Feldstudie mit Schulkindern in Nepal: Ultraschallscreening gegen Rheumatische Herzkrankheit

Schulkind in Kathmandu, Nepal. Foto: ©Ovidiu – stock.adobe.com

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Thomas Pilgrim der Universitätsklinik für Kardiologie des Universitätsspitals Bern hat in „JAMA Cardiology“ eine Studie zum Thema Früherkennung der Rheumatischen Herzkrankheit in Nepal publiziert. Die Studie weist nach, dass in Schulen mit systematischem Ultraschallscreening eine bedeutende Reduktion der Fälle von Rheumatischer Herzkrankheit erreicht werden kann.

Die Rheumatische Herzkrankheit ist weltweit für jährlich über 300.000 Todesopfer verantwortlich, das sind gut zwei Drittel aller Todesfälle durch Herzklappenerkrankungen. Die Rheumatische Herzkrankheit ist in Schwellen- und Entwicklungsländern in Afrika und Asien besonders in benachteiligten Schichten weit verbreitet. In hochentwickelten Ländern, wie der Schweiz, ist sie in den vergangenen vier Jahrzehnten weitgehend verschwunden. Die Rheumatische Herzkrankheit entwickelt sich als Langzeitfolge aus einer Streptokokken-Angina im Kindesalter. Eine latente Rheumatische Herzkrankheit ist mit einer Ultraschalluntersuchung bereits nachweisbar Jahre bevor sie symptomatisch wird. Bei einer frühzeitigen medikamentösen Behandlung ist sie heilbar.

Reduktion der Rheumatischen Herzkrankheit um zwei Drittel dank Früherkennung

Das wichtigste Resultat der randomisierten Studie ist der Nachweis, dass eine Früherkennung der Rheumatischen Herzkrankheit mit Ultraschallscreening bei Schulkindern im Altern von neun bis 16 Jahren die Verbreitung der Erkrankung erheblich verringern kann, wie das Universitätsspital in einer Pressemitteilung angibt. In den Schulen, in denen Kinder mit positivem Screeningbefund zu Beginn der Studie medikamentös behandelt wurden, konnte demnach eine Reduktion um zwei Drittel erreicht werden.

„Die Ergebnisse unserer Studie stützen die Hypothese, dass die Früherkennung klinisch stummer Rheumatischer Herzerkrankungen und die rechtzeitige Einleitung einer sekundären Antibiotikaprophylaxe ein wirksamer Ansatz zur Bekämpfung Rheumatischer Herzerkrankungen in endemischen Regionen sind“, erläutert der Studienleiter Prof. Thomas Pilgrim.

In einer Cluster-radomisierten Studie teilte das Forschungsteam 35 Schulen (Cluster) in Nepal nach dem Zufallsprinzip in zwei Gruppen. In der experimentellen Gruppe mit 19 zugewiesenen Schulen erfolgte eingangs ein echokardiographisches Screening. Kinder mit einer klinisch stummen Rheumatischen Herzkrankheit wurden medikamentös behandelt. In der Kontrollgruppe mit 16 Schulen erfolgte kein Screening. Nach gut vier Jahren wurden alle Kinder der experimentellen Gruppe (n=2648) und der Kontrollgruppe (n=1325) mit Ultraschall auf das Vorliegen einer Rheumatischen Herzkrankheit untersucht.

Spezielle Herausforderungen bei der Feldforschung in Nepal

Die JAMA-Publikation wurde laut Universitätsspital Bern schon kurz nach ihrer Veröffentlichung am 20. Januar 2021 lebhaft diskutiert. Verschiedentlich seien die praktischen Herausforderungen eines großangelegten Screenings in wirtschaftlich stark benachteiligten Räumen erwähnt worden. Zudem wurde die Studie durch zwei verheerende Erdbeben 2015 und politische Instabilität während der Untersuchungsdauer erschwert.

Es sei eine außerordentliche Leistung in diesem Umfeld wissenschaftliche Forschung mit soliden Daten zu betreiben, lobt das Universitätsspital. In der Fachzeitschrift „TCT.MD“ der Cardiovascular Research Foundation bezeichnete Prof. Partho Sengupta vom West Virginia University Heart and Vascular Institute in Morgantown, USA, die Studie als „sehr sorgfältig und akribisch ausgeführt“ und hält fest, dass sie „eine wichtige Lücke in der Früherkennung und Behandlung von Rheumatischen Herzerkrankungen schließt”, zitiert die Mitteilung aus Bern.

Wie geht es weiter?

Um große Screeningprojekte in wirtschaftlich stark benachteiligten Regionen durchzuführen, müssen dem Universitätsspital zufolge verschiedene teils hohe Hürden überwunden werden. Dazu gehören etwa die Schulung von Fachleuten, von Ärztinnen und Ärzten und die Sicherstellung einer über alle Bereiche und Projektphasen konstant hohen Qualität. Zudem würden sich finanzielle Herausforderungen stellen. Die Studie habe für den untersuchten Distrikt Sunsari Gesamtkosten für ein flächendeckendes Screening über 10 Jahre von 1,4 Mio. USD errechnet, was einem Betrag von knapp 5 USD pro Kind bzw. 483 USD pro festgestellter Rheumatischer Herzkrankheit entspricht.