Der Zauberberg20. Oktober 2020 Dr. med Justus de Zeeuw Soll ich für die Kur in die Berge oder an die See?“ Bei der Erörterung dieser Frage stößt der Fachmann regelmäßig an die Grenzen der Vernunft. Meeresbrandung als eine der größten natürlichen Feinstaubquellen oder ein geringerer Sauerstoffgehalt der Atmosphäre in großer Höhe scheinen keine tragfähigen Argumente zu sein, wenn es um die Bedeutung der Luftveränderung geht. An die See oder in die Berge: Die Frage, unter welchen klimatischen Bedingungen eine Rehabilitation durchgeführt wird, steht bei der Auswahl der geeigneten Einrichtung für die Betroffenen oft im Vordergrund. Gleich zwei in dieser Ausgabe vorgestellte Publikationen befassen sich mit dem Effekt der Bergluft auf das Befinden von Patienten mit Asthma bronchiale.1,2 Beide gehen der Frage nach, ob die Ergebnisse einer pneumologischen Rehabilitationsmaßnahme, die in großer Höhe durchgeführt wird, besser sind als die einer vergleichbaren Behandlung auf Meeresspiegelniveau (S. 8 und 36). Ursprünglich waren die Kliniken im Hochgebirge als Heilanstalten für Tuberkulose erbaut worden. Aus der Annahme des in Davos ansässigen Arztes Alexander Spengler, dass Tuberkulose unter Einwirkung des Höhenklimas und der intensiven Sonneneinstrahlung zu heilen sei, entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunächst ein reger Kurbetrieb in die Schweizer Alpen. Aus Gasthöfen wurden Kurhäuser und schließlich Sanatorien. Die Idee, Bergluft könne Tuberkulose heilen, beruhte auf der Beobachtung Spenglers, dass die dort ansässige Bevölkerung offenbar von der in Deutschland als Volkskrankheit grassierenden Schwindsucht weitestgehend verschont geblieben war. Er führte dies auf den Lebensraum in einer Höhe von mehr als 1500 Metern zurück. Tatsächlich war es das aufgrund der abgeschiedenen und nur dünn besiedelten Lage geringe Ansteckungsrisiko. Nach der Entdeckung des Tuberkuloseerregers 1882 durch Robert Koch dauerte es noch fast 70 Jahre, bis die heutige Standardtherapie aus der Kombination mehrerer Tuberkulostatika etabliert werden konnte. Die Erkenntnis, dass es sich bei Tuberkulose um eine Infektionskrankheit handelt, deren Behandlung in der wirksamen Eindämmung des Erregerwachstums besteht, änderte allerdings nichts am Mythos Bergluft. Tuberkulose als Indikation für den Aufenthalt im Hochgebirge taugt heute nur noch wenig. So machten die dortigen Heilstätten aus der Not eine Tugend und entdecken Menschen mit anderen chronischen Erkrankungen der Atemwege als Zielgruppe für ihre Unterkünfte. Neben den wissenschaftlich gut belegten physikalischen Therapieangeboten soll dabei insbesondere die Hochgebirgsluft einen entscheidenden Beitrag zur Verbesserung des Gesundheitszustandes leisten. Was unterscheidet die Luft im Hochgebirge von der im Flachland? Die in großen Höhen geringe Pollenbelastung erklärt sich unter anderem durch klimatisch bedingte, kürzere Blütezeiten. Die auch heute noch anzutreffende Annahme, dass oberhalb von 1500 Metern keine Hausstaubmilben mehr vorkommen sollen, ist inzwischen wiederlegt.3 Die Bauweise moderner Gebäude und insbesondere die in Innenräumen verwendeten Bodenbeläge führen zu einer mit dem Flachland vergleichbaren Allergenexposition. Orte, deren Luft einen geringen Schadstoffgehalt aufweist, gibt es nicht nur im Hochgebirge. Die Bezeichnung Luftkurort wird unter anderem auf Grundlage eines bioklimatologischen Gutachtens verliehen. Immer weniger Orte streben die Verlängerung dieses Prädikats an.4 Denn neben der Luftqualität ist das Recht, die Bezeichnung zu führen, an infrastrukturelle Voraussetzungen gebunden, die immer weniger Städte bereit sind, zu erfüllen. Zahlreiche Maßnahmen des Emissionsschutzes haben inzwischen dazu geführt, dass die Luftqualität in Deutschland flächendeckend eine positive Entwicklung genommen hat. „Deutschland auf dem Weg zum Luftkurort“ lautet dementsprechend der Titel einer ausführlichen Analyse der aktuellen Daten.5 Eine pneumologische Rehabilitation kann auch in Großstädten wie Hamburg oder Köln erfolgreich durchgeführt werden. Dennoch: Am liebsten soll es an die See gehen oder in die Berge – wegen der guten Luft. Literatur: de Nijs SB, Krop EJM Portengen L et al. Effectiveness of pulmonary rehabilitation at high-altitude compared to sea-level in adults with severe refractory asthma. Respir Med 2020;171:106123.Basler L, Saxer S, Schneider SR et al. Asthma rehabilitation at high vs. low altitude and its impact on exhaled nitric oxide and sensitization patterns: Randomized parallel-group trial. Respir Med 2020;170:106040.Grafestätter C, Prossegger J, Braunschmid H et al. No Concentration Decrease of House Dust Mite Allergens With Rising Altitude in Alpine Regions. Allergy Asthma Immunol Res 2016; 8(4):312–318.www.spiegel.de/wissenschaft/natur/buerokratie-posse-das-sterben-der-luftkurorte-a-1152474.htmlMetz N. Deutschland auf dem Weg zum Luftkurort. Entwicklung der Abgasemission und der Luftqualität. expert Verlag, Tübingen 2019. Dr. med. Justus de Zeeuw
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