Für den militärischen Ernstfall gerüstet: Neue Spezialzentren zur Versorgung Schwerverletzter

Alexander Friedrich, Frank Hildebrand, Ulrich Kneser, Steffen Roßlenbroich, Tobias Hirsch (v.l.) erläuterten den Aufbau neuer Orthoplastischer Kompetenzzentren in Deutschland. (Bild: UKM)

Am Universitätsklinikum Münster wurden am 19. Juni bei einem Treffen der Arbeitsgemeinschaft Orthoplastische Chirurgie die ersten zertifizierten orthoplastischen Kompetenzzentren Deutschlands benannt.

Nach Angaben der beteiligten Fachgesellschaften soll somit soll die Versorgung schwerverletzter Patientinnen und Patienten verbessert und zugleich die medizinische Vorbereitung auf Krisen-, Katastrophen- und mögliche Bündnisfälle gestärkt werden. Langfristig solle in jedem TraumaNetzwerk DGU® mindestens ein solches Zentrum etabliert werden.

Gebündelte Expertise zur Schwerstverletzenversorgung

„Die Erfahrungen aus dem Ukraine-Krieg haben gezeigt, wie wichtig spezialisierte Strukturen für die Behandlung komplexer Explosions- und Mehrfachverletzungen sind. Mit den neuen Kompetenzzentren bündeln wir Expertise dauerhaft und machen sie für die Versorgung Schwerverletzter gezielt verfügbar“, erklärte Prof. Frank Hildebrand, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) sowie der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) vor Pressevertretern.

Wie entscheidend die enge Zusammenarbeit von Orthopädie und Unfallchirurgie sowie Plastischer, Rekonstruktiver und Ästhetischer Chirurgie ist, wurde an zwei Beispielen erläutert: einem Patienten mit einer schweren Explosionsverletzung und einer Patientin mit einer schweren Verkehrsverletzung: Neben mehrfach gebrochenen Knochen waren bei beiden Patienten große Teile von Haut, Muskeln und Blutgefäßen zerstört. Ob eine Extremität erhalten werden kann, hängt in solchen Fällen nach Angaben der Experten nicht allein von der Stabilisierung der Knochen ab. „Entscheidend ist, dass die Spezialistinnen und Spezialisten von Beginn an gemeinsam behandeln. Nur so lassen sich bei solchen komplexen Verletzungen optimale Heilungsergebnisse erzielen“, betonte Prof. Ulrich Kneser, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie (DGPRÄC).

Standardisierte Behandlungswege und Konzepte für eine gezielte Patientensteuerung

Beim Treffen der Arbeitsgemeinschaft (AG) Orthoplastische Chirurgie der DGU und der DGPRÄC am Universitätsklinikum Münster (UKM) diskutierten rund 80 Expertinnen und Experten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz darüber, wie sich die Expertise künftig innerhalb der TraumaNetzwerke DGU besser bündeln und verfügbar machen lässt. „Die enge Vernetzung von Kliniken kann den Zugang zu hochspezialisierter Versorgung deutlich verbessern. Wir diskutieren gemeinsame Qualitätsstandards, standardisierte Behandlungswege und Konzepte für eine gezielte Patientensteuerung“, erläuterte Prof. Tobias Hirsch, Sprecher der AG und Direktor der Klinik für Plastische, Rekonstruktive und Ästhetische Chirurgie am UKM. 

Ein Schwerpunkt des Treffens lag zudem auf der Weiterentwicklung und bundesweiten Ausweitung der Zertifizierungsstrukturen für orthoplastische Kompetenzzentren innerhalb der TraumaNetzwerke DGU. „Patientinnen und Patienten profitieren von einer besseren Vernetzung der Kliniken. So können komplexe Verletzungen schneller dort behandelt werden, wo die notwendige Erfahrung und Infrastruktur vorhanden sind“, erklärte Prof. Alexander Friedrich, Ärztlicher Direktor des UKM.

Impulse durch das G-BA-Innovationsfondsprjekt EXPERT

Wichtige Impulse für diese Entwicklung lieferte bereits das G-BA-Innovationsfondsprojekt EXPERT, das von Prof. Steffen Roßlenbroich am UKM geleitet wurde. Über ein digitales interdisziplinäres Extremitätenboard wurden dabei 32 Kliniken in Nordwestdeutschland bei der Behandlung komplexer Verletzungen unterstützt. Derzeit wird der Abschlussbericht erstellt. Die positiven Erfahrungen gelten laut Roßlenbroich, der auch Sprecher der AG Orthoplastische Chirurgie ist, als wichtige Grundlage für den weiteren Ausbau orthoplastischer Strukturen. „Resiliente Gesundheitsversorgung beginnt lange vor einer Krise. Wer spezialisierte Netzwerke aufbaut und Expertise bündelt, sorgt dafür, dass Schwerverletzte auch in außergewöhnlichen Situationen bestmöglich versorgt werden können“, so Roßlenbroich.

(hr/BIERMANN)

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