ESC 2023: Sofortige Mitbehandlung von Nicht-Infarktgefäßen nach Herzinfarkt lohnt sich

Dank sofortiger Behandlung aller Herzkranzgefässe kann das Risiko für spätere Herzinfarkte und auch die Notwendigkeit eines erneuten Eingriffes reduziert werden. Foto: ©USZ/Christoph Stulz

Nach einem Herzinfarkt kann es sich lohnen, bereits bei der ersten Intervention zur Behandlung des Herzinfarktes eine komplette Revaskularisation vorzunehmen. Das belegt die internationale Studie MULTISTARS AMI, die auf dem europäischen Kardiologenkongress (ESC 2023) in Amsterdam vorgestellt wurde.

Nach einem Herzinfarkt werden die verantwortlichen verschlossenen Gefäße mittels einer sofortigen minimalinvasiven Perkutanen Intervention (PCI) wiedereröffnet. Bei etwa der Hälfte der Patienten sind jedoch weitere Nicht-Infarktgefäße durch Ablagerungen verengt. Diese Patienten haben ein erhöhtes Risiko für weitere kardiovaskuläre Ereignisse. Studien haben gezeigt, dass mit einer komplettem Revaskularisation statt einer alleinigen Behandlung des Infarktgefäßes weitere Herzinfarkte und erneute Eingriffe verhindert werden können. Der optimale Zeitpunkt der Behandlung von Engstellen in Nicht-Infarktgefäßen war aber bisher unklar.

Sofortige oder zeitlich versetzte Behandlung?

In der aktuell im „New England Journal of Medicine“ publizierten Studie ging ein Forschungsteam um Prof. Barbara Stähli, Leitende Ärztin an der Klinik für Kardiologie des Universitätsspitals Zürich (USZ, Schweiz), der Frage nach, ob eine Behandlung von Engstellen in Nicht-Infarktgefäßen unmittelbar im Anschluss an die Wiedereröffnung des Infarktgefäßes einer elektiven Behandlung in einem Zweiteingriff nicht unterlegen ist. Für die Studie wurden an 37 Kliniken in ganz Europa insgesamt 840 Patientinnen und Patienten mit Herzinfarkt und koronarer Mehrgefäßerkrankung untersucht. Diese wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen geteilt: In einer Gruppe erfolgte die Behandlung von Engstellen in Nicht-Infarktgefäßen sofort, in der anderen in einem geplanten Zweiteingriff nach 19 bis 45 Tagen. Analysiert wurde, ob nach einem Jahr eines der folgenden Ereignisse eingetreten war: Tod, erneuter Herzinfarkt, Schlaganfall, ein erneuter ungeplanter Ischämie-bedingter Eingriff oder eine Hospitalisation aufgrund einer Herzschwäche.

Deutlich weniger Herzinfarkte

Ein solches primäres Ereignis registrierten die Forscher bei 35 Patienten (8,5%) in der Gruppe, die sofort behandelt worden war, und bei 68 Patienten (16,3%) in der Gruppe, bei welcher eine zweizeitige Behandlung durchgeführt wurde. Dabei stachen zwei Ergebnisse hervor: Nur acht Patienten (2%) in der ersten Gruppe erlitten einen erneuten Herzinfarkt, während es bei der zweiten Gruppe 22 waren (5,3%). Ein ungeplanter Ischämie-bedingter erneuter Eingriff war in der Gruppe mit sofortiger Wiedereröffnung aller stenosierter Gefäße bei 17 Patienten (4,1%), in der Gruppe mit verzögertem Eingriff bei 39 (9,3%) notwendig. Stähli und Kollegen beobachteten keinen Unterschied zwischen den beiden Gruppen in Bezug auf die Anzahl der Todesfälle, Schlaganfälle und Hospitalisationen aufgrund einer Herzschwäche. Für leitende Studienleiterin ein eindrückliches Resultat: „Wir konnten erstmals zeigen, dass die sofortige Behandlung aller Herzkranzgefäße das Risiko für spätere Herzinfarkte und auch die Notwendigkeit eines erneuten Eingriffes reduziert.“

Auswirkungen auf die klinische Praxis

Nach Stählis Ansicht sind die Studienergebnisse für die klinische Praxis hochrelevant, da sie aufzeigen, dass eine sofortige Intervention keine Nachteile für die Patienten mit sich bringt. Im Gegenteil: Eine sofortige Behandlungsstrategie bringt eine niedrigere Rate an Re-Infarkten und erneuten, ungeplanten Eingriffen mit sich, zugleich kann den Patienten dadurch ein zweiter geplanter Eingriff mit Hospitalisation erspart werden. Auch volkswirtschaftlich ist die Studie deshalb letztlich von Interesse. Die Studie und deren Auswirkungen auf die Empfehlungen der Europäischen Fachgesellschaft wurden auf dem ESC 2023 breit diskutiert.