Hinweise auf erhöhtes Regurgitations- und Aspirationsrisiko bei perioperativer Anwendung von GLP-1-Rezeptoragonisten

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GLP-1-Rezeptoragonisten werden zunehmend zur Behandlung von Diabetes oder zur Gewichtsreduktion eingesetzt. Die Ergebnisse einer Studie aus Großbritannien deuten nun an, dass die Anwendung dieser Medikamente das Risiko für eine Regurgitation während einer Narkose erhöhen könnte.

Die Ergebnisse der multizentrischen prospektiven Kohortenstudie wurden auf der Jahrestagung der Association of Anaesthetists in Liverpool (Großbritannien) vorgestellt und in der Fachzeitschrift „Anaesthesia“ veröffentlicht. Darin traten bei Patienten, die zur Durchführung eines operativen Eingriffs narkotisiert wurden, Regurgitationen und/oder pulmonale Aspirationen etwa elfmal so häufig auf, wenn sie unter einer Therapie mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) wie Semaglutid oder einem dualen GLP-1-/GIP-Rezeptoragonisten wie Tirzepatid standen (im Folgenden zusammenfassend als GLP-1-RA bezeichnet). Das absolute Risiko für die Komplikation war jedoch weiterhin gering, wie die Forschenden um Studienleiter Dr. Kariem El-Boghdadly vom Guy’s and St Thomas’ NHS Foundation Trust und dem King’s College London (Großbritannien) hervorheben.

Verzögerte Magenentleerung als Risikofaktor für Aspiration

Hintergrund ihrer Untersuchung war, dass GLP-1-RA bekanntermaßen die Magenentleerung verzögern. Ob sich dadurch das Risiko für eine Regurgitation und Aspiration im Rahmen einer Anästhesie erhöht, war bislang jedoch unklar. Auch ist nicht bekannt, wie häufig GLP-1-RA bei Patienten unter anästhesiologischer Betreuung eingesetzt werden und welche Strategien bei ihrer perioperativen Versorgung angewendet werden. Diese Fragen standen daher im Zentrum der aktuellen Erhebung.

Das Team führte im Auftrag der GLIMPSE Resident Research Networks and Collaborators eine nationale Studie an Erwachsenen durch, die sich unter der Betreuung eines Anästhesisten einem elektiven oder notfallmäßigen Eingriff unterzogen. Die Patienten wurden auf die Einnahme von GLP-1-RA in den drei Monaten vor dem Indexeingriff untersucht. Die Forschenden erhoben Routinedaten zu den Patienten, den durchgeführten Eingriffen und der verwendeten Anästhesie sowie zu den Ergebnissen, insbesondere zu pulmonaler Aspiration und Regurgitation. Der primäre Endpunkt war der Anteil der Patienten, die GLP-1-RA erhielten. Sekundäre Endpunkte betrafen das präoperative Management von GLP-1-RA, die Anästhesie und das Atemwegsmanagement bei Patienten, die GLP-1-RA erhielten, sowie die Inzidenz von Regurgitation und pulmonaler Aspiration.

Regurgitationen und Aspirationen unter GLP-1-RA häufiger

Von 47.039 Patienten aus 119 Zentren im gesamten Vereinigten Königreich gaben 1348 (2,9%) an, GLP-1-RA erhalten zu haben (69,9 % Tirzepatid; 26,2 % Semaglutid) – der Großteil (58,9 %) zur Gewichtsreduktion. Das perioperative Management variierte bei diesen Patienten hinsichtlich des Absetzens der Medikamente, der Anästhesie und des Atemwegsmanagements. Die Inzidenz von Aspiration und/oder Regurgitation betrug 57/45.691 (0,12 %) in der Nicht-GLP-1-RA-Kohorte und 19/1348 (1,41 %) in der GLP-1-RA-Kohorte, entsprechend etwa 1 von 802 beziehungsweise 1 von 71 Patienten.

Damit traten Regurgitationen und/oder pulmonale Aspirationen unter GLP-1-RA-Therapie etwa elfmal so häufig auf wie bei Patienten ohne GLP-1-RA-Therapie. Der Unterschied war dabei nahezu vollständig auf Regurgitationen zurückzuführen: In der GLP-1-RA-Gruppe wurden 17 Regurgitationen und zwei pulmonale Aspirationen beobachtet. Am häufigsten kam es zu diesen Komplikationen in der GLP-1-RA-Kohorte in der Auwachphase (10/19; 52,6 %).

Trotz gegenteiliger Empfehlung: Kurzfristiges Absetzen von GLP-1-RA häufig

Weiter zeigen die Ergebnisse große Unterschiede hinsichtlich des perioperativen Absetzens von GLP-1-RA. Fast einem Drittel der Patienten war geraten worden, ihre GLP-1-Medikamente vor der Operation abzusetzen, wobei die Mehrheit dieser Patienten ihre letzte Dosis acht bis 14 Tage vor der Operation einnahm. Die Autoren werten dies als konsistent mit einer Empfehlung zu einer einwöchigen Therapiepause. Diese Praxis steht im Gegensatz zu einer multidisziplinären Konsensempfehlung der Association of Anaesthetists, welche die Fortsetzung der GLP-1-RA-Gabe während der gesamten perioperativen Phase empfiehlt, da ein Absetzen der Medikamente für weniger als drei bis vier Wochen möglicherweise nicht ausreicht, um die Wirkung auf den Magen aufzuheben.

Bei einer Eliminationshalbwertszeit von fünf beziehungsweise sieben Tagen wären rechnerisch 25 beziehungsweise 35 Tage – entsprechend fünf Halbwertszeiten – erforderlich, um Tirzepatid beziehungsweise Semaglutid weitgehend aus dem Körper zu eliminieren. Welche Dauer des Absetzens tatsächlich erforderlich wäre, um das Risiko verbliebener Mageninhalte zu reduzieren, ist bislang jedoch unklar.

Ebenfalls interessant ist die Beobachtung, dass es in der GLP-1-RA-Kohorte vermehrt zu Komplikationen kam, obwohl die behandelnden Anästhesisten dazu tendierten, Optionen für das Atemwegsmanagement zu wählen, die das Risiko einer pulmonalen Aspiration und Regurgitation mindern sollten.

Kausalzusammenhang unklar: Weitere Studien nötig

Die Autoren betonen jedoch, dass aus den Daten kein Kausalzusammenhang abgeleitet werden kann. Eine wichtige Limitation besteht darin, dass für Patienten ohne GLP-1-RA-Therapie, bei denen keine Regurgitation oder Aspiration auftrat, keine detaillierten Patientendaten erhoben wurden und daher keine Adjustierung für potenzielle Confounder möglich war. So waren Adipositas und Diabetes, die beide mit einem erhöhten Aspirationsrisiko assoziiert sind, in der GLP-1-RA-Gruppe überrepräsentiert. Zudem kann ein Beobachterbias nicht ausgeschlossen werden, da die Anästhesisten über den GLP-1-RA-Status informiert waren und Regurgitationen bei diesen Patienten möglicherweise aufmerksamer erfassten.

Den Umstand, dass der Anstieg der kombinierten Rate von Regurgitations- und Aspirationsereignissen in der GLP-1-RA-Kohorte hauptsächlich durch vermehrte Regurgitationen getrieben wird, erklären sich die Forschenden mit den häufig verwendeten Strategien zur Verringerung der Aspiration, die möglicherweise trotz vorliegender Regurgitation das Eindringen von Mageninhalt in die Atemwege verhinderten. Da mehr als die Hälfte der Ereignisse während der Aufwachphase eintrat, raten die Autoren insbesondere dazu, die Trachealextubation sicher zu gestalten, anstatt sich nur auf die Atemwegssicherung während der Einleitung der Anästhesie zu konzentrieren.

„Zukünftige Leitlinien könnten eine Rolle bei der Beschreibung von Techniken zur Minderung von Komplikationen während des Aufwachens bei Patienten spielen, die GLP-1-RA erhalten“, schreiben sie. Es bräuchte aber weitere prospektive Studien, um Maßnahmen zu ermitteln, die das Risiko einer Aspiration mindern und die Behandlungsergebnisse der Patienten verbessern können.

(ah/BIERMANN)