Hausarztpraxis: Bis zu 90 Prozent der Fälle fallabschließend behandelt?23. Oktober 2026 Bild KI-generiert (Gemini). Laut einer Analyse zu Akutfällen in Hausarztpraxen können bis zu 90 Prozent dieser Fälle fallabschließend behandelt werden. Der SpiFA kritisiert: Das sei nicht pauschal auf das ganze Land oder alle Fälle übertragbar. Die Behauptung, dass 80 bis 90 Prozent der Akutfälle fallabschließend beim Hausarzt behandelt werden können, wird häufig wiederholt und beruht laut Spitzenverband Fachärztinnen und Fachärzte Deutschland (SpiFA) bei Nachfrage auf einer einzigen aktuellen Studie mit deutschen Daten1. Die retrospektive Studie wurde im Jahr 2025 bewusst in der Zeitschrift „International Journal of Emergency Medicine“ publiziert und versteht sich als Ergänzung thematisch vergleichbarer Arbeiten aus stationären Notfallzentren. Inhaltlich wird die Inanspruchnahme akuter medizinischer Leistungen in Hausarztpraxen analysiert. Einzelne regionale Kohortenstudie „taugt nicht zur seriösen Argumentation“ Die Studie könne jedoch aufgrund wesentlicher methodischer Schwächen nicht überzeugen, so der SpiFA. Insbesondere die im gesundheitspolitischen Diskurs verbreitete These, dass 80 bis 90 Prozent aller akuten Behandlungsfälle fallabschließend in einer Hausarztpraxis versorgt werden können, lasse sich basierend auf dem vorgelegten Studienmaterial nicht untermauern. „An einer einzelnen regionalen retrospektiven Kohortenstudie generalisierte Rückschlüsse für das ganze Land festzumachen ist wissenschaftlich nicht haltbar und taugt nicht zur seriösen Argumentation“ sagt Prof. Hermann Helmberger, stellvertretender Vorsitzender des SpiFa. Zentrale Kritikpunkte des SpiFa Ein Hauptkritikpunkt des SpiFA bezieht sich auf die Zielsetzung der Studie. Zur Analyse wurden in der Studie „notfallmäßig“ vorstellig gewordene Patieninnen und Patienten eingeschlossen. Die allgemeine Aussage, dass 80 bis 90 Prozent aller Behandlungsfälle in der Hausarztpraxis fallabschließend behandelt werden können kann damit nicht abgeleitet werden, da diese Frage nicht Untersuchungsziel war. Allenfalls könnte die Aussage zu Notfallpatienten dieses Ergebnis zeigen. Darüber hinaus verweist der Facharztverband auf Aspekte, die die Aussagekraft der vorgelegten Studie einschränken beziehungsweise keine Definition als fallabschließende Behandlung erlauben: Unschärfe bei Akut-Definition und Chroniker-Anteil: In die Studie eingeschlossen wurden Akutfälle, die über das Terminsystem definiert waren (Besuche am selben Tag oder ohne Termin). Die Autoren räumen ein, dass hierunter auch organisatorisch vorgezogene Termine fallen können. Zudem wurden 90.020 Patienten mit circa 873.000 Konsultationen untersucht (durchschnittlich ca. 4,7 Kontakte pro Jahr). Das weist auf einen sehr hohen Anteil chronisch kranker Patienten hin, deren spontane Besuche in der Akut-Differenzierung nicht angemessen berücksichtigt wurden. Auch ein Besuch der Praxis zum Ausstellen eines Rezeptes würde unter diese Definition fallen. Fehldefinition der „Fallabschließbarkeit“: Als „fallabschließend behandelt“ wurde in der Studie definiert, wenn innerhalb von 14 Tagen keine erneute Konsultation in derselben Praxis stattfand. Betrachtet man den Zeitraum von 14 Tagen, sinkt der Anteil der Fälle ohne weitere Inanspruchnahme in der Praxis bereits auf 75 Prozent. Zudem blieb völlig unberücksichtigt, ob in dieser Zeit Kontaktaufnahmen zu anderen Sektoren (z. B. Krankenhausnotaufnahmen) erfolgten ohne die Hausarztpraxis zu informieren. Eingeschränkte Repräsentativität und regionales Bias: Die Untersuchung basiert auf den Daten von lediglich 16 Hausarztpraxen aus einem einzigen Bundesland (Baden-Württemberg), die überwiegend in ländlichen und semi-ländlichen Regionen liegen. Eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf städtische Ballungsräume oder das gesamte Bundesgebiet ist daher nicht gegeben. Lückenhafte sektorübergreifende Erfassung: Patientenströme außerhalb der 16 untersuchten Praxen wurden unzureichend erfasst. Wenn Patientinnen und Patienten nach dem Erstkontakt Facharztpraxen, andere Hausärzte oder Notaufnahmen aufsuchten, spiegelt sich dies in den Daten nicht wider, sofern es nicht nachträglich in der jeweiligen Hausarztpraxis dokumentiert wurde. Hoher Anteil unspezifischer Diagnosen: Rund 23 Prozent der Diagnosen entfielen auf das völlig unspezifische ICD-10-Kapitel Z (Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen). Bei einem Viertel der Fälle lag somit eine unkonkrete Diagnose vor, was eine hohe diagnostische Unsicherheit widerspiegelt. Zudem fehlen differenzierte Statistiken zu den Gründen von Überweisungen und Krankenhauseinweisungen. Fazit: Diskrepanz zwischen Studiendesign und Interpretation Das primäre Studienziel der diskutierten Analyse sollte als Ergänzung zu ähnlichen Arbeiten aus stationären Notfallzentren das Inanspruchnahmeverhalten bei akutem Bedarf in der Primärversorgung quantifizieren. „Die Studie war somit nicht darauf ausgelegt zu beweisen, wie oft Hausarztpraxen tatsächlich eine definitive medizinische Klärung im Sinne einer fallabschließenden Behandlung herbeiführen, auch nicht für die Notfallsituation“, konstatiert der SpiFA. Zudem weise die Studie erhebliche Schwächen im Design, bei den Einschlusskriterien und der Plausibilisierung der erhobenen Daten auf. Wer diese Zahlen als Beleg für eine vermeintlich vollumfängliche Akutversorgung in der Primärversorgung anführe, stütze sich auf eine wissenschaftlich nicht belastbare Grundlage, so der Fachärzteverband weiter. „Keine Fachdisziplin – innerhalb und außerhalb der Medizin – kann heute noch für sich in Anspruch nehmen 80 bis 90 Prozent der Fragestellungen abschließend lösen zu können“ führt Helmberger aus. „Das gilt in gleichem Maße für die hausärztliche Versorgung. Das muss sie auch nicht, denn dafür gibt es aus gutem Grund die Arbeitsteilung zwischen haus- und fachärztlicher Versorgung. Die verschiedenen Arztgruppen hier mit scheinbar hohen Prozentzahlen gegeneinander auszuspielen, hilft der zügigen Versorgung der Patientinnen und Patienten sicher nicht“, resümiert der SpiFa-Vize. Originalpublikation: Strumann et al. Utilization of acute medical services in general practice: a retrospective routine data analysis. Int J Emerg Med 2025 Aug 7;18(1):147.
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