Hinweise auf Verbindung von ADHS und chronischen Schmerzen

In einer Querschnittsstudie aus Japan waren ADHS-Merkmale bei Patienten mit chronischen Schmerzen weitaus häufiger zu finden als in der Allgemeinbevölkerung. (Foto: ©pathdoc/stock.adobe.com)

Menschen mit ADHS-Merkmalen zeigen häufiger Ängste, depressive Verstimmungen und negative Denkmuster. Indirekt steigt dadurch womöglich ihr Risiko für chronische Schmerzen, so das Ergebnis einer aktuellen Studie aus Japan.

Eine neue Studie unter der Leitung von Forschern der Universität Tokio legt nahe, dass Merkmale einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) mit chronischen Schmerzen in Verbindung stehen und zu diesen beitragen könnten. Der Zusammenhang scheint eindeutig, ist jedoch indirekter Natur: ADHS-bezogene Merkmale scheinen die Schmerzwahrnehmung der Betroffenen durch erhöhte Angstzustände, Depressionen und negative Denkmuster zu beeinflussen. Die in „Scientific Reports“ publizierten Forschungsergebnisse eröffnen neue Perspektiven für maßgeschneiderte Behandlungs- und Rehabilitationsansätze für Menschen mit ADHS und chronischen Schmerzen.

„In unserer Praxis begegnen wir häufig Patienten mit chronischen Schmerzen, die auf herkömmliche Behandlungen nicht gut ansprechen. Unter diesen Patienten zeigen viele Merkmale, die typischerweise bei ADHS auftreten, wie Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität oder Impulsivität sowie Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation“, beschreibt Erstautor Dr. Satoshi Kasahara seine alltäglichen klinischen Erfahrungen. „Dies veranlasste uns zu der Überlegung, ob ADHS-bezogene Merkmale in dieser Population häufiger vorkommen könnten als bisher angenommen und ob sie zur Persistenz und Schwere der Schmerzen beitragen könnten.“

ADHS-Merkmale bei Schmerzpatienten häufiger

In ihrer Studie untersuchten die Forscher erwachsene Patienten mit chronischen Schmerzen, die in spezialisierten Schmerzzentren in ganz Japan behandelt wurden. Sie prüften, wie häufig ADHS- und autismusbezogene Merkmale in dieser Population auftraten. Konkret nahmen 958 Patienten an der Studie teil. Im Screening wurden 17,1 Prozent aller Studienteilnehmer positiv auf Merkmale für ADHS und 4,4 Prozent für autismusbezogene Merkmale getestet. Von den Personen, die unter sehr starken chronischen Schmerzen litten, wurden sogar 27,4 Prozent positiv auf ADHS-Merkmale getestet.

„Wir stellten fest, dass ADHS-bezogene Merkmale bei diesen Patienten häufiger auftraten als in der Allgemeinbevölkerung, und zwar etwa 2,4-mal häufiger“, erklärt Kasahara, Mediziner an der Abteilung für Anästhesiologie und dem Schmerzzentrum am Universitätsklinikum Tokio. „Diese Merkmale standen zudem in engem Zusammenhang mit der Schmerzintensität sowie mit psychologischen Faktoren wie Angst, Depression und negativen Denkweisen in Bezug auf Schmerzen.“ Für autismusbezogene Merkmale entdeckten die Forscher keinen solchen Zusammenhang. Ihre Ergebnisse stützen die Annahme, dass psychische und neurologische Merkmale eine wichtige Komponente in der Entwicklung und Aufrechterhaltung chronischer Schmerzen spielen.

Laut den Forschern gibt es zudem starke Hinweise darauf, dass ADHS in diesem Zusammenhang bisher übersehen wurde. Viele Erwachsene mit ADHS sind nicht diagnostiziert und erhalten oft auch dann keine Diagnose, wenn sie wegen Beschwerden wie chronischen Schmerzen in ärztlicher Behandlung sind. Kasahara und sein Team sind der Ansicht, dass ihre Forschung für Kliniker nützlich sein könnte, da eine positive oder negative ADHS-Diagnose dabei helfen könnte, die Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit chronischen Schmerzen einzugrenzen.

Studie zur Behandlung von ADHS bei chronischen Schmerzen geplant

Nun erwägt das Team die Durchführung prospektiver und interventioneller Studien. Damit wollen sie klären, ob und wie die Behandlung von ADHS dazu beitragen kann, chronische Schmerzen zu lindern. Die angemessene Erkennung und Behandlung von ADHS bei Patienten mit chronischen Schmerzen könnte auch dazu beitragen, den Gesamtzustand eines Patienten zu verbessern. „Beispielsweise werden Ansätze wie kognitive Verhaltenstherapie und Rehabilitationsprogramme, die Bewegung beinhalten, weit verbreitet eingesetzt und gelten als wirksam bei der Linderung von Angstzuständen, Depressionen und negativen Denkweisen in Bezug auf Schmerzen, was wiederum dazu beitragen kann, chronische Schmerzen zu lindern“, sagt Kasahara.

„Darüber hinaus erkennen manche Patienten mit ADHS-bezogenen Merkmalen diese Merkmale möglicherweise selbst nicht vollständig, was zu Schwierigkeiten im Alltag und in zwischenmenschlichen Beziehungen beitragen kann. In solchen Fällen kann auch die Psychoedukation, die den Patienten hilft, ihre eigenen Eigenschaften zu verstehen und zu lernen, wie sie ihr Verhalten besser steuern können, eine wichtige Rolle spielen. Solche Ansätze können genauso wichtig sein wie Medikamente, und ein umfassender Ansatz, der medizinische, psychologische und rehabilitative Versorgung kombiniert, dürfte am wirksamsten sein.“

(ah/BIERMANN)