Gesellschaft für Virologie zu SARS-CoV-2: Anstreben einer Herdenimmunität ohne Impfung wäre unethisch21. Oktober 2020 Foto: © Fokussiert – Adobe Stock Die Gesellschaft für Virologie (GfV) unterstützt in einer aktuellen Mitteilung das Mitte Oktober veröffentlichte „John Snow Memorandum“, das sich angesichts steigender SARS-CoV-2-Infektionszahlen gegen die in der „Great Barrington Declaration“ propagierten Strategie der unkontrollierten Durchseuchung der Bevölkerung ausspricht. Während Deutschland bis vor kurzem eine moderate Inzidenz zu verzeichnen gewesen sei, könne man mittlerweile auch hier den erneuten Beginn einer exponenziellen Ausbreitung beobachten, so die GfV. In Österreich (133) und in der Schweiz (230) sei die 14-Tage Inzidenz im Vergleich zu Deutschland (47) bereits deutlich höher (Stand 15. bzw. 16. Oktober). Die wieder verstärkte Ausbreitung von SARS-CoV-2-Infektionen ist laut der GfV insbesondere auf private Veranstaltungen wie Familienfeste, Hochzeitsfeiern sowie andere Zusammenkünfte zurückzuführen. Obwohl sich dadurch der Großteil des Infektionsgeschehens in jüngeren Altersklassen abspiele, die von den gesundheitlichen Folgen von COVID-19 zumeist deutlich weniger betroffen sind als ältere, sehe man überall eine Zunahme an Hospitalisierungen und ein stetiges Vordringen der Infektionen in höhere Altersgruppen. Aufgrund der explosiven Infektionsdynamik, so die Virologen weiter, stehe zu befürchten, dass ab einer bestimmten Schwelle auch in bisher unkritischen Regionen die Kontrolle über das Infektionsgeschehen verloren geht. Bei Überschreiten dieses Schwellenwerts seien die Nachverfolgung einzelner Ausbrüche und strikte Isolationsmaßnahmen nicht mehr realisierbar und eine unkontrollierte Ausbreitung in alle Bevölkerungsteile, einschließlich besonders vulnerabler Risikogruppen, nicht mehr adäquat zu verhindern, so die GfV. Wie die GfV betont, sei zu befürchten, dass dies zu einer raschen Überlastung der Gesundheitssysteme führen würde, was zum Beispiel in Deutschland allein schon wegen des Mangels an Intensivpflegekräften bereits bei weit unter 20.000 Neuinfektionen pro Tag der Fall sein könnte. „Mit Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass erneut die Stimmen erstarken, die als Strategie der Pandemiebekämpfung auf die natürliche Durchseuchung großer Bevölkerungsteile mit dem Ziel der Herdenimmunität setzen“, schreibt die GfV in ihrer Stellungnahme. So plädierten die Unterzeichner der „Great Barrington Declaration“ für die sofortige Aufhebung aller Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens, einschließlich aller Abstandsregeln und der Maskenpflicht. Um Morbidität und Mortalität in den vulnerablen Gruppen (Ältere, Vorerkrankte) abzumildern, schlägt die Declaration besondere Schutzmaßnahmen für diese Personen bis hin zur Quasi-Isolierung vor Diese Strategie lehnt die GfV entschieden ab. Zwar leide auch die Gesundheitsversorgung in anderen, nicht mit COVID-19 assoziierten Bereichen, unter den Einschränkungen, die zur Abmilderung der Pandemie verhängt wurden. Doch die die aktuelle Stellungnahme unterzeichnenden deutschen Virologen sind überzeugt, dass „die Schäden, die uns im Falle einer unkontrollierten Durchseuchung unmittelbar, aber auch mittelbar drohen, diese Belastungen um ein Vielfaches überträfen und in eine humanitäre und wirtschaftliche Katastrophe münden können.“ In dieser Einschätzung weist die GfV auch auf das Mitte Oktober veröffentlichte „John Snow Memorandum“ hin. Darin, so die GfV, äußerten zahlreiche internationale Experten ebensolche Bedenken und rieten mit allem Nachdruck von der Verfolgung der in der „Great Barrington Declaration“ propagierten Strategie der unkontrollierten Durchseuchung ab. Eine solche unkontrollierte Durchseuchung würde zu einer eskalierenden Zunahme an Todesopfern führen, meint die GfV, da es selbst bei strenger Isolierung von „Ruheständlern“ noch weitere Risikogruppen gebe. Diese seien „viel zu zahlreich, zu heterogen und zum Teil auch unerkannt“, um aktiv abgeschirmt werden zu können. Die Fachgesellschaft nennt in diesem Zusammenhang beispielsweise Übergewichtige, Diabetiker, Krebspatienten, Personen mit Niereninsuffizienz, chronischen Lungenerkrankungen, Lebererkrankungen, Schlaganfall sowie nach Transplantationen und schließlich auch Schwangere. Die GfV verweist außerdem auf das „Long-COVID“-Syndrom als mögliche Komplikation einer überstandenen COVID-19-Erkrankung. Dieses fasst verschiedene Spätschäden an Atemwegen, Gefäßen, dem Nervensystem oder anderen Organen zusammen, die die Lebensqualität, Arbeitsfähigkeit und vermutlich auch die Lebenserwartung enorm einschränken. „Ferner wissen wir noch nicht zuverlässig, wie lange eine durch eine Infektion erworbene Immunität anhält“, unterstreicht die GfV in ihrer aktuellen Stellungnahme. „Es wird zunehmend klar, dass gerade die wenig symptomatischen Infektionen, wie sie bei jüngeren Menschen vorherrschen, keine stabile Immunität verleihen.“ Der Vorstand der GfV unterstützt daher ausdrücklich die Position der Unterzeichner des John Snow Memorandums und hält das Anstreben der Herdenimmunität ohne Impfung für „unethisch sowie medizinisch, gesellschaftlich und damit auch ökonomisch hochriskant“.
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