Freie Ärzteschaft: Lauterbachs „Revolution“ in vielerlei Hinsicht ohne Substanz

FÄ-Vorstände Wieland Dietrich und Silke Lüder.

Für die Freie Ärzteschaft ist seit Jahren klar, dass das Fallpauschalen-System für die Kliniken die Medizin verschlechtert hat. Aber mit Lauterbachs Krankenhausreform ist der Verband auch unzufrieden, insbesondere weil die ambulante Medizin vergessen werde.

„Wir fragen uns allerdings“, so Wieland Dietrich, Hautarzt und Vorsitzender der Freien Ärzteschaft, „wieso der Minister auf einem Auge blind ist, denn: Wieso vergisst er die ambulante Medizin in den Arztpraxen? Und auch sein Gesetzentwurf zur Klinikfinanzierung wirft mehr Fragen auf, als dass er Antworten gibt!“

„Wesentliche Fragen sind auch: Wieso soll das Fallpauschalen-System eigentlich erhalten bleiben und nur durch weitere Finanzierungsmöglichkeiten ergänzt werden? Warum wird in der Diskussion nicht erwähnt, dass die SPD-Gesundheitspolitik unter besonderem Einfluss von Herrn Lauterbach selbst dafür gesorgt hat, dass die Kliniken inzwischen weitgehend privatisiert sind und seit Jahrzehnten Investoren maximale Gewinne aus der stationären Versorgung ziehen? Und dass die SPD-Gesundheitspolitik maßgeblich dafür gesorgt hat, dass private Investoren sich auch im ambulanten Sektor in Form von Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) besonders in lukrativen Bereichen wie Augenheilkunde, Nephrologie, Radiologie, Labor und Zahnmedizin breit gemacht haben”, so Dietrich weiter.

Die Freie Ärzteschaft kritisiert in einer Mitteilung, dass Lauterbach zeitgleich zu seinem „Therapievorschlag“ für die stationäre Medizin aktuelle massiv Mittel aus der ambulanten Medizin abziehe, durch die Streichung der Neupatientenregelung. „Genau aus den Praxen, die mehr als 90 % aller Krankheitsfälle behandeln und auch jetzt grade die herrschende Infekt-Welle durch Corona, Influenza und RS-Viren abfängt, die gerade durch unser Land rauscht”, ergänzt Dr. Silke Lüder, Vizevorsitzende der Freien Ärzteschaft und Allgemeinärztin in Hamburg. „Vor allem die Hausarztpraxen, Kinderärzte, Internisten, HNO-Praxen und andere gehen auf dem Zahnfleisch, und wir bekommen keinerlei Unterstützung in Form eines Inflationsausgleichs oder eines Coronabonus für unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen”, kritisiert Lüder.

Lüder bemängelt weiter: „Der Bundesgesundheitsminister schaut nur in eine Richtung: In Richtung der Kliniken. Er vergisst dabei, dass die ambulanten selbständigen Praxen die Basis der immer noch funktionierenden Medizin in Deutschland sind. Diese Basis wird durch Unterfinanzierung, Bürokratisierung und immer weiter fortschreitende Belastung durch eine dysfunktionale Telematikinfrastruktur weiter geschwächt. Es gibt heute schon 4000 unbesetzte Arztpraxen in Deutschland, aber die rot-grüne Gesundheitspolitik ist sich nicht zu schade, die Ärzteschaft als Problem für die Medizin darzustellen, statt uns zu unterstützen.“ Im Übrigen fehle in der öffentlichen Diskussion völlig, dass die SPD-Gesundheitspolitik 2007 dafür gesorgt habe, dass es in den Arztpraxen auch viel zu niedrige Fallpauschalen gibt, die zur Verschlechterung der Medizin geführt haben, so Lüder weiter. Das Hamsterrad mit brutaler Leistungsverdichtung, dass Herr Lauterbach bei den Kliniken moniert, gibt es in den Praxen in noch gravierenderem Ausmaß!“

„Wir brauchen einen Inflationsausgleich für die Praxen, einen Energiezuschuss, Coronaboni für die medizinischen Fachangestellten und einen Stopp der dysfunktionalen und unsicheren Telematik- Anwendungen in der bisherigen Form”, fordert Dietrich. „Denn in der jetzigen Form fährt diese Gesundheitspolitik die ambulante Medizin an die Wand ‒ die Patienten merken dies bereits. Und wenn dann noch mehr Patienten in die Kliniken drängen, wird die Medizin in Deutschland noch teurer und schlechter statt günstiger und besser. An dieser Prognose ändern die aktuellen Ankündigungen von Minister Lauterbach im Wesentlichen nichts!“