Etablierte Verfahren bleiben vorerst Standard bei der Darmkrebsvorsorge

Der immunologische Stuhltest und die Koloskopie sind etablierte Verfahren in der Darmkrebsvorsorge. Symbolbild: MdBabul/stock.adobe.com

Die Darmkrebsvorsorge verbessern – aber wie? Mit dieser Frage beschäftigten sich Experten auf dem Deutschen Krebskongress 2026. Großer Hoffnungsträger ist beispielsweise das Mikrobiom, allerdings kommen bisherige Analysen, ebenso wie blutbasierte Testverfahren, nicht an die nötige Sensitivität bei frühen Stadien und Vorstufen.

von Dr. Milo Klesse

Die Versorgung von jungen Darmkrebspatientinnen und -patienten steht momentan im Fokus vieler wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Diskussionen – nicht zuletzt, weil immer öfter die Rede von steigenden Fallzahlen ist. Tatsächlich sind nach Angaben des Robert Koch-Instituts sowohl bei der Inzidenz als auch Mortalität von Darmkrebs in Deutschland eher rückläufige Trends zu beobachten.

Dennoch bleibt die Darmkrebsvorsorge, auch bei jungen Erwachsenen, ein wichtiges Thema. Etablierte Screening-Verfahren beinhalten vor allem die Koloskopie sowie der immunologische Stuhltest (iFOBT/FIT). Ob Mikrobiom-Analysen oder blutbasierte Tests den gängigen Methoden in naher Zukunft Konkurrenz machen, diskutierten Experten auf dem Deutschen Krebskongress 2026 in Berlin.

Mikrobiom-Analysen: Mangel an Standardisierung

Biologisch ist die Rolle des Mikrobioms in der Karzinogenese des kolorektalen Karzinoms (KRK) gut belegt. Bestimmte bakterielle Metabolite wie das genotoxische Colibactin können DNA-Schäden verursachen und so die Tumorentwicklung fördern, wie Prof. Andreas Stallmach vom Universitätsklinikum Jena erläuterte. Aktuelle Studien zeigen außerdem, dass sich im Vergleich zur gesunden Schleimhaut spezifische mikrobielle Muster in Tumoren und Adenomen beobachten lassen. Allerdings handelt es sich hier nicht um einzelne Marker oder Bakterien, sondern um komplexe Signaturen mit Überlappungen.

Lassen sich diese Muster nutzen, um die Darmkrebsvorsorge zu verbessern? Diagnostisch erreichen mikrobiombasierte Verfahren mittels Rektalabstrich Sensitivitäten von etwa 53 Prozent für Karzinome und 67 Prozent für Adenome. Die Spezifität ist dabei hoch und liegt bei mehr als 90 Prozent. Durch die Kombination von Darm- und Mundflora lässt sich die Sensitivität auf bis zu 90 Prozent steigern – was in Stallmachs Augen sehr vielversprechend ist.

Dennoch bestehen erhebliche Probleme: Die Analytik ist komplex, stark von methodischen Details abhängig und bislang nicht ausreichend standardisiert. „Wenn sie eine standardisierte Stuhlprobe in 567 verschiedene Institute schicken, bekommen sie 567 unterschiedliche Ergebnisse. Das heißt, die Standardisierung von Mikrobiomuntersuchungen – um flächendeckende Aussagen zu ermöglichen – ist eine enorme Herausforderung. Und ich sehe nicht, dass dieser Standardisierungsprozess in den nächsten zwei bis fünf Jahren tatsächlich flächendeckend angeboten werden kann“, erklärte Stallmach.

Vorsorge muss auch in Anspruch genommen werden

Das zentrale Problem der Vorsorge bleibe aber nicht der Mangel an innovativen Tests, sondern die unzureichende Inanspruchnahme bestehender Angebote, ergänzte der Gastroenterologe. In einer nicht repräsentativen Umfrage seiner Patientinnen und Patienten wurde deutlich, dass das Vertrauen in Mikrobiom-Analysen nicht größer ist als in den etablierten iFOBT. Die Betroffenen wüssten zudem über das Risiko bei positiver Familienanamnese und bestehende Vorsorgemaßnahmen Bescheid. Hier könne eine Mikrobiom-Analyse höchstens ergänzend eingesetzt werden.

Vielmehr müsse aber in der Breite mehr Bewusstsein für die Darmkrebsvorsorge geschaffen werden, so Stallmach. Ob iFOBT oder Mikrobiom-Analyse sei schlussendlich nebensächlich, wenn die Adhärenzrate nicht steige.

Wie viel Potenzial steckt in blutbasierten Tests?

Attraktiv scheinen in der Diskussion über eine bessere Vorsorge auch blutbasierte Tests, insbesondere der Nachweis von zellfreier Tumor-DNA (cfDNA). Sie sind nicht invasiv und für Patientinnen und Patienten mit einem deutlich geringeren Zeitaufwand verbunden als beispielsweise eine Koloskopie. Im Vergleich zu Stuhlproben seien Blutproben natürlich außerdem angenehmer im Handling, betonte PD Dr. Christian Pox vom St. Josef Stift-Bremen.

Ältere Tests wie der Septin-9-Test zeigten allerdings nur eine Sensitivität von 48 Prozent für Karzinome, darunter 35 Prozent für das UICC Stadium I. Für fortgeschrittene Adenome betrug die Sensitivität nur ganze elf Prozent. „Würden Sie sich so einem Test unterziehen?“, fragte Pox, der die Daten der entsprechenden Studie von 2014 präsentierte. „Ich kann Ihnen ganz klar sagen: Nein.“

Neuere Ansätze erreichen zwar insgesamt Sensitivitäten um die 80 Prozent für Karzinome, sind jedoch sehr stadienabhängig. Die Werte für Stadium I liegen nur bei etwa 57 bis 60 Prozent, und auch die Sensitivität für Adenome bleibt niedrig (ca. 12–13%). „Man kann daraus folgern, dass die DNA-Menge von Adenom-Träger:innen derzeit einfach nicht für eine zuverlässige Detektion ausreicht“, so Pox.

Multi-Omics und Datenintegration als möglicher Schlüssel

Auch bei RNA- oder proteombasierten Verfahren zeigen sich ähnliche Muster: eine akzeptable Detektion fortgeschrittener Tumoren, unzureichende Sensitivität jedoch für frühe Stadien und Vorstufen. Die Ergebnisse bisheriger Studien seien für Pox deshalb nicht überzeugend, was sich auch in den aktuellen Leitlinien widerspiegelt, in denen blutbasierte Verfahren derzeit nicht zur Früherkennung empfohlen werden.

Eine Zukunft für blutbasierte Tests in der Darmkrebsvorsorge sieht Pox deshalb eher kritisch. Ob er damit Recht behält, wird sich zeigen. Helfen könnte möglicherweise eine Integration verschiedener Daten, beispielsweise im Rahmen von Multi-Omics-Ansätzen. Doch auch hier bedarf es schlicht weiterer Forschung.

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Quellen Darmkrebsprävention im 21. Jahrhundert: Chancen und Herausforderungen, Fortbildungssitzung auf dem DKK, 18.02.2026, 9:45 - 10:45 Uhr