Herzkranke Frauen erhalten seltener cholesterinsenkende Medikamente als Männer

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Eine retrospektive Beobachtungsstudie, vorgestellt auf dem ESC Preventive Cardiology 2024 in Athen (Griechenland), verdeutlicht: Frauen mit koronarer Herzkrankheit sind schlechter mit cholesterinsenkenden Medikamenten versorgt als Männer.

In den Leitlinien der European Society of Cardiology (ESC) werden für alle Patienten Statine zur Senkung des Cholesterinspiegels im Blut empfohlen. Wenn die Zielwerte für  Low-Density-Lipoprotein (LDL) mit der maximal verträglichen Dosis eines Statins nicht erreicht werden, sollten die Patienten ein Statin plus ein weiteres cholesterinsenkendes Medikament namens Ezetimib erhalten. Obwohl die Empfehlungen für die Behandlung und die LDL-Zielwerte gleich sind, haben frühere Studien gezeigt, dass Frauen die Zielwerte seltener erreichen als Männer. In der aktuellen Studie untersuchten Dr. Nina Johnston von der Universität Uppsala (Schweden) und Kollegen, ob Frauen und Männer die gleiche Behandlung erhalten.

Es handelte sich um eine retrospektive Beobachtungsstudie, an der 1037 Männer und 415 Frauen mit einem chronischen Koronarsyndrom teilnahmen, das zwischen 2012 und 2020 diagnostiziert wurde, und die noch nie einen Herzinfarkt erlitten hatten. Das Durchschnittsalter lag bei 68 Jahren bei den Männern und 70 Jahren bei den Frauen. Die Daten zu den Cholesterinwerten wurden aus elektronischen Gesundheitsakten entnommen. Informationen über die verordneten Medikamente wurden aus dem schwedischen Nationalen Medikamentenregister entnommen.

Die Teilnehmer wurden drei Jahre lang nach ihrer Diagnose beobachtet. Die Forschenden fanden heraus, dass am Ende des dritten Jahres der Nachbeobachtung nur 54 Prozent der Frauen mit cholesterinsenkenden Medikamenten behandelt wurden, verglichen mit 74 Prozent der Männer. Darüber hinaus wurden fünf Prozent der Frauen mit einem Statin plus Ezetimib behandelt, verglichen mit acht Prozent der Männer. Die Faktoren, die die beobachteten Geschlechtsunterschiede erklären könnten, werden von der Forschergruppe weiter untersucht.

Das Team um Johnston untersuchte auch die Behandlungen und Cholesterinwerte von Frauen und Männern mit chronischem Koronarsyndrom in verschiedenen Altersgruppen (unter 60; 60 bis 69,9; 70 bis 79,9; 80 Jahre oder älter). In allen Altersgruppen war die Verschreibung einer cholesterinsenkenden Medikation zum Zeitpunkt der Diagnose am höchsten und nahm in den folgenden drei Jahren ab. Dieser Rückgang der Behandlung im Laufe der Zeit war bei Frauen stärker ausgeprägt als bei Männern. So wurden beispielsweise bei Patienten unter 60 Jahren in der Woche nach der Diagnose 65 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer mit Cholesterinsenkern behandelt, drei Jahre später waren es 52 Prozent der Frauen und 78 Prozent der Männer. Auch die Zielwerte für das LDL-Cholesterin wurden bei Frauen seltener erreicht als bei Männern.

Johnston betont: „Unsere Ergebnisse sollten ein Weckruf für die Unterbehandlung von Frauen mit Herzkrankheiten sein. Wir brauchen eine gleichberechtigte Verschreibungspraxis, damit Frauen alle empfohlenen Therapien erhalten und vor nachteiligen Folgen geschützt werden.“

Entgegen der landläufigen Meinung sterben mehr Frauen als Männer an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Diese machen 45 Prozent aller Todesfälle bei Frauen aus, das sind in den 57 ESC-Mitgliedsländern mehr als alle Krebserkrankungen zusammen.