Adipositas: Das Verhalten ändern oder die Verhältnisse?

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Übergewicht und Adipositas haben in Deutschland und weltweit in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen. 30 Prozent der Frauen und 45 Prozent der Männer in Deutschland sind übergewichtig (BMI von 25 bis 30). Eine Adipositas kann bei Frauen in 21 Prozent, bei Männern in 20 Prozent diagnostiziert werden. Nach WHO, NIH und DAG ist ein Patient mit einem BMI von mehr als 30 kg/(m)2 als adipös definiert (1). Ein BMI von 25 bis 30 entspricht Übergewicht. Auch bei Kindern nehmen Übergewicht und Adipositas immer mehr zu (2). Circa zehn Prozent der Kinder in Deutschland sind bei ihrer Einschulung übergewichtig.

Adipositas ist von vielen Faktoren abhängig: Die Ursachen der Adipositas sind polygenetisch fixiert, das heißt, verantwortlich für die Entstehung von Adipositas ist ein Zusammenspiel von Lebensstil und Umweltfaktoren sowie von Genen. Während sich die genetische Ausstattung des Menschen in den letzten Jahrhunderten nicht signifikant verändert hat, trifft dies jedoch auf das Lebensumfeld, das durch ein Überangebot an Nahrung und zunehmender Bewegungsarmut charakterisiert ist, zu. Die Möglichkeit der Fettspeicherung in Form von Adipositas hat bisher in der Evolution für Mensch und Tier einen wesentlichen Überlebensvorteil dargestellt. Mit Blick auf die heutigen Lebensumstände gestalten sich diese Fettspeicher jedoch als ein gravierender Nachteil.

Langanhaltendes Übergewicht und Adipositas belasten den Stoffwechsel, Kreislauf und die Gelenke. Gehäufte Erkrankungen wie Diabetes mellitus, Herzinsuffizienz, Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Krebserkrankungen und Gelenkverschleiß sind zwangsläufige Folgen. Die Lebensqualität adipöser Patienten ist eingeschränkt, die Lebenserwartung verkürzt (3).

Die durch Adipositas bedingten Erkrankungen, die steigende Kosten für Krankenversicherungen und Sozialversicherungssysteme zur Folge haben, begründen gewichtsreduzierende Maßnahmen. Entsprechend der multifaktoriellen Genese der Adipositas muss die Behandlung nach nationalen und internationalen Leitlinien interdisziplinär, multimodal und nachhaltig sein: Medizin, Ernährung, Bewegung und Verhaltenspsychologie sind die Säulen einer erfolgreichen Adipositasbehandlung. Bei medizinisch notwendiger Gewichtsreduktion zur Risikosenkung können konservative Therapieprogramme mit multimodalem Ansatz erfolgreich sein. Doch die individuelle Verhaltensänderung ist schwer umzusetzen: Viele Patienten fallen in alte Gewohnheiten und Muster zurück und nehmen so nach und nach wieder an Gewicht zu. Zwar können Medikamente oder bariatrische Chirurgie in einigen Fällen unterstützen, sie sollten jedoch nur kurzfristig verwendet werden beziehungsweise nur bei Hochrisikopatienten als Ultima ratio angewandt werden.
Die Ergebnisse der Adipositas-Behandlung sind unbefriedigend, weil eine leitliniengerechte Therapie in Deutschland nicht finanziert ist. Deshalb ist dies für die Gesellschaft eine neue Herausforderung. Zum einen müssen extrem hohe Kosten aufgewendet werden, um Adipositas einigermaßen erfolgreich zu behandeln. Zum anderen ist die Zunahme von Morbidität und Mortalität ab einem BMI von 30 zwar gut belegt, individuell aber eben sehr unterschiedlich. Das heißt, die Therapie muss anhand einer Risikostratifizierung erfolgen und nicht in pauschalen Programmen für alle (4). Adipositas-Behandlung stellt eine Auseinandersetzung mit der Evolution dar.
Zur Vermeidung einer epidemiehaften Zunahme der Adipositas müssen präventive Maßnahmen zum Einsatz kommen. Die Beeinflussung der adipogenen Umwelt und des Individuums durch eine Verhältnisprävention, also die Schaffung gesundheitsfördernder Verhältnisse, ist der individuellen Verhaltenstherapie deutlich überlegen und zudem ökonomischer. Erfolge der Verhältnisprävention bei Alkohol- und Tabakkonsum belegen, dass dies auch für die Ernährung gelten kann. Um der Zunahme von Übergewicht und Adipositas entgegenzuwirken, müssen Wissenschaft, Gesellschaft, Medien und Politik zusammenarbeiten: Präventionsmaßnahmen müssen in allen Lebensbereichen Eingang finden, so zum Beispiel in Kita, Schule, Gastronomie, Supermärkten und vielem anderen mehr. Konkrete Ansätze sind beispielsweise:
  • regelmäßige Bewegungsaktivitäten in Kitas, Schulen und Freizeit, zum Beispiel regelmäßiger Sportunterricht,
  • eine einfache und allgemeinverständliche Kennzeichnung von Lebensmittel
  • eine Einschränkung von Werbung für ungesunde Lebensmittel, insbesondere an Kinder gerichtete Werbung im Fernsehen und den sozialen Medien,
  • die Besteuerung stark gezuckerter Getränke,
  • die Limitierung der verfügbaren Packungsgrößen gesundheitsschädigender Lebensmittel, wie zum Beispiel Süßwaren, sowie
  • umfassende Öffentlichkeitsarbeit in Medizin, Medien und Politik.

Die Verhältnisse im Umfeld unseres täglichen Lebens positiv zu verändern, ist der erfolgversprechendste Weg, um die Ausbreitung von Übergewicht und Adipositas nachhaltig zu bremsen.

Referenzen:
(1) Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. S3-Leitlinie: Therapie und Prävention der Adipositas. http://www.awmf.or/uploads/tx_szleitlinien/050-001l_S3_Adipositas_Prävention_Therapie_2014-11.pdf
(2) Bjerregaard L.G., Jensen B.W., Ängquist L. et al. Change in Overweight from Childhood to Early Adulthood and Risk of Type 2 Diabetes. New England Journal of Medicine 2018; VOL 378 NO 14: 1302-1312. DOI: 10.1056/NEJMoa1713231
(3) Caleyachetty R., Thomas G.N., Toulis K.A. et al. Metabolically Healthy Obese and Incident Cardiovascular Disease Events Among 3.5 Million Men and Women. J Am Coll Cardiol. 2017 Sep 19; 70(12): 1429-1437. DOI: 10.1016/j.jacc.2017.07.763
(4) Sharma A. Lavie C.J., Borer J.S. et al. Meta-analysis of the relation of body mass index to all-cause and cardiovascular mortality and hospitalization in patients with chronic heart failure. Am J Cardiol 2015; 115:1428-34.

Quelle: Pressekonferenz im Rahmen des Kongresses ERNÄHRUNG 2018, Donnerstag, 21. Juni 2018, Kongress Palais Kassel (Professor Dr. med. Johannes Georg Wechsler, Kongresspräsident BDEM, Präsident des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner e.V. (BDEM), München)