Fledermausschutz weiterdenken – Arten und ihre ökologischen Funktionen erhalten

Insektenfressende Fledermäuse: Chaerephon plicata Foto: @ Daniel Hargreaves

Auch dort, wo Fledermäuse noch vorkommen, können ihre Beiträge zur Schädlingsregulierung, Bestäubung und Samenverbreitung bereits nachlassen. Diesen oft übersehenen Verlust ökologischer Funktionen beleuchtet ein neuer Artikel.

Der Beitrag ist in „Nature Reviews Biodiversity“ erschienen. Forschende des Museums für Naturkunde Berlin, der Universität Neapel Federico II und der Humboldt-Universität zu Berlin plädieren darin für einen erweiterten Blick auf den Fledermausschutz. Neben den Arten selbst müssen auch ihre ökologischen Funktionen erhalten bleiben. Wirksamer Schutz muss deshalb die Voraussetzungen dafür sichern, dass Fledermäuse ihre Rolle im Ökosystem weiterhin erfüllen können.

Fledermäuse sind wichtiger Bestandteil vieler Ökosysteme

Fledermäuse tragen auf vielfältige Weise dazu bei, dass Ökosysteme funktionieren. Insektenfressende Arten etwa helfen, die Bestände von Insekten zu regulieren, darunter auch Schädlinge in der Land- und Forstwirtschaft. In den Tropen und Subtropen bestäuben nektarfressende Fledermäuse Pflanzen, während fruchtfressende Arten Samen verbreiten. Damit unterstützen sie das Wachstum von Pflanzen und die Regeneration von Wäldern.

Vier Arten nektarfressender Fledermäuse Foto: @ Daniel Hargreaves

„Wenn wir eine Fledermausart nachweisen, wissen wir zunächst nur, dass sie da ist. Aber ob sie ihre ökologische Funktion noch erfüllt, sagt uns das nicht“, erklärt Danilo Russo von der Universität Neapel Federico II und dem Museum für Naturkunde Berlin. „Möglicherweise sind ihre Bestände bereits zu klein geworden, oder ihre Beziehungen zu Pflanzen und Beutetieren haben sich verändert. Der damit verbundene Verlust ökologischer Funktionen kann unbemerkt bleiben, solange die Art weiterhin nachgewiesen wird.“

Nicht nur die Zahl der Tiere ist entscheidend

Künstliche Beleuchtung und die Zerschneidung von Lebensräumen können Fledermäusen den Zugang zu Nahrungsgebieten erschweren oder ihre Flugwege zwischen blühenden Pflanzen und Waldflächen unterbrechen. Auch Veränderungen im Nahrungsangebot können ökologische Beziehungen beeinträchtigen. Dies geschieht etwa dann, wenn Insekten, Blüten oder Früchte zu anderen Zeiten im Jahr verfügbar sind. Hinzu kommen Hitze, Dürre, Krankheiten und weitere Belastungen, die sich auf Verhalten und Fortpflanzung auswirken können. Ihre Folgen können sich summieren, noch bevor Bestandsrückgänge deutlich erkennbar werden.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den häufigen Arten. In Agrarlandschaften, Städten und anderen stark vom Menschen veränderten Lebensräumen können wenige häufige Fledermausarten einen großen Teil der verbliebenen ökologischen Funktionen erfüllen. Gehen ihre Bestände zurück, kann das deshalb großräumige Folgen haben. Selbst dann, wenn diese Arten nach wie vor als weitverbreitet gelten.

Häufige Arten müssen häufig bleiben: Maßnahmen zum Schutz notwendig

„Häufige Arten müssen häufig bleiben. Das ist ein wichtiges Ziel des Naturschutzes“, betont Mirjam Knörnschild vom Museum für Naturkunde Berlin und der Humboldt-Universität zu Berlin. „Viele ökologische Leistungen von Fledermäusen hängen von einer großen Zahl an Tieren ab. Deshalb müssen wir die Bestände in einer Größenordnung erhalten, die diese Prozesse ermöglicht.“

Die im Übersichtsartikel vorgeschlagenen Schutzmaßnahmen sollen sicherstellen, dass Fledermäuse sich an Veränderungen anpassen, sich in der Landschaft bewegen und ihre Rolle im Zusammenspiel mit anderen Organismen und in ökologischen Prozessen erfüllen können. Dazu gehören große Populationen mit hoher genetischer Vielfalt, ein Netz geeigneter Quartiere und dunkler Flugkorridore, eine geringere Belastung durch Pestizide sowie Lebensräume, die zu unterschiedlichen Jahreszeiten ausreichend Nahrung bieten.

Auch beim Monitoring sollte stärker untersucht werden, ob Schutzmaßnahmen die ökologischen Funktionen von Fledermäusen erhalten. Dazu lassen sich Nachweise von Arten und Daten zur akustischen Aktivität mit gezielten Untersuchungen verbinden. Wie gut überleben und vermehren sich die Tiere? In welchem Umfang tragen sie zur Schädlingsregulierung bei? Wie erfolgreich werden Pflanzen bestäubt, und gelingt es Keimlingen, sich zu etablieren? So ließen sich Verluste erkennen, die aus Artenlisten allein nicht hervorgehen.

Arten vor dem Aussterben zu bewahren und ihre ökologischen Leistungen zu erhalten, sind zwei Ziele, die sich ergänzen. Ein Fledermausschutz, der beide verfolgt, kann dazu beitragen, die für das Funktionieren von Ökosystemen entscheidenden Prozesse langfristig zu sichern.

Die Arbeit wurde durch einen Humboldt-Forschungspreis der Alexander von Humboldt-Stiftung an Danilo Russo sowie durch eine Förderung der Leibniz-Gemeinschaft für Mirjam Knörnschild unterstützt.