Erstes robustes Zellkulturmodell für das Hepatitis-E-Virus13. Januar 2020 Foto: © zobaair/Adobe Stock Obwohl Hepatitis E jedes Jahr mehr als drei Millionen Infektionen und rund 70.000 Todesfälle verursacht, ist das Virus bisher wenig untersucht. Das könnte sich ändern: Ein Forschungsteam aus Bochum und Hannover hat ein robustes und verbessertes Zellmodell des Erregers entwickelt. Es produziert etwa 100-mal mehr infektiöse Viruspartikel als bisherige Modelle. „Das macht das Virus jetzt wissenschaftlich erforschbar“, sagt Prof. Eike Steinmann, Inhaber des Lehrstuhls Molekulare und Medizinische Virologie an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Mutation führt zu verstärkter Vermehrung Dass das Hepatitis-E-Virus bisher wenig erforscht ist, liegt nicht zuletzt daran, dass es kein robustes Zellkulturmodell gab. „Die Anzahl der in bisherigen Modellen produzierten infektiösen Viruspartikel war einfach zu gering, um reproduzierbare Ergebnisse zu generieren“, erklärt der Bochumer Autor Dr. Daniel Todt. Das Forschungsteam beschäftigte sich in vorangegangenen Studien mit Viruspopulationen, die durch genetische Mutationen des Virus in Patienten entstehen, und fand dabei eine bestimmte genetische Veränderung, die zu einer erheblich stärkeren Vermehrung des Erregers führt. Die Forscher fügten diese Mutation in die bisher genutzten Zelllinien ein und konnten so die Produktion neuer Viruspartikel um das Fünf- bis Zehnfache steigern. In ihrer aktuellen Arbeit optimierten sie die Zellkulturbedingungen durch Zugaben spezieller Nährmedien und die Nutzung verschiedener Leberzell-Linien. Diese Maßnahmen führten zu rund 100-mal mehr infektiösen Viruspartikeln als bisher publiziert. Aufwendige Tests zeigen, dass das Modell funktioniert Um zu überprüfen, ob das neue Zellkulturmodell sich für die Erforschung des Virus eignet, machten die Forscher verschiedene Experimente. So testeten sie, ob umhüllte und nackte Viren gleichermaßen entstehen. „Beide Varianten des Virus kommen bei Patienten vor“, erklärt Autorin Martina Friesland vom Institut für Experimentelle Virologie des Twincore-Zentrums für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung in Hannover. „Sie sind aber für verschiedene Infektionswege verantwortlich. Während das umhüllte Virus bei Blut-Blutkontakt, wie zum Beispiel Transfusionen, übertragen wird, wird das nackte Virus über den Stuhl ausgeschieden und sorgt für die Ansteckung zum Beispiel durch kontaminiertes Trinkwasser.“ Beide Varianten können jetzt mit dem neuen Zellkulturmodell studiert werden. Die Forscher hatten in einer vorangegangenen Studie nachgewiesen, dass die Mutation bei allen verschiedenen Hepatitis-E-Viren (HEV) zu einer verstärkten Vermehrung führt, und dass das auch bei verschiedenen in der Forschung verwendeten Leberzell-Linien so ist. In der aktuellen Untersuchung konnten sie das Modell nochmals optimieren. „Wir haben also Erkenntnisse aus der Klinik genutzt, um ein präklinisches In-vitro-Modell zu verbessern“, erklärt Todt. Der Effekt der stärkeren Vermehrung zeigt sich auch bei gesunden menschlichen Leberzellen, ebenso wie im Tiermodell. Hier waren über mehr als einen Monat hinweg Viruspartikel sowohl im Blut als auch im Kot von Nagern nachweisbar. „Bei bisherigen Modellen gelang der Nachweis immer nur im Stuhl, weil die Anzahl der produzierten Viruspartikel zu niedrig war“, erläutert Todt. „Wir können jetzt infektiöse Viren in fast unbegrenzter Menge für die Forschung produzieren und müssen nicht auf Virusisolate aus Patienten zurückgreifen.“ Komplettes Detailverständnis Da sie zum ersten Mal aus gesundem Lebergewebe isolierte Zellen reproduzierbar mit HEV infizieren konnten, unternahmen die Forscher eine Tiefensequenzierung: Sie untersuchten die gesamte genetische Information des Virus zu verschiedenen Zeitpunkten der Infektion mit und ohne Einfluss von Medikamenten. Außerdem analysierten sie die veränderte Expression verschiedener Proteine befallener Leberzellen als Reaktion auf die Infektion sowohl unter dem Einfluss von Medikamenten als auch ohne Wirkstoffeinfluss. „Wir wollten wissen, wie die Zelle auf die Infektion reagiert“, so Todt. „Es ging uns um ein komplettes Detailverständnis“, unterstreicht Eike Steinmann. „Nur das wird es uns in Zukunft erlauben, Gene, die für den Infektionsverlauf besonders wichtig sind, zu identifizieren und als mögliche Ziele für Therapieansätze ins Auge zu fassen.“ Den Datensatz, sowie das optimierte Protokoll stellen die Forscher öffentlich zur Verfügung, um der gesamten wissenschaftlichen Community die Möglichkeit zu geben, mit dem Modell und den bisherigen Erkenntnissen weiterzuarbeiten. Die Arbeiten wurden unterstützt durch das Bundesministerium für Gesundheit (CHED-Projektnummer ZMVI1-2518FSB705) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (398066876/GRK 2485/1).
Mehr erfahren zu: "Verändertes Mikrobiom: Mundbakterien spielen eine Rolle bei chronischer Lebererkrankung" Verändertes Mikrobiom: Mundbakterien spielen eine Rolle bei chronischer Lebererkrankung Wissenschaftler haben deutliche Hinweise darauf gefunden, dass bei chronischer Lebererkrankung Bakterien aus dem Mund den Darm besiedeln. Die Forschenden haben auch aufgedeckt, wie sich dadurch das Krankheitsbild verschlechtern kann.
Mehr erfahren zu: "Chirurgieverband zu den Hybrid-DRG-Neuerungen: Ambulantisierung kann so nicht gelingen" Chirurgieverband zu den Hybrid-DRG-Neuerungen: Ambulantisierung kann so nicht gelingen Der Berufsverband der Deutschen Chirurgie (BDC) befürchtet, dass mit der jetzigen Ausgestaltung der Hybrid(H)-DRGs das angestrebte Ziel der Ambulantisierung nicht erreicht werden kann. Er fordert daher eine sachgerechte Refinanzierung vor […]
Mehr erfahren zu: "Darmpolypen: DNA-Tests verbessern den Einblick in erbliche Risiken" Darmpolypen: DNA-Tests verbessern den Einblick in erbliche Risiken Bei fünf bis zehn Prozent der Darmkrebspatienten spielen erbliche Faktoren eine Rolle. Dabei ist der Anteil bei jüngeren Personen höher. Die DNA-Analyse von Darmpolypen liefert wichtige zusätzliche Informationen über die […]