Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit: Einordnung und Perspektiven

Foto: Andrii Yalanskyi/stock.adobe.com

Mit der aktuellen FDA-Zulassung der ersten Gentherapie angeborener Schwerhörigkeit in den USA erreicht das Forschungsfeld erstmals eine neue Stufe der klinischen Umsetzung. Auch der DGHNO-KHC-Kongress widmete sich dem Thema.

Viele Kinder, die von Geburt an schwerhörig oder taub sind, haben eine genetische Ursache für ihre Erkrankung. Besonders selten, aber gut untersucht, ist eine Veränderung im Otoferlin-Gen (OTOF). Bisher war für diese Kinder meist ein Cochlea-Implantat die einzige Therapiemöglichkeit. Die neue Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit verfolgt einen anderen Ansatz. Ihr Ziel ist es, den zugrunde liegenden Defekt zu korrigieren.

Die Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf-  und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC) griff diese Entwicklung auf. Thema waren die wissenschaftliche Einordnung, Erfahrungen aus den aktuellen klinischen Studien, offene diagnostische und therapeutische Fragen sowie Perspektiven für weitere Entwicklungen auf diesem neuen Gebiet der „Molekularen Otologie“.

Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit in den USA zugelassen

Im April 2026 hat die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA erstmals eine Gentherapie zur Behandlung eines genetisch bedingten Hörverlusts zugelassen. Wie der Hersteller, Regeneron Pharmaceuticals mitteilte, habe die FDA dem Präparat eine beschleunigte Zulassung erteilt. Grund dafür seien die in der Zulassungsstudie erreichten Verbesserung des Hörvermögens der Teilnehmer. In den zugrunde liegenden klinischen Studien erreichten viele der behandelten Kinder deutliche Hörverbesserungen. Ein Teil erreichte sogar ein altersentsprechendes normales Hörvermögen. An der internationalen Zulassungsstudie waren auch deutsche Experten beteiligt.

Prof. Hubert Löwenheim, Ärztlicher Direktor der Universitätsklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Tübingen und derjenige Arzt, der den Eingriff im April 2025 erstmals im deutschsprachigen Raum durchgeführt hat, erklärt: „Es eröffnet sich eine völlig neue Therapiemodalität für den Hörverlust, vergleichbar nur mit der Zulassung des Cochlea-Implantats vor über 40 Jahren. Erstmals besteht die Möglichkeit, bei einer bestimmten Form genetischer Schwerhörigkeit gezielt an der Ursache anzusetzen.“

Komplexe Operation nötig

Für die Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit braucht es besondere Expertise: Der gentherapeutische Wirkstoff – ein auf einem Adeno-assoziierten Virus (AAV) basierender Vektor mit einer intakten Kopie des OTOF-Gens – muss in die Cochlea eingebracht werden. Dafür sei ein komplexer Eingriff nötig, wie Löwenstein im Vorfeld des Kongresses ausführte. Die Operation dauere in der Regel zwei bis drei Stunden pro behandeltes Ohr. Erste Hörverbesserungen bei den Studienteilnehmern zeigten sich nach vier Wochen bis drei Monaten, mit weiteren Verbesserungen des Gehörs über die folgenden sechs bis zwölf Monate.

Löwenstein verwies auch auf weitere Studien zur Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit, die auf das OTOF-Gen abzielen. Ein chinesisches Team hatte kürzlich neue Ergebnisse im Fachmagazin „Nature“ veröffentlicht. Die Ergebnisse seien bei allen Studien ähnlich, bei der Mehrheit der Teilnehmer habe sich das Gehör verbessert – allerdings nicht bei allen, erklärte Löwenstein. Es gebe jeweils eine breite Streuung, vom Non-Responder bis hin zu einem normalen Hörvermögen. Warum das so ist, wisse man im Moment nicht.

In Deutschland bislang nur Rahmen klinischer Studien möglich

Wichtig sei dabei: Die Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit soll das Cochlea-Implantat nicht ersetzen, sondern künftig eine zusätzliche Option sein – für ausgewählte Patientinnen und Patienten. „Unser Ziel ist es, Familien den Zugang zu individuellen Therapieoptionen zu eröffnen – je nach genetischer Ursache und Situation des Kindes“, so Löwenheim.  

Wie Löwenheim erläuterte, ist in Deutschland und Europa eine solche Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit bislang nur im Rahmen kontrollierter klinischer Studien möglich. Aktuell gebe es in Europa fünf Studienzentren, eines davon in Tübingen. Löwenheim schätzt, dass in Deutschland etwa fünf Patienten pro Jahr für eine Gentherapie bei Schwerhörigkeit, die auf OTOF abzielt in Frage kommen. Mehr als ein Studienzentrum sei daher wenig sinnvoll, zumal es eine gewisse Expertise brauche, um die Eingriffe durchzuführen. Mit einer Zulassung der in den USA bereits verfügbaren Gentherapie bei angeborener Schwerhörigkeit in Europa rechnet Löwenstein 2027. (ja/BIERMANN)