Forschungsarbeiten zur Neurobiologie affektiver Störungen ausgezeichnet

Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis 2019: Prof. Udo Dannlowski (l.), Universität Münster und Prof. Joachim Klosterkötter, Universität Köln. (Foto: Bayer)

Für drei methodisch und inhaltlich zusammenhängende Forschungsarbeiten zur Neurobiologie affektiver Störungen ist Prof. Udo Dannlowski von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Münster in diesem Jahr mit dem „Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis 2019“ ausgezeichnet worden.

Der „Hans-Jörg Weitbrecht Wissenschaftspreis 2019“ ist mit 10.000 Euro dotiert und wird vom Pharmaunternehmen Bayer für besondere Leistungen auf dem Gebiet der klinischen Neurowissenschaften ausgeschrieben. Er dient der Förderung der klinischen Forschung in der Neurologie und Psychiatrie. Über die Bewertung der eingereichten Arbeiten und die Preisvergabe entscheidet ein Kuratorium unabhängiger Wissenschaftler.

Bei den diesjährig ausgezeichneten Arbeiten handelt es sich um longitudinale Studien. „In den klinischen Neurowissenschaften sind derartige prospektive Untersuchungsdesigns – insbesondere solche, die auf länger als ein Jahr angelegt sind und damit auf mittelfristige Krankheitsverläufe abzielen – deutlich unterrepräsentiert“, erläuterte Preisträger Dannlowski die Relevanz der Studien. Longitudinale Studien sind nach seinen Angaben zur Aufdeckung prädiktiver oder kausaler Zusammenhänge notwendig , die in Querschnittsstudien bestenfalls als Korrelation beschrieben werden können.

Prädiktiver Marker für das Ansprechen auf Elektrokrampftherapie

In einer der drei Studien prüften Dannlowski und Mitarbeiter, ob es hirnstrukturelle Marker gibt, mit deren Hilfe das Ansprechen auf eine Elektrokrampftherapie (EKT) bei Depressionen im Vorfeld abzuschätzen ist. Prospektiv wurden hierzu 67 Studienteilnehmer in drei Gruppen (gesunde Probanden sowie depressive Patienten mit und ohne EKT) über sechs Wochen mittels Magnetresonanztomographie (MRT) und klinischer Phänotypisierung untersucht.

Die Studie lieferte zwei relevante Ergebnisse: So zeigte sich eine enorme strukturelle Volumenzunahme der grauen Substanz des Hippocampus in der Gruppe mit EKT im Vergleich zu den beiden anderen Studiengruppen. Außerdem gelang die Prädiktion des späteren Ansprechens auf die EKT mit einer nahezu 80-prozentigen Genauigkeit allein mit Hilfe eines Mustererkennungs-Algorithmus basierend auf den MRT-Daten vor Therapiebeginn.

Chronisch affektive Störungen führen zu hirnstrukturellen Veränderungen

In einer weiteren Studie untersuchte die Arbeitsgruppe um Dannlowski mittels MRT bei 60 depressiven Patienten und 54 gesunden Kontrollen die hirnstrukturelle Dynamik in Abhängigkeit vom Verlauf affektiver Störungen über einen Zeitraum von zwei Jahren. Es zeigte sich, dass der Krankheitsverlauf der Patienten einen deutlichen Einfluss auf Veränderungen der Gehirnstruktur in kortikalen Arealen hat, die bei affektiven Störungen wesentliche Rollen spielen (dorsolateraler präfrontaler Kortex und Insula).

Patienten mit stabiler Remission ohne weitere Episoden im Beobachtungszeitraum wiesen eine den Gesunden vergleichbare Dynamik hirnstruktureller Marker auf. Patienten mit ein oder mehreren Rezidiven zeigten in den genannten Hirnstrukturen dagegen einen deutlichen Rückgang der grauen Substanz. Damit wurde, so Dannlowski, erstmals in einem prospektiven Design gezeigt, dass chronische Verlaufsformen affektiver Störungen mit hirnstrukturellen Veränderungen kortikaler Areale einhergehen. Das unterstreicht die Bedeutung einer effektiven Dauertherapie bei Patienten, die Rezidive entwickelt haben.

Kindesmisshandlungen bedingen hirnstrukturelle Veränderungen

Eine weitere Studie bei 110 depressiven Patienten hat den Einfluss von Misshandlungen im Kindesalter auf die Hirnstruktur und die Rezidivrate der Patienten analysiert. In einem zweijährigen Follow-up zeigte sich, dass Kindesmisshandlungen prospektiv mit einer erhöhten Rezidivrate assoziiert sind und das auch unabhängig von der Situation im Vorfeld der Untersuchung. Mittels MRT konnte dabei dargestellt werden, dass der Einfluss von Misshandlungen auf die rezidivierende Verlaufsform mit einem verringerten Volumen der Insula korreliert.

Der Insula scheint somit eine besondere Rolle in der Chronifizierung affektiver Störungen zuzukommen. „Vermutlich wird der negative Einfluss früher Misshandlungserlebnisse auf den klinischen Verlauf über strukturelle Veränderungen des insulären Kortex vermittelt“, erklärte Dannlowski.