Gespiegelte Emotionen21. März 2019 Beim Betrachen von Trauerbildern zeigen Borderline-PatientInnen in Vergleich zu Gesunden in spezifischen Teilen des Spiegelneuronensystems (somatosensorische Areale) eine höhere Aktivierung. (© Universität Innsbruck) Angst, Trauer oder Freude – emotionale Hypersensitivität ist ein charakteristisches Merkmal von Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Forscher aus Innsbruck und Ulm haben nun gezeigt, dass die Auseinandersetzung mit Trauer und Verlustsituationen von einer erhöhten Aktivierung spezifischer kortikaler Areale begleitet wird, die dem Spiegelneuronensystem zugewiesen werden. Borderline-Patientinnen und -Patienten haben Schwierigkeiten, ihre inneren Gefühlszustände und Emotionen richtig zu erkennen und zu regulieren. Dieser Zustand kann zu einer extremen inneren Anspannung führen, die Betroffene als unerträglich erleben. Impulsives, aggressives oder selbstverletzendes Verhalten ist für die Betroffenen eine Möglichkeit, diesen inneren Spannungszustand zu bewältigen. Die Angst, verlassen zu werden, sitzt bei Betroffenen besonders tief. Deshalb ist der Umgang mit Verlust- und Trennungssituationen für sie besonders schwierig und schmerzhaft. In einer funktionellen Bildgebungsstudie konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf neuronaler Ebene zeigen, dass bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bei der Betrachtung von Bildern, auf denen Verlust-, Trennungs- und Trauerszenen dargestellt sind, Gehirnareale, die mit dem Spiegelneuronensystem assoziiert sind, stärker aktiviert werden. Emotionale Ansteckung Die möglicherweise einfachste Form der emotionalen Kommunikation ist laut Prof. Roberto Viviani, Innsbruck, die durch Spiegelneuronen verursachte „emotionale Ansteckung“. „Das Wissen über Spiegelneuronen stammt aus der neuropsychologischen Forschung bei Primaten. Bei Experimenten konnte gezeigt werden, dass manche Neuronen im motorischen und prämotorischen Cortex der Affen aktiv sind, auch wenn der Affe Bewegungen von anderen nur beobachtet und sich selbst gar nicht bewegt“, erklärte der Wissenschaftler. „Beim Menschen liegt die Vermutung nahe, dass jener Teil des Spiegelneuronensystems, der bei der Beobachtung eines emotionalen Ausdrucks aktiviert wird, für Phänomene wie die ‚emotionale Ansteckung‘ zuständig ist“, ergänzte Dr. Karin Labek, Innsbruck. Patientinnen und Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung können sehr schnell von Emotionen wie Angst, Wut, Trauer, Scham oder Begeisterung von ihrem Umfeld „angesteckt“ werden, ohne selbst durch ein Erlebnis diese Emotion zu verspüren. Die in der Studie festgestellte erhöhte Aktivierung des Spiegelneuronensystems könnte ein zentraler Baustein bei der Erklärung der emotionalen Instabilität dieser Störung sein. Psychischer Schmerz Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler interessierten sich dafür, wie ansteckend die Emotion von psychischem Schmerz für Patientinnen und Patienten mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung ist. „Wir haben uns für das Thema von Schmerz, Trauer und Verlust entschieden, da es für Betroffene sehr zentral ist“, erklärte Viviani. Den ausgewählten Probandinnen und Probanden wurden Bilder von einer typischen Trauerhaltung eines Menschen gezeigt. Menschen ohne diese Störung encodieren die Emotion, ohne selbst Trauer zu empfinden. „Menschen mit Borderline sind hypersensitiv gegenüber anderen und können diese Emotionen nicht einordnen. Deswegen ist die emotionale Ansteckung schon bei der Betrachtung von Bildern sehr stark“, erläutert Labek. Spiegelneuronen sind Teil des Mechanismus, wodurch sie eine spezielle Form des Mitgefühls erleben, die durch das Betrachten der Bilder ausgelöst wird. „Dieses Verhalten ist sehr impulsiv und lebendig, geht aber leider auch in die negative Richtung. Dies ist charakteristisch für die emotionale Instabilität in der Borderline-Persönlichkeitsstörung“, so die Wissenschaftlerin weiter. Eine emotionale Ansteckung gibt es auch bei gesunden Menschen. Diese können aber im Gegensatz zu Borderline-Patientinnen und -Patienten die Situation des Gegenübers besser einschätzen. „Ein weiterer wesentlicher Befund ergab sich aus einer weniger starken neuronalen Aktivierung in präfrontalen Arealen bei Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung. Im Gegensatz zum Spiegelneuronensystem sind die Aktivierungen in diesen Arealen mit reflektiven Prozessen assoziiert. Diese Prozesse ermöglichen beispielsweise eine adäquate Differenzierung von unterschiedlichen Emotionen und sind die Voraussetzung für die Fähigkeit, sich in die Gedanken und Gefühle von anderen Menschen hineinzuversetzen und damit soziale Interaktionen besser verstehen und regulieren zu können“, sagte Labek. Experten sprechen bei dieser Art der Empathie von „Mentalisierung“. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung an Mentalisierungsdefiziten leiden und deswegen die Absichten und Motivationen von anderen Personen weniger gut einschätzen können. „Die Demonstration eines Ungleichgewichts zwischen dem Spiegelneuronensystem und einem reflektiven Verständnis von anderen liefert eine neurobiologische Grundlage für innovative Psychotherapieansätze der Borderline-Persönlichkeitsstörung, die die Fähigkeit fördern, interpersonelle Kommunikation reflektiv zu verstehen“, sagte Viviani. Originalpublikation: Sosic-Vasic z. et al.: Mirror neuron activations in encoding of psychic pain in borderline personality disorder. NeuroImage: Clinical 2019;22:101737.
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