Frauenklinik Mainz: Etwa 20 Frauen nutzten “Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung”12. März 2019 Viele Vergewaltigte benötigen zunächst eine vertrauliche medizinische Versorgung; Spurensicherung und eine mögliche Anzeige stehen zunächst im Hintergrund. (Foto: © Quinn Kampschroer / Pixabay ) Viele Frauen suchen nach einer Vergewaltigung medizinische Hilfe, ohne direkt eine Anzeige erstatten zu wollen. Das Modellprojekt “Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung” stellt die Gesundheit von Betroffenen mit der notwendigen medizinischen Versorgung in den Vordergrund. Seit einem Jahr ist auch die Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit der Universitätsmedizin Mainz daran beteiligt. Nun ziehen die Beteiligten eine erste Bilanz. „Im ersten Jahr haben rund 20 Frauen das Angebot der ‚Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung‘ genutzt und sich in der Frauenklinik der Unimedizin oder in gynäkologischen Praxen behandeln lassen“, erzählt Vanessa Kuschel vom Frauennotruf Mainz. „20 Frauen mag auf den ersten Blick nicht viel klingen, aber für uns ist diese Zahl sehr hoch, suchen sich doch die wenigsten Frauen direkt nach einer Vergewaltigung Hilfe oder zeigen sie gar sofort an.“ Das Besondere an dieser Zahl: Die meisten Frauen kamen ohne Kenntnis des Angebots in die Frauenklinik und haben spontan vor Ort davon profitiert. „Das zeigt, dass unser Ansatz wirkt“, erklärt Anette Diehl vom Frauennotruf Mainz. „Die meisten Frauen und Mädchen brauchen zuerst eine umfassende medizinische und psychosoziale Versorgung. An Spurensicherung denken sie in den meisten Fällen nicht.“ Bei der „Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung“ können sich vergewaltige Frauen und Mädchen ab 14 Jahren nach einem Übergriff schnell und vertraulich an die Ambulanz der Frauenklinik der Universitätsmedizin Mainz wenden. Dort besteht rund um die Uhr die Möglichkeit für ein Informationsgespräch mit anschließender Untersuchung und zudem das Angebot einer vertraulichen Spurensicherung. Auch für Vergewaltigungsfälle gilt die ärztliche Schweigepflicht. Von 20 Frauen haben zehn Betroffene zudem die vertrauliche Spurensicherung in Anspruch genommen, obwohl sie bei Ankunft in der Frauenklinik die Dokumentation der Straftat nicht im Sinne hatten. „Wir behandeln die betroffenen Frauen und ihre Verletzungsfolgen professionell und vor allem unabhängig davon, ob sie sofort eine Anzeige erstatten wollen oder nicht. In unserer Frauenklinik wird die vertrauliche Spurensicherung als zusätzlicher Schritt angeboten und die meisten betroffenen Frauen nahmen dieses Zusatzangebot auch spontan an. Oberste Ziele bleiben aber die medizinische Akutversorgung und der erleichterte Weg in das unterstützende Hilfesystem“, betont die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauengesundheit der Universitätsmedizin Mainz Prof. Annette Hasenburg. Frauenministerin Anne Spiegel hatte das Modellprojekt „Medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigung“ gemeinsam mit Akteurinnen der Frauennotrufe Mainz und Worms, der gynäkologischen Kliniken Mainz und Worms und der Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz im Februar 2018 offiziell gestartet. Das Konzept war vom Frauennotruf Frankfurt in Zusammenarbeit mit Medizinerinnen aus dem Bereich Gynäkologie und Rechtmedizin entwickelt und von den Frauennotrufen Mainz und Worms für Rheinland-Pfalz erworben worden. „Das Projekt war und ist uns deshalb so wichtig, weil es eine Lücke in der Versorgung von Frauen und Mädchen schließt, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Wir wollen, dass betroffene Frauen und Mädchen umgehend eine umfassende medizinische und psychosoziale Betreuung sowie eine vertrauliche Spurensicherung auch dann erhalten, wenn sie (noch) keine Anzeige bei der Polizei erstatten wollen“, so Ministerin Spiegel. Eine wichtige Rolle spielt auch die Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz: Im Falle einer vertraulichen Spurensicherung werden die Proben für ein Jahr dort gelagert. Entscheiden sich die Frauen in den folgenden Monaten anzuzeigen, und nur dann, werden diese Proben ausgewertet. Andernfalls werden die gelagerten Proben nach einem Jahr vernichtet. Darüber hinaus bietet die Rechtsmedizin Fortbildungen für die am Projekt teilnehmenden Ärzt*innen zum Thema gerichtsfeste Spurensicherung an. „Für ein mögliches späteres Ermittlungs- beziehungsweise Strafverfahren ist eine gerichtsverwertbare Befundsicherung von größter Bedeutung. Die Befundsicherung muss dabei mit größter Sorgfalt und unter Berücksichtigung forensischer Standards erfolgen“, betont die Direktorin des Instituts für Rechtsmedizin der Universitätsmedizin Mainz Univ.-Prof. Dr. Tanja Germerott. Damit das Projekt verstärkt ins öffentliche Bewusstsein rückt und auch vermehrt angenommen wird, sind Öffentlichkeitsarbeit und eine gute Vernetzung wichtig. „Mehrere Frauen haben sich an uns gewandt, deren Vergewaltigung bereits ein paar Wochen oder Monate her war. Nachdem sie von dem Projekt erfahren haben, ist es ihnen gelungen, ihre Hemmschwelle zu überwinden und sich Hilfe zu holen“, erklärt Anette Diehl vom Frauennotruf Mainz. „Wir haben somit nicht nur akut betroffene Frauen erreicht, sondern auch Frauen, deren Übergriff bereits eine Weile zurückliegt. Das freut uns außerordentlich.“ In ganz Hessen und teilweise in Baden-Württemberg gibt es bereits das Angebot der „Medizinischen Soforthilfe nach Vergewaltigung“. In Rheinland-Pfalz folgen nach Mainz und Worms nächstes Jahr die beiden Standorte Koblenz und Trier.
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