Europäische Herzstiftungen machen sich für Herz-Kreislauf-Plan der EU stark

Vorstandsmitglieder des European Heart Network auf der Jahreshauptversammlung in Mainz. Foto: Andreas Malkmus/EHN,DHS

Enorme Gesundheitsgefahren und massive ökonomische Belastung durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zeiten von Krisen und Klimawandel erfordern nach Ansicht europäischer Herzstiftungen eine konkrete EU-Strategie.

60 Millionen Herz-Kreislauf-Patienten und jährlich 13 Millionen Neuerkrankungen in der Europäischen Union (EU) alarmieren europäische Herzstiftungen. Mit mehr als 1,8 Millionen Sterbefällen sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der EU Todesursache Nummer eins und für 36 Prozent aller Todesursachen verantwortlich (Krebserkrankungen: 26 Prozent).

„Diese Jahrhundert-Epidemie effektiv einzudämmen, erfordert auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene ein gemeinsames strategisches Vorgehen aller relevanten Institutionen in Politik, Gesellschaft und im Gesundheitswesen. Wir, die Patientenvertretungen Europas, haben gemeinsam mit Politikern, Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten die EU und alle Mitglieder des Europäischen Parlaments dazu aufgefordert, einen dringend benötigten Europäischen Herz-Kreislauf-Plan aufzustellen“, betonte Dr. Charmaine Griffiths, Präsidentin des European Heart Network (EHN), der Dachorganisation europäischer Herzstiftungen, und CEO der British Heart Foundation, auf der EHN-Jahreshauptversammlung in Mainz.

Unter dem Titel „Neue Wege für die Herz-Kreislauf-Gesundheit in Krisenzeiten“ trafen sich die Vertreter europäischer Herzstiftungen aus 25 Ländern, um die Zusammenarbeit, den Austausch und die politische Führungsrolle für einen europäischen Herz-Kreislauf-Plan zu untermauern. Die Deutsche Herzstiftung war als EHN-Mitglied Ausrichterin der diesjährigen Jahrestagung.

Konkrete Maßnahmen sollen Morbidität und Sterblichkeit senken

Innovative Politik, dringliche Anpassungen an Umweltveränderungen, die Einbindung der Patienteninteressen, Diversität und Inklusion in der Forschung sowie das sektorenübergreifende Zusammenarbeiten waren die zentralen Themen, über die das dynamische Netzwerk aus europäischen Herzstiftungen diskutiert und sein strategisches Vorgehen für die kommenden Jahre bis 2030 erarbeitet hat. „Wir müssen auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene in engen Austausch mit der Politik, den Entscheidungsträgern in der Gesetzgebung, treten, um mit konkreten Maßnahmen die Morbidität und Sterblichkeit zu senken“, sagt EHN-Vizepräsident Martin Vestweber, Geschäftsführer der Deutschen Herzstiftung.

„Dazu zählen beispielsweise die Stärkung von Grundlagen- und translationaler Forschung, Programme zur Früherkennung von Risikopatienten oder eine Initiative zur Digitalisierung als Voraussetzung für die intersektorale Versorgung.“ Die Zeit dränge. Denn neben der Gefahr für die Gesundheit von Millionen EU-Bürgerinnen und -Bürgern seien kardiovaskuläre Erkrankungen in puncto Kosten auch ein massives ökonomisches Problem – bei steigender Tendenz.

Neben Gesundheitsgefahr auch massive ökonomische Belastung

Nach Schätzungen verursachen kardiovaskuläre Erkrankungen für die EU-Wirtschaft fast 210 Mrd. Euro an Kosten. Etwa 53 Prozent davon (111 Mrd. Euro) tragen die Gesundheitssysteme, 26 Prozent (54 Mrd. Euro) verschlingen Verluste an Produktivität in Wirtschaft und Industrie und 21 Prozent (45 Mrd. Euro) verschlingt die häuslich-private Pflege von Herz-Kreislauf-Patienten.

HEART-Aktionsplan für die EU

Die europäischen Herzstiftungen im Netzwerk des EHN und die europäische kardiologische Fachgesellschaft (European Society of Cardiology, ESC) haben ihre Strategie für einen EU-weiten Herz-Kreislauf-Masterplan unter anderem in den „HEART Actions” für die EU formuliert:

H – Healthy lifestyles: Eine strengere und ambitioniertere EU-Politik, die durch Gesetzgebung erst einen verbindlichen Rahmen für einen gesunden Lebensstil ermöglicht. So lassen sich wirkungsvoll insbesondere das Rauchen, Adipositas und Bewegungsmangel reduzieren.

E – Equality in heart health: Die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen ist in den Ländern der EU zum Teil sehr unterschiedlich. Eine Frau in Litauen hat ein 13-fach erhöhtes Risiko daran zu sterben im Vergleich zu einer Frau in Frankreich. Diese Sterblichkeitsunterschiede lassen sich nur auflösen, indem die EU mehr in die Förderung der Herz-Kreislauf-Forschung investiert.

A – Advancing knowledge: Förderung des Wissens durch Aufstockung der EU-Mittel für die Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

R – Registries: Registerdaten als Basis für klinische Studien und Sicherheitsüberprüfungen neuer Therapien sind notwendig, um Qualität und Sicherheit neuer und bestehender Therapien kontinuierlich verbessern zu können. Hier muss die EU investieren und Rahmenbedingungen für eine Vernetzung von Registern schaffen.

T – Transfer of knowledge: Immer noch erschweren nationale Grenzen zwischen den EU-Mitgliedstaaten den Transfer wissenschaftlicher Kenntnisse und anerkannter Methoden in der Prävention sowie der diagnostischen und therapeutischen Versorgung von Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Dies muss sich europaweit ändern.

Wie wichtig dieser Wissenstransfer zwischen den EU-Mitgliedstaaten ist, zeigt beispielsweise das Problem der Umsetzung der EU-Medizinprodukteverordnung (EU Medical Device Regulation) zur Erhöhung der Patientensicherheit. „Dass als Folge dieser Verordnung lebensnotwendige Medizinprodukte für Kinder, Jugendliche und Erwachsene nach und nach vom Markt zu verschwinden drohen und dies ein EU-weites Problem ist, scheint nicht in alle Länder durchgedrungen zu sein“, sagt EHN-Vizepräsident Martin Vestweber. „Das gefährdet die medizinische Versorgung der Patienten – insbesondere von Betroffenen mit angeborenem Herzfehler.“