Gastrointestinale Infektionen in den ersten Monaten der COVID-19-Pandemie: Zahl in Großbritannien fast halbiert

Foto: © Tiko/stock.adobe.com

In Großbritannien ist es in den ersten sechs Monaten der COVID-19-Pandemie im Vergleich zum vorherigen Fünf-Jahres-Durchschnitt zu einer Halbierung der Zahl gemeldeter Ausbrüche gastrointestinaler Infektionen gekommen. Das zeigen neue Forschungsergebnisse. Die Zahl der im Labor bestätigten Fälle sank um ein Drittel.

Obwohl wahrscheinlich mehrere Faktoren hinter diesen Zahlen steckten, hätten die Maßnahmen zur Vermeidung einer Ausbreitung von COVID-19 – beispielsweise eine stärkere Beachtung der Handhygiene – dabei zweifellos eine entscheidende Rolle gespielt, sagen die Autoren der neuen Studie. Würde dieses Niveau der Hygienepraxis nach dem Ende der Pandemie beibehalten, könnte sich die Zahl der gemeldeten gastrointestinalen Infektionen dauerhaft ändern, vermuten sie.

Allein in England gibt es Schätzungen zufolge jedes Jahr mehr als 17 Millionen Fälle gastrointestinaler Infektionen, was zu mehr als einer Million Arztbesuchen und rund 90.000 laborbestätigten Diagnosen führt. Die Autoren der Studie wollten herausfinden, welche Auswirkungen die während der Pandemie verhängten Maßnahmen der Infektionskontrolle auf die Entwicklung gastrointestinaler Infektionen in den ersten sechs Monaten der COVID-19-Pandemie hatten. Zu den berücksichtigten Maßnahmen gehörten eine optimierte Handhygiene, die Reduzierung sozialer Kontakte, Abstandhalten, verstärkte Hygienemaßnahmen Oberflächen betreffend und Schließungen.

Die Forschenden stützten sich auf routinemäßig erhobene Gesundheitsdaten von sieben englischen Überwachungssystemen, die von der UK Health Security Agency (UKHSA) – früher Public Health England – koordiniert wurden, sowie auf Google-Trend-Daten für den Zeitraum vom 1. Januar bis einschließlich 2. August 2020.

Die genannten Überwachungssysteme sammeln Informationen über Krankheitsausbrüche, Meldungen von Laboren, Anrufe beim Gesundheitsberatungsdienst NHS 111, Arzttermine und die Inanspruchnahme der Notfallversorgung. Die Krankheitserreger von Interesse in dieser Studie waren Campylobacter spp, Cryptosporidium spp, Shiga-Toxin-produzierende Escherichia coli (STEC), Giardia sp, Listeria spp, Norovirus, nichttyphusartige Salmonella spp und Shigella spp.

Die Daten wurden entsprechend der Entwicklung der Pandemie und der damit zusammenhängenden von der Regierung verordneten Maßnahmen in Phasen eingeteilt: vor COVID-19 (Phase 1); frühe COVID-19-Phase (Phase 2); vor dem Lockdown (Phase 3); Frühphase des Lockdowns (Phase 4); Spätphase des Lockdowns (Phase 5); Lockerung des Lockdowns (Phase 6) und weitere Lockerungen (Phase 7). Man verglich die Daten aus dieser Phase mit solchen, die von Woche 1 bis Woche 31 in den Jahren 2015 bis 2019 (Fünf-Jahres-Durchschnitt) erhoben worden waren.

In den ersten 6 Monaten des Jahres 2020 wurden in England 1544 vermutete und im Labor bestätigte Ausbrüche gastrointestinaler Infektionen gemeldet, was einem Rückgang von 52 Prozent gegenüber dem Fünf-Jahres-Durchschnitt für diesen Zeitraum entspricht.

Während der Prä-COVID-19-Phase (Wochen 1–4) waren die gemeldeten Ausbrüche mit den Zahlen der Vorjahre vergleichbar. Aber ab Woche 7 (frühe COVID-19-Phase) lagen sie 22 Prozent unter dem vorherigen Fünf-Jahres-Durchschnitt: 510 gegenüber 651.

Dieser Trend setzte sich fort, bis die Zahl der gemeldeten Infektionsausbrüche in der späten Lockdown-Phase (Wochen 19–22) um 87 Prozent niedriger war: 46 gegenüber 350. Die Wissenschaftler berichten außerdem, dass die gemeldeten Ausbrüche während der COVID-19-Pandemie auf einem wesentlich geringeren Niveau blieben als in der Vergangenheit.

Historisch gesehen werden die meisten (95%) vermuteten oder bestätigten Ausbrüche gastrointestinaler Infektionen, die in England gemeldet werden, Viren zugeschrieben. Sie treten meist in Krankenhäusern und Pflegeheimen auf.

Während der Phasen 2–7 der COVID-19-Pandemie gingen die gemeldeten vermuteten und bestätigten viral bedingten Ausbrüche um 62 Prozent (862 vs. 2.239) zurück. Signifikante Abnahmen wurden beobachtet bei Ausbrüchen parasitärer (2 vs. 32 Ausbrüche; 94% Rückgang) und bakterieller Infektionen (51 vs. 97 Ausbrüche; 47% Rückgang). Die laborbestätigten Infektionen gingen ebenfalls um ein Drittel (34%) zurück: 27.859 Fälle wurden zwischen den COVID-19-Phasen 2 und 7 gemeldet. Der Fünf-Jahres-Durchschnitt lag zu Vergleich bei 42.495. Die im Labor bestätigten Infektionen begannen zwar ab Woche 16 der COVID-19-Phase zuzunehmen, was laut den Forschenden historischen saisonalen Trends entspricht, blieben aber immer noch unter dem 5-Jahres-Durchschnitt.

Während des historischen Höhepunktes der Meldungen aus Laboren, zu dem es während der Phase der Lockdown-Lockerung kam, wurden 4617 Fälle angegeben. Im Vergleich dazu zum lag der Fünf-Jahres-Durchschnitt bei 7879.

Bei allen Pathogenen in allen Altersgruppen und bei beiden Geschlechtern wurde eine Verringerung der im Labor bestätigten Fälle beobachtet, die von 26 Prozent bei Kindern im Alter von einem bis neun Jahren bis zu 42 Prozent bei Frauen im Alter ab 80 Jahren reichte.

Mögliche Erklärungen für diese Trends seien eine eingeschränkte Gesundheitsversorgung und die bei vielen fehlende Bereitschaft, einen Arzt aufzusuchen, erklären die Forscher. Wie sie berichten, lagen die Zahlen für Notfälle, Hausarztkonsultationen und Anrufe bei der NHS-Notrufnummer 111 wegen Gastroenteritis und Diarrhoe/Erbrechen durchweg niedriger als 2019. Und obwohl die NHS-111-Anrufe allmählich zunahmen, blieben sie immer noch deutlich unter den Zahlen für das Jahr 2019.

Die Daten von Google Trends zeigten, dass Suchanfragen nach Schlüsselwörtern wie „Lebensmittelvergiftung“, „Gastroenteritis“ und „Krankheitskeim“ alle zwischen den Wochen 11 und 13 einbrachen, während die Trends für „Händewaschen“ und „Desinfektion“ zwischen den Wochen 8 und 14 deutlich zunahmen, was den von anderen Überwachungssystemen beobachteten Mustern entspricht.

Da es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, konnten keinen kausalen Zusammenhänge festgestellt werden. Außerdem räumen die Forschenden ein, dass nur die ersten Monate der Pandemie abgedeckt wurde und die möglichen Auswirkungen anderer Faktoren auszuschließen, die eine Rolle gespielt haben könnten. Die Wissenschaftler kommen dennoch zu dem Schluss: „Im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie hat sich der Trend bei [gastrointestinalen] Infektionen deutlich geändert. Die Treiber dieser Veränderung sind wahrscheinlich multifaktoriell: Während Veränderungen im Verhalten bezüglich der Suche nach medizinischer Hilfe, der Druck auf diagnostische Dienstleistungen und die Erfassung durch Überwachungssysteme zweifellos eine Rolle gespielt haben, gab es wahrscheinlich einen echten Rückgang der Inzidenz in Bezug auf einige Krankheitserreger, die aus den implementierten Maßnahmen zur Infektionskontrolle und den Beschränkungen resultierten. Dies deutet darauf hin, dass wir, wenn einige dieser Verhaltensveränderungen, wie zum Beispiel eine optimierte Handhygiene, beibehalten werden, möglicherweise eine nachhaltige Verringerung der Last [gastrointestinaler] Erkrankungen feststellen könnten.“