Gefälschte Medikamente und deren tödliche Folgen eindämmen7. Februar 2020 Vier Bamberger Wirtschaftsinformatiker haben das „MediLedger“-Projekt untersucht (v.l.n.r.): Axel Hund, Christian Maier, Jens Mattke und Tim Weitzel. (Foto: © Universität Bamberg) Bamberger Wirtschaftsinformatiker untersuchen, wie Blockchain die Pharma-Lieferkette transparenter macht. „Ein großer Teil der global vertriebenen Arzneimittel ist gefälscht“, sagt Wirtschaftsinformatiker Jens Mattke von der Universität Bamberg. „Schädliche oder inaktive Inhaltsstoffe in gefälschten Medikamenten verursachen weltweit schätzungsweise eine Million Todesfälle pro Jahr.“ Die sogenannte Blockchain-Technologie soll verhindern, dass Fälschungen beispielsweise in Apotheken landen. Ob und wie das gelingen kann, haben vier Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Informationssysteme in Dienstleistungsbereichen, an der Universität Bamberg untersucht. In einer Fallstudie erforschten sie das Blockchain-Projekt „MediLedger“. Hauptautor Jens Mattke fasst den Inhalt zusammen: „Anhand des ‚MediLedger‘-Projekts zeigen wir, welche Herausforderungen mit der neuen Blockchain-Technologie einhergehen. Und wir geben den Unternehmen, die diese Technologie selbst einführen möchten, Handlungsempfehlungen.“ Blockchain: Dokumentation digitaler Transaktionen Eine Blockchain ist eine Datenbank, die auf vielen Rechnern verteilt ist und digitale Transaktionen dokumentiert. Ursprünglich wurde die Idee der Blockchain für die Kryptowährung Bitcoin entwickelt. Alle Zahlungen mit Bitcoin werden über diese öffentliche, dezentrale Datenbank ausgeführt, ohne dass eine zentrale Instanz, wie eine Bank, die Kontrolle hat. „Unternehmen aus fast allen Branchen experimentieren mit Blockchain-Projekten“, schildert Dr. Christian Maier, Mitautor der Studie. „Allerdings schöpfen nur wenige Unternehmen die Vorteile dieser Technologie komplett aus.“ Ein Beispiel für ein erfolgreich angelaufenes Projekt sei „MediLedger“, entwickelt im Jahr 2017 von dem Technologieunternehmen Chronicled. Ziel von „MediLedger“ ist eine transparente und einheitliche Blockchain-Plattform, die alle Einheiten – jedes Arzneimittel, jeden Impfstoff – und ihre Transportwege anonymisiert vermerkt. Dadurch kann jeder abgleichen, ob ein Arzneimittel von verifizierten Unternehmen kommt, sodass Fälschungen eingedämmt werden. Wirtschaftsinformatiker geben Unternehmen Empfehlungen Die Bamberger Forscher haben das „MediLedger“-Projekt mit einer Fallstudie wissenschaftlich begleitet. Zwischen 2017 und 2019 interviewten sie Mitglieder des „MediLedger“-Projekts, verschiedene Pharmaunternehmen und Blockchain-Experten. Durch diese Studie können sie Unternehmen, die selbst ein Blockchain-Projekt planen, Empfehlungen geben, worauf sie bei der Einführung achten sollten. Eine Empfehlung betrifft die Projektorganisation: „Bisher ist es üblich, dass alle Blockchain-Teilnehmer zusammen die Plattform verwalten“, erklärt Mitautor Axel Hund. „Aus organisatorischen und rechtlichen Gründen ist es aber – je nach Anwendungsszenario – sinnvoller, dass die Teilnehmer eine zentrale Anlaufstelle bestimmen.“ In ihrer Veröffentlichung nennen die Wissenschaftler diese Person einen „wohlwollenden Diktator“, der die laufenden Geschäftsaktivitäten in Übereinstimmung mit allen Beteiligten ausführt. Eine weitere Erkenntnis der Wirtschaftsinformatiker: Blockchain-Anwendungen können angepasst werden, sodass Konkurrenten, die normalerweise kein gemeinsames IT-System verwenden würden, zusammen Daten in einer Blockchain abspeichern. „Im Moment befürchten viele Firmen, dass Konkurrenten in einem gemeinsamen System Rückschlüsse auf ihre Geschäftsaktivitäten ziehen können“, so Jens Mattke. Das führe zu einer Vielzahl an IT-Systemen mit uneinheitlichen Daten, die es ermöglichen, dass gefälschte Medikamente in Umlauf geraten. Um das Eindringen von gefälschten Medikamenten zu verhindern, sei es jedoch notwendig, dass alle Konkurrenten ihre Daten in einem gemeinsamen IT-System abspeichern. Das „MediLedger“-Projekt hat einen Algorithmus entwickelt, der dafür sorgt, dass nur Transaktionen zwischen verifizierten Unternehmen genehmigt werden, aber Blockchain-Teilnehmer nicht einsehen können, welche Unternehmen beteiligt waren. „Beispielsweise kann ein Großhändler überprüfen, ob das von ihm gekaufte Arzneimittel seit der Herstellung nur von verifizierten Unternehmen gehandelt wurde, ohne herauszufinden, welche Zwischenhändler beteiligt waren“, erläutert Mattke. Die Studienergebnisse sind laut Maier nicht nur für die Pharmabranche hilfreich: „Unsere Empfehlungen können auch auf andere Branchen übertragen werden, zum Beispiel auf die Finanz- oder Automobilbranche.“
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