Experten mahnen zur Vorsicht bei der Verwendung von Melatonin bei Kindern

Statt auf eine gute Schlafhygiene zu achten, greifen Eltern zunehmend zu Melatonin, wenn ihre Kinder Probleme beim Einschlafen haben. (Foto: © Elena – stock.adobe.com)

Melatonin gilt als natürliches Mittel gegen Schlaflosigkeit, weshalb es sich weltweit zu einem der am häufigsten verwendeten Schlafmittel für Kinder entwickelt hat. Eine Übersichtsarbeit deutet jedoch darauf hin, dass dem weit verbreiteten Einsatz des Hormons begrenzte Langzeitdaten zu Sicherheit und Wirksamkeit in der Pädiatrie gegenüberstehen. 

Schlafstörungen treten bei Kindern und Jugendlichen immer häufiger auf und beeinträchtigen die emotionale Regulierung, die kognitive Entwicklung und die Gesundheit. Da Familien nach schnellen und leicht zugänglichen Lösungen suchen, haben Melatoninpräparate aufgrund ihrer ihrer kinderfreundlichen Formulierungen – beispielsweise als Gummibärchen – und ihrer Wahrnehmung als natürliche Alternative zu verschreibungspflichtigen Medikamenten große Popularität erlangt.

Melatonin ist jedoch ein Hormon, das nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus, sondern auch das Immunsystem, den Stoffwechsel und das Fortpflanzungssystem beeinflusst. Entsprechend warnte die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) im Jahr 2024 ausdrücklich vor der unkontrollierten Gabe von Melatonin ohne ärztliche Verordnung. Eine S2e-Leitlinie zu Melatonin als schlafförderndes Mittel für Kinder und Jugendliche wird derzeit erabeitet.

Weit verbreiteter Konsum, begrenzte Langzeitdaten

Eine narrative Übersichtsarbeit, die im „World Journal of Pediatrics“ veröffentlicht wurde, beleuchtet nun die weltweit zunehmende Verwendung von Melatonin bei Kindern. Das Review fasst die klinischen Erkenntnisse zur Wirksamkeit, zum Sicherheitsprofil und zu den tatsächlichen Anwendungsmustern bei Kindern und Jugendlichen zusammen. Es betont die großen Lücken zwischen dem weit verbreiteten Konsum und den begrenzten Langzeitdaten und wirft Bedenken hinsichtlich der unsachgemäßen Anwendung, der Produktvariabilität und der fehlenden angemessenen behördlichen Aufsicht über Schlafmittel für Kinder auf.

Die Übersichtsarbeit zeigt, dass die Verwendung von Melatonin bei Kindern in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen hat, insbesondere in Ländern, in denen es als rezeptfreies Präparat verkauft wird. Es gibt starke Belege für seine kurzfristige Wirksamkeit bei Kindern mit neurologischen Entwicklungsstörungen wie Autismus und Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, bei denen Melatonin die Einschlafverzögerung verringern, die Gesamtschlafzeit verlängern und die Lebensqualität der Betreuungspersonen verbessern kann.

Risiken werden in der Praxis unterschätzt

Im Gegensatz dazu sind die Belege für normal entwickelte Kinder spärlich und heterogen. Die meisten randomisierten Studien in dieser Gruppe sind kurzfristig angelegt und beziehen ältere Kinder oder Jugendliche ein, was Schlussfolgerungen über jüngere Kinder, bei denen die Verwendung von Melatonin immer häufiger wird, einschränkt. Es fehlen insbesondere Daten zur Langzeitsicherheit, und es gibt ungelöste Fragen zu möglichen Auswirkungen auf die Pubertät, die Immunfunktion, den Stoffwechsel und die neurologische Entwicklung.

Das Review unterstreicht erhebliche Sicherheitsbedenken außerhalb kontrollierter klinischer Umgebungen. Analysen von kommerziellen Melatoninprodukten zeigen eine große Diskrepanz zwischen dem angegebenen und dem tatsächlichen Melatoningehalt, wobei einige Produkte ein Vielfaches der angegebenen Dosis oder unbeabsichtigte Verbindungen wie Serotonin enthalten. Darüber hinaus deuten Daten der pädiatrischen Giftnotrufzentrale auf einen starken Anstieg der versehentlichen Einnahme von Melatonin hin, insbesondere bei Kleinkindern, was häufig mit Gummibonbon-Formulierungen und unsachgemäßer Lagerung zusammenhängt. Diese Ergebnisse deuten insgesamt darauf hin, dass die Risiken in der Praxis erheblich unterschätzt werden könnten.

Biologisch aktives Hormon, kein harmloses Nahrungsergänzungsmittel

Der Studienautorin Judith Owens vom Boston Children’s Hospital zufolge sollte Melatonin nicht als harmlose Abkürzung für Schlafprobleme bei Kindern angesehen werden. Obwohl es in sorgfältig ausgewählten Fällen, insbesondere unter ärztlicher Aufsicht, eine Rolle spielt, sollte es niemals eine gründliche Schlafuntersuchung oder Verhaltensinterventionen ersetzen. Die Studie betont, dass Ärzte und Pflegekräfte Melatonin als biologisch aktives Hormon und nicht als harmloses Nahrungsergänzungsmittel betrachten sollten. Ohne klarere Beweise und strengere Vorschriften könne die routinemäßige oder unbeaufsichtigte Einnahme Kinder unnötigen Risiken aussetzen und gleichzeitig die Bedeutung bewährter, nicht pharmakologischer Ansätze für einen gesunden Schlaf mindern.

Verhaltensbezogene Schlafinterventionen – wie konsistente Routinen, reduzierte Bildschirmzeit und altersgerechte Erwartungen – sollten die erste Wahl bei der Behandlung von Schlafstörungen bei Kindern bleiben, mahnen die Autoren. Wenn Melatonin in Betracht gezogen werde, sollte es in der niedrigsten wirksamen Dosis, für die kürzestmögliche Dauer und nur unter ärztlicher Aufsicht angewendet werden.

Das Review unterstreiche auch die dringende Notwendigkeit einer besseren Regulierung von Melatoninprodukten für Kinder, klarerer Kennzeichnungsstandards und langfristiger klinischer Studien, erklären die Autoren. Zusammengenommen könnten diese Maßnahmen dazu beitragen, dass Kinder eine sichere, wirksame und evidenzbasierte Unterstützung für einen gesunden Schlaf erhalten. (ej/BIERMANN)