„Das Mindset muss sich ändern“22. Oktober 2026 Auch der Sanitätdienst der Bundeswehr ist wieder mit einem Stand auf dem DKOU vertreten. (Foto: hr, Biermann Medizin) Die weltpolitische Lage mit Konflikten und Kriegen allerorts und insbesondere der nahe Krieg in der Ukraine verändern auch die Medizin tiefgreifend. Kriegsbedingte Versorgungsfragen verrücken den medizinischen Alltag und erfordern eine verstärkte zivil-militärische Zusammenarbeit, wie es auch das Programm des DKOU eindrücklich zeigt. Von Harald Raabe Über einen Mangel an „Highlight-Sessions“ und „Hot topics“ kann der DKOU als größter europäischer Kongress für O & U wahrlich nicht klagen, so auch am ersten Kongresstag, an dem jedoch der Themenkomplex „Kriege und ihre Auswirkungen auf die Versorgungsstrukturen“ im Programm besonders herausstach. So wurde die Veranstaltung „Im Ernstfall unteilbar: Zivil-militärische Zusammenarbeit in der deutschen und europäischen Verletztenversorgung“ gehighlightet und als Hot topic das „Weißbuch 3 K (Traumatologische Versorgung in Katastrophe, Krise, Krieg): Implikationen für die Versorgung und Ertüchtigung in den Traumanetzwerken“ vorgestellt und diskutiert. Ein Tag, der einem auf den Magen schlagen konnte, oder aber der nüchtern aufzeigte, ob man auf Attacken von Aggressoren vorbereitet ist, beziehungsweise wie unter aktuell drohenden Szenarien die medizinische Versorgung bewerkstelligt werden kann und wo dabei die Herausforderungen liegen. Zivil-militärische Zusammenarbeit in Deutschland und Europa Generaloberstabsarzt Dr. med. Ralf Hoffmann (Bonn) gab in seinem Vortrag „Geopolitics in a nutshell“ einen Überblick, auf welche neuen Bedrohungen sich Deutschland einstellen muss. Die Erfahrungen, die derzeit die Ukraine machen muss, gaben dazu die Blaupause. So führt dieser Krieg, der zu einem großen Teil mit Drohnen geführt wird, zu schwersten Explosionsverletzungen mit großen Wunden und starken Verbrennungen und einer Besiedlung mit resistenten Keimen. Die klassische Schussverletzung durch Kugeln sei quasi vernachlässigbar, so der Militärarzt. Infolge eines Angriffes wird laut Hoffmann eine zivil-militärische Zusammenarbeit bei der Versorgung von kriegsbedingten Verletzungen unabdingbar. „Alle Operateure unserer Bundeswehrkliniken werden an der Front sein“, erklärte der Generaloberstabsarzt, nach Deutschland verlegte Soldatenpatienten müssten dann vom Personal ziviler Einrichtungen versorgt werden, so das Szenario. „Deshalb müssen wir auch herausfinden, wie viele Menschen wir im Hintergrund haben, um uns zu unterstützen“, so Hoffmann weiter. Die Strukturen innerhalb derer dies organisiert werden wird, ist derweil schon klarer. Für die Versorgung im Kriegsfall ist Deutschland in vier große Cluster eingeteilt. Dort übernimmt je ein Hub die Koordinierung. Über zentrale Aufnahmestellen wird die große Anzahl von Schwerverletzten, von denen schätzungsweise 1000 pro Tag erwartet werden, in die möglichst passende Klinik verteilt, erläuterte der Generaloberstabsarzt. Darauf gelte es sich im Land vorzubereiten. Er verwies zudem auf die Bedeutung eines rechtlichen Rahmens, den es brauche, um die erforderlichen verlässliche Strukturen und Netzwerke in Deutschland zu etablieren. Der Referententwurf dazu sei in Arbeit und werde in naher Zukunft erwartet, berichtete er. Niederlande: Eine zentrale Drehscheibe für Miltär- und Verwundetentransporte Die Perspektive der Niederlande brachte der Traumachirurg Prof. Michal Edwards (Nijmwegen) ein, der sein Land vor ähnlichen Herausforderungen wie Deutschland, aber viele Fragen der zivil-militärischen Kooperation noch weniger gelöst als beim großen Nachbarn sah. Man stelle sich dort unter anderem die Frage, wie man im Konfliktfall unter einem Mangel an Energie, Bettenzahlen und personellen Ressourcen bestehen könne. „Das macht mir wirklich Sorgen“, so Edwards. Denn wie Deutschland werden auch die Niederlande laut Edwards zu einer zentralen Drehscheibe für militärische Transporte und die Verletztenversorgung – zumal in dem Land wichtige große Seehäfen liegen. Die medizinische Versorgung muss von 14 Kliniken, niederländische Traumazentren der Level 1 und 2, gestemmt werden, erklärte der Traumachirurg. In diesen finde zivil-militärische Zusammenarbeit bereits jetzt statt. Er brachte in diesem Zusammenhang eine weitere essenzielle Frage auf, die der Krieg in der Ukraine täglich vor Augen führt: Drohnen werden nicht nur auf militärische Ziele, sondern längst auch auf Sanitätsfahrzeuge und medizinische Versorgungszentren geleitet – auch weit im Hinterland. „Wenn die Drohnen diese Strukturen erkennen, dann liegen sie in der Gefahrenzone“, so Edwards. Das führe nochmals zu einem völlig neuen Blick auf die bestehenden Versorgungszentren und die Art und Weise wie sie im Konfliktfall arbeiten könnten. Auch die Frage nach den Kommandostrukturen warf er auf, die im Kriegsfall in den Niederlanden klar und militärisch geregelt seien. Zugleich wünschte er sich bessere Kommunikationsstrukturen in Europa, die zwischen den einzelnen Nationen bisher eben nicht so klar seien. Die Gefahr sei, dass im Krieg überlastete Länder deshalb nicht schnell genug von Nachbarländern unterstützt werden, in denen noch freie Kapazitäten in der Versorgung bestehen. „Trauma ist eine politische Krankheit” Für Spanien sprach Dr. Isidro Martinez Casas (Sevilla), der zudem auch als Präsident der Europäischen Gesellschaft für Trauma- und Notfallchirurgie (ESTES) den Blick auf europäische Kooperationen weitete. Zwar gebe es in Spanien zivil-militärische Kooperationen etwa in der Ausbildung oder etwa über die „Roten Westen“, das spanische Team für humanitäre Nothilfe und Katastrophenmedizin im Ausland. Dieses sei zum Beispiel innerhalb von 72 Stunden in der Lage, mobile Feldhospitäler aufzubauen, berichtete er. Aber er sei sich auch bewusst, dass man insgesamt noch sehr weit von einer gut funktionierenden zivil-militärischen Zusammenarbeit entfernt ist. Martinez erläuterte, dass in Spanien 20 Jahre lang Militärkliniken in zivile Einrichtungen verwandelt wurden und man nun vor dem Problem stehe, wieder in etwas zu investieren, von dem man nicht wisse, ob es je stattfinde. „Das ist ein echtes Problem für die Gesellschaft und die Politik. Trauma ist eine politische Krankheit“, so Martinez. Dies sei auch ein Grund, warum die ESTES versuche, Politiker damit zu konfrontieren sowohl lokale, nationale als auch europäische Investitionen für die zivil-militärische Zusammenarbeit zu tätigen, und so Schritt für Schritt voranzukommen. Ausnahmesituation Katastrophe, Krise, Krieg – Am Ausbau bestehender Strukturen führt kein Weg vorbei Oberstarzt Prof. Dr. med. Axel Franke um Bundeswehrkrankenhaus Ulm stellte fünf Fakten zur fachlichen Konzeption des von der DGU herausgegebenen Weißbuches 3 K vor, das erst am 29. Juli dieses Jahres erschienen ist und das sowohl Ausganglage und Zielsetzung der Krisenversorgung auf verschiedenen Ebenen thematisiert. Oder wie es sein Vortragstitel suggerierte, geht es eher um die Fragen, ob die Krise in der Versorgung liegt beziehungsweise die Versorgung in der Krise steckt? Fünf Fakten aus dem Weißbuch 3 K Fünf wesentliche Fakten des Weißbuch-Inhaltes stellte er vor: Erster Fakt sei die strategische Verteilung von Kriegsverletzten in die Kliniken. Dies solle möglichst zielgenau, ohne weitere Verlegungen geschehen und ohne Konkurrenz zu ziviler Versorgung. Fakt zwei: Um Krisenversorgung zu kompensieren, erfordere es Robustheit, die Geld koste und Resilienz, die im Kopf eines jeden beginne. Insgesamt gehe es um einen ganzheitlichen Ansatz in einem Netzwerk, so der dritte Fakt. Das bedeute, 3 K erfordere interdisziplinäre, interprofessionelle, intersektorale und inklusive Kooperationen. Als Fakt vier nannte Franke die Ertüchtigung von Personal, Kliniken, Netzwerken, Material, Resilienz und Denkweisen. Wie in einem Bewässerungssystem müsse alles gleichzeitig geschehen, insbesondere die Denkweise – das Mindset – müsse sich deshalb ändern. Den fünften Fakt des Weißbuches fasste er als „gläsernes Gefechtsfeld“ zusammen. Sich ständig und rasant ändernde Waffentechniken erforderten ebenfalls ein ständig lernendes System. Dies umfasse etwa chirurgische Kompetenzen, Register oder Innovationen als Netzwerkleistungen. Keine Hysterie, sondern nüchterne Analyse ist gefragt „30 Jahre Friedensdividende sind aufgebraucht“, konstatierte Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus (Koblenz), der die Sicht des zentralen Sanitätsdienstes der Bundeswehr auf das Weißbuch vortrug. Daraus dürfe keine Hysterie erwachsen, sondern nun seien Analysen und Fakten gefragt, um auf eine veränderten Versorgungsauftrag zu reagieren. Man könne auch nicht erwarten, dass man „wenn man 30 Jahre auf dem Sofa gechillt hat“ heute auf die zurecht vielen Fragen Antworten innerhalb eines Jahres geben kann. Dabei steckt im deutschen Gesundheitssystem schon vieles, das nun angepasst werden müsse, zeigte er sich überzeugt. „Seit gut einem Jahr ist das zivile System auf einem guten Weg, hier seine Hausaufgaben zu machen“, so Backus, der als Kommandeur für die Gesundheitsversorgung in der Bundeswehr zuständig ist. „Wir brauchen gut ausgebildetes Laien- und Fachpersonal, das sich auch im militärischen Kontext bewegen kann”, forderte Backus. Der Krieg in der Ukraine habe auch gezeigt, dass heute eine Unterscheidung zwischen militärischen und zivilen Mitteln und Einrichtungen kaum noch stattfinde. Sanitätsdienste, Hilfskräfte, Krankenwagen und das Rote Kreuz seien längst zu Angriffszielen geworden. „Noch nie waren unter diesen Helfern so viele Tote wie im Jahr 2025“, berichtete er. „Übungen sind die Währung der Abschreckung“ Bei allen bevorstehenden Herausforderungen und Änderungen sprach sich der Militärarzt jedoch für Pragmatismus aus. Wenn etwa das Personal fehle, um die eigentlich ausreichend vorhandenen Intensivbetten zu betreiben, so müsse man eben den Personalschlüssel ändern, so einer seiner Vorschläge. Das oberste Versorgungsziel nannte Backus im Falle eines Krieges den von den Hubs organisierten Patientenabfluss in primäre Kliniken, zu sekundärversorgenden Krankenhäusern in Rehaeinrichtungen bis zur ambulanten Versorgung. „Ein Patientenhopping können wir uns dabei nicht leisten.“ Das Ganze könne nur über eine Konzertierung von Bundeswehrkrankenhäusern, BG-Kliniken und Maximalversorgern erreicht werden. „Und das funktioniert auch, es muss aber auch immer wieder geübt werden“, betonte Backus, damit im Ernstfall am Hub die ineinandergreifenden Systeme von militärischer und ziviler Versorgung erfolgreich seien. „Übungen sind die Währung der Abschreckung“, so Backus. „Wir benötigen keinesfalls einen Kaltstart“ Der Chirurg Prof. Gerit Matthes (Potsdam) blickte positiv auf die Anforderungen der Traumanetzwerke und die derzeit 48 zertifizierten Traumazentren im Land. „Das System funktioniert bereits seit 20 Jahren. Wir benötigen hier keinesfalls einen Kaltstart.“ Mit dem Aufbau orthoplastischer Zentren, sei man einen weiteren Schritt vorangekommen. Was dort fehle, sei die Möglichkeit Augenverletzungen zu behandeln. „Hier kooperieren wir mit den ophthalmologischen Fachgesellschaften, erste Zertifizierungen werden bald stattfinden“, berichtete Matthes. Auch bei den spezifischen Ausbildungen sei man auf einem guten Weg, Die ATLS®(Advanced Trauma Life Support)- und TDSC®(Terror and Disaster Surgical Care)-Kurse nähmen dabei bereits einen großen Raum ein. Verbesserung von Kommunikation und Effizienz Bei der Kommunikation – hier nannte er explizit die Bundeslandmoderatoren – und bei der Notfallchirurgie sah der Mediziner aber auch noch Luft nach oben. Auch sei es wichtig, mehr untergeordnete Kliniken einzubinden. „Das muss gedacht werden, wenn man das Verwundetenmanagement bei langfristigen Konflikten gewährleisten will. Zudem gelte es die Kleeblatt-Strukturen auszubauen, die für die Versorgung bei Katastrophen und Rettung eingreifen. Das wiederum liegt in der Verantwortung der Innenministerien, während die Kliniken im Verantwortungsbereich der Gesundheitsminister und die Unikliniken der Wissenschaftsminister liegen. Effizienz sehe anders aus und eine Neuordnung wäre wünschenswert, so die einhellige Meinung in der Session. „Ideen gibt es viele – Mängel aber auch“ Prof. Klemens Horst brachte als Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster, die auch als erstes orthoplastisches Zentrum zertifiziert wurde, weitere Aspekte und offene Fragen ein. Etwa die der Ressourcen. „Wer liefert die Implantate?“, fragte er. Die zehn wichtigsten Player seiner Klinik seien alle aus den USA. Die Strom- und Medikamentenversorgung im Krieg sicherzustellen sei ebenfalls vonnöten. Außerdem müsse im Konfliktfall das Personal voraussichtlich in der Klinik verbleiben. „Wie sieht dann dessen Versorgung aus?“ Schließlich warf er noch die Frage nach dem Easy Command auf, also der kofferartigen mobilen Einsatzzentrale via Satellitentelefon, das ihm seine Klinik netterweise bereitgestellt habe. „Doch wer, außer mir hat noch ein Satellitentelefon, mit dem ich dann kommunizieren kann?“, fragte er mehr rhetorisch. Sein Resümee: „Ideen gibt es viele – Mängel aber auch.“ Ein weiteres ernüchterndes Fazit zu den beiden Veranstaltungen rund um um Krieg und seine Auswirkungen auf das Gesundheitssystem zog abends Prof. Frank Hildebrand bei der offiziellen Kongresseröffnung: „Es ist vielleicht nicht mehr die Frage ob, sondern wann wir angegriffen werden und die beeindruckenden Sessions am Morgen haben gezeigt, dass wir gerade deswegen auch in unserem Fach neue Wege gehen müssen“, so der DGU-Kongresspräsident. 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