Gebärdensprachen: Engländer und Amerikaner verstehen sich nicht5. Januar 2017 Hochschuldozentin Liona Paulus. Foto: © Hochschule Fresenius. Der Vergleich internationaler Gebärdensprachen bringt erstaunliche Abweichungen von der gesprochenen Sprache hervor. Und Deutschland hinkt hinterher, wenn es um die Behandlung tauber Menschen geht. Brasilien zum Beispiel ist ein ganzes Stück weiter. Gebärdensprach-Avatare auf Monitoren an Flughäfen. Die Möglichkeit, im ganzen Land in Gebärdensprache sein Abitur zu machen. Eine steigende Zahl nicht-gehörloser Menschen, die der Gebärdensprache mächtig sind: Das ist Alltag in Brasilien. „Das liegt am anderen Umgang mit tauben Menschen“, sagt Liona Paulus in Gebärdensprache. Sie ist selbst taub, unterrichtet an der Hochschule Fresenius im Masterstudiengang Gebärdensprachdolmetschen und vergleicht in ihrer Dissertation die Deutsche mit der Brasilianischen Gebärdensprache. „In Deutschland werde ich als ‚behindert‘ eingestuft, in Brasilien gehöre ich einer sprachlichen Minderheit an. Dieser Unterschied macht sich an vielen Stellen bemerkbar.“ Erstmals war Paulus vor 13 Jahren in Brasilien, sie leistete Freiwilligendienst in einer Gehörlosenschule. Diese Auszeit nach dem Abitur war wichtig für sie, in Deutschland konnte sie nicht in Gebärdensprache unterrichtet werden. „Die Schulzeit war aufgrund des permanenten Lippenlesens und zeitraubender Kompensationsstrategien bei der Informationsgewinnung sehr anstrengend.“ Die brasilianische Gebärdensprache Libras hat sie relativ schnell gelernt. Emotionale Ausdrücke und viele grammatikalische Formen sind denen in der Deutschen Gebärdensprache DGS ähnlich. Rund 200 Gebärdensprachen gibt es weltweit, 60 von ihnen sind erforscht und mehr oder weniger dokumentiert. Die nähere Begutachtung bringt Erstaunliches hervor: Ein tauber Amerikaner und ein tauber Brite verstehen sich unter Verwendung ihrer Gebärdensprachen gar nicht gut. Die American Sign Language (ASL) hat wesentlich mehr Gemeinsamkeiten mit der Französischen Gebärdensprache (LSF). Das liegt daran, dass die LSF im 18. Jahrhundert von Frankreich nach Amerika gekommen ist, die Britische Gebärdensprache aber eine lokale Sprache geblieben ist. Eine vitale und oft spontan entstehende Kommunikationsform ist die „International Sign“, ähnlich einer Pidgin-Sprache. Hier ist Voraussetzung, dass die Gesprächspartner keine gemeinsame Gebärdensprache haben. Sie wird bei allen möglichen Gelegenheiten verwendet und weiterentwickelt, bei internationalen Konferenzen, den Deaflympics – Sommer- und Winterspiele für taube Menschen – , Kunst- oder Theaterfestivals von und für Gebärdensprachler. Das Ergebnis ist verblüffend: Ein tauber Deutscher ist in der Lage, sich binnen weniger Stunden oder Tage mit einem tauben Chinesen nicht nur zu verständigen, sondern sogar zu komplexen Themen wie Politik, Gefühlen und Humor auszutauschen – unter Sprechenden undenkbar. „Das ist auch ein Grund dafür, warum taube Menschen sehr reisefreudig sind und unterwegs schnell Anschluss finden“, berichtet Paulus. In der Bundesrepublik sind Menschen, die die Gebärdensprache beherrschen und dolmetschen können, stark nachgefragt: „Auf 200.000 Nutzer der deutschen Gebärdensprache kommen nur 850 Dolmetscher“, so Paulus. „Wer zusätzlich noch der ASL, BSL, LSF oder International Sign mächtig ist, erhöht seine Karrierechancen, das wiederum ist genauso wie bei der gesprochenen Sprache
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