Hilfe bei Herzschwäche?15. November 2021 Ein Patient, Dr. Fabian Rathje, Professor Dr. Johann Bauersachs und Professor Dr. Udo Bavendiek (von links) mit der Aufnahme des Herzens nach einer bildgebenden Untersuchung. © Karin Kaiser/ MHH. Die Kardiologie der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ergründet die Wirkung von Digitoxin. Die Forschenden konnten nun bereits ihren 1000. Patienten in ihre multizentrische Studie einschließen. Kann Digitoxin, ein Wirkstoff aus den Blättern des Fingerhuts, Patienten mit Herzschwäche helfen? Vieles deutet darauf hin, doch wissenschaftlich untersucht und bewiesen wurde es bisher nicht. In der großangelegten DIGIT-HF-Studie gehen Forschende dieser Frage seit 2015 nach. Koordiniert wird die Studie, an der 50 Zentren in Deutschland, Österreich und jetzt auch Serbien beteiligt sind, von der Klinik für Kardiologie und Angiologie der MHH. Die Studienleiter, Klinikdirektor Professor Dr. Johann Bauersachs und Oberarzt Professor Dr. Udo Bavendiek, freuen sich jetzt über einen Meilenstein: Mit dem Patienten Herr S. haben sie nun den tausendsten Patienten in die Untersuchung eingeschlossen. „Das ist eine sehr hohe Zahl an Studienpatienten, und die damit verbundene Datenmenge ist schon jetzt ein großer Schatz für erste Analysen“, erklärt Bavendiek. „Mit den Daten werden wir voraussichtlich nicht nur unsere Ausgangsfrage beantworten, sondern viele weitere Erkenntnisse rund um die Therapie der Herzschwäche gewinnen können.“ Insgesamt sollen in die Studie 1.600 Patienten aufgenommen werden. Bis zu vier Millionen Menschen in Deutschland betroffen In Deutschland leiden bis zu vier Millionen Menschen an einer chronischen Herzschwäche. Symptome sind Atemnot und Wassereinlagerungen bis hin zur Unbeweglichkeit. Die Erkrankung ist eine der häufigsten Ursachen dafür, dass Menschen ins Krankenhaus eingewiesen werden müssen oder an den Folgen sterben. „In der DIGIT-HF-Studie untersuchen wir, ob Digitoxin das Leben von Patienten mit Herzschwäche verlängert und die Zahl der Krankenhausaufenthalte wegen einer Verschlechterung der Herzschwäche verringern kann“, erläutert Bauersachs. Bisher gibt es noch keine Studien über Digitoxin, obwohl der Wirkstoff schon seit mehr als 200 Jahren bei der Behandlung der Herzschwäche eingesetzt wird. Untersucht wurde bis jetzt nur ein anderer Wirkstoff aus der Familie der Digitalis-Glykoside: Digoxin. „Gegenüber diesem Wirkstoff hat Digitoxin den großen Vorteil, dass es auch bei Patientinnen und Patienten mit deutlich eingeschränkter Nierenfunktion eingesetzt werden kann“, sagt Bavendiek. Viele Menschen mit chronischer Herzschwäche leiden zusätzlich an einer fortgeschrittenen Nierenfunktionsstörung oder müssen sogar dialysiert werden. Die DIGIT-HF-Studie startete 2015. Im Jahr 2019 genehmigte das Bundesministerium für Forschung und Bildung (BMBF) eine Verlängerung bis zum Jahr 2024. Für diese zweite Förderperiode stellt das Ministerium rund 3,8 Millionen Euro zur Verfügung. Mit weiteren 700.000 Euro fördert die Brauckmann-Wittenberg-Herz-Stiftung die Forschung. Außer der Klinik für Kardiologie und Angiologie sind das Institut für Biometrie und das Zentrum für Klinische Studien der MHH sowie die Studienzentren der teilnehmenden Kliniken und Praxen an dem Forschungsprojekt beteiligt. Bis März 2023 sollen weitere 600 Menschen mit chronischer Herzinsuffizienz in die Studie eingeschlossen werden. Gesucht werden vor allem Patientinnen und Patienten, die an einer fortgeschrittenen systolischen Herzschwäche, also einer verminderten Pumpleistung der linken Herzkammer, leiden. Kein großer Aufwand für Studienteilnehmende Dieses Krankheitsbild weist auch Herr S. auf, der jetzt als 1000. Patient in die Studie aufgenommen wurde. Bei dem 41-Jährigen aus der Nähe von Wolfsburg wurde 2002 eine Herzschwäche diagnostiziert. „Die Ursache ist vermutlich eine Entzündung“, berichtet er. Von der Möglichkeit, an der Studie teilzunehmen, erfuhr er in der Transplantations- und Kunstherzambulanz der MHH. Für ihn und die anderen Teilnehmenden entsteht durch die Studie kein großer Aufwand. Sie werden grundlegend auf die Ein- und Ausschlusskriterien untersucht und müssen dann alle sechs Monate zur Kontrolle kommen und Angaben zu besonderen Zwischenfällen, eventuellen Krankenhausaufenthalten und dem persönlichen Befinden machen. „Die meisten Patienten fühlen sich durch die regelmäßigen Untersuchungen während der Studienvisiten und die stete Beobachtung besser betreut und profitieren allein schon so von der Studie“, berichtet Bavendiek. Die Forscher rechnen damit, Ende 2024 die Ergebnisse der großen DIGIT-HF-Studie veröffentlichen zu können. Zu einigen wichtigen Erkenntnissen sind sie aber jetzt schon gekommen. So können sie beispielsweise die Befürchtung entkräften, Digitoxin sei für bestimmte Patientengruppen mit Herzschwäche „gefährlich“ und könne zum Tod führen. „Dafür gibt es keine wissenschaftlichen Belege, und auch im bisherigen Studienlauf gibt es keine Signale, dass Digitoxin den Patienten schadet oder sie gefährdet“, stellt Bavendiek klar. Basierend auf den bisherigen Studiendaten wurden bereits Empfehlungen für eine einfache und sichere Dosierung von Digitoxin bei Patienten mit Herzschwäche erarbeitet.
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