rechtzeitig erkannt werden. Hinzu kommen Sicherheitsaspekte. Als relevante schwerwiegende Nebenwirkung ist das Zytokinfreisetzungssyndrom beschrieben. Deshalb sollte die Therapie durch erfahrene Behandler mit Zugang zu entsprechender medizinischer Infrastruktur erfolgen“, so Mathew.

Dennoch ist klar: Automatisierte Insulinsteuerung und frühe Immunprävention können die
Krankheitslast senken, akute Komplikationen vermeiden und die Lebensqualität von Patientinnen und Patienten deutlich verbessern. Laut Mathew brauche es daher einen flächendeckenden, unbürokratischen Zugang zu CGM- und AID-Systemen einschließlich Schulung, technischer Begleitung und telemedizinischer Auswertung.

Zudem brauche Deutschland eine strukturiertere Früherkennung des Typ-1-Diabetes, damit immunpräventive Optionen nicht auf Zufallsbefunde beschränkt bleiben. Kontrovers sieht Mathews die Frage, wie breit Screening und Immunprävention künftig eingesetzt werden sollen und wie sich Nutzen, Aufwand und Kosten langfristig gegeneinander abwägen lassen.

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