Primärversorgung in der Apotheke? – Eine „abwegige Idee“8. Juni 2026 Foto: Dan Race/stock.adobe.com Während die Apotheker zugunsten einer „schnelleren und effizienteren Versorgung“ Kompetenzen in der Primärversorgung für sich geltend machen, erteilen Ärzteverbände der „Primärversorgung light“ in der Apotheke eine „klare Absage“. Von Dr. Judith Amann „Die Apothekerinnen und Apotheker sind bereit, hier mehr Verantwortung zu übernehmen und wollen das Thema Primärversorgung gemeinsam mit anderen Gesundheitsberufen aktiv mitgestalten“, betonte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA). Passend zum „Tag der Apotheke“ am 7. Juni hatte die Vereinigung ein Positionspapier vorgelegt, dessen Vorschläge über die vom Bundestag beschlossenen Apothekenreform weit hinausgehen. Für den ABDA-Präsidenten Thomas Preis sind die geplanten pharmazeutischen Dienstleistungen „gute und richtige Schritte auf dem Weg zu einer effektiven Primärversorgung“. Diese könnten die Apotheken aber nur leisten, wenn das „Apothekensterben endlich aufhört“. Preis fordert deshalb auch eine Honorarerhöhung. Apotheke als erste Anlaufstelle? In ihrem Positionspapier schlägt die ABDA einen bunten Strauß an Maßnahmen für eine Primärversorgung in der Apotheke vor. So sollen etwa Beratungs-, Präventions- und Früherkennungsangebote zu Gesundheitsthemen oder Beratung zu digitalen Angeboten wie die elektronische Patientenakte (ePA) beziehungsweise digitale Gesundheitsanwendungen der „Gesundheitsförderung durch Motivation und Anreize“ dienen. Außerdem sollen Apotheken die digitale Ersteinschätzung ergänzen und Zugänge zum Gesundheitssystem vermitteln. Konkrete Maßnahmen sind für die ABDA etwa, dass es in Apotheken telemedizinische Sprechstunden gibt oder diese erste Anlaufstelle nach digitaler Ersteinschätzung sind. Darüber hinaus sollen neue Leistungen wie die pharmazeutische Betreuung nach Entlassung aus dem Krankenhaus, die Abgabe rezeptfreier Arzneimittel für Kinder zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung im Apotheken-Notdienst, Point-of-Care-Testungen ärztliche Akutsprechstunden und ärztliche Notdienste entlasten. Die ABDA möchte auch die Selbstbehandlung der Patienten stärken – mit Unterstützung durch Apothekenpersonal inklusive der Abgabe verschreibungspflichtiger Medikamente. Zu guter Letzt regt die Apothekervereinigung noch neue Leistungen in der Routineversorgung an. Als Beispiele nennt das Positionspapier unter anderem Begleitung in besonderen Lebensphasen – etwa die Wechseljahre – oder Therapiebegleitung bei stabilen chronischen Erkrankungen. Mit ihrem Positionspapier zur Primärversorgung in der Apotheke will die ABDA eine „notwendige Debatte in Politik, Gesellschaft und Gesundheitswesen anstoßen“. BÄK und KBV: „Klare Absage an „Primärversorgung light“ in der Apotheke Aus Sicht von Ärztevertretern gibt es aber wenig zu debattieren. Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) Dr. Klaus Reinhardt und Dr. Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung lehnte die Vorschläge der Apothekerschaft mit deutlichen Worten ab: „Den von den Funktionären der ABDA-Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände proklamierten Schulterschluss mit der Ärzteschaft gibt es nicht. Jedenfalls nicht, was deren jüngst verkündete Pläne einer Primärversorgung durch Apotheken angeht. Die Ärzteschaft erteilt einer solchen Primärversorgung light eine klare Absage.“ Für ihn laufen die Vorschläge der ABDA auf eine gesundheitspolitische Fehlsteuerung hinaus. „Sie verkennen die grundlegenden Anforderungen an eine hochwertige Primärversorgung“, betonte er. Die Primärversorgung lebe von einer umfassenden ärztlichen Diagnostik, von Therapieentscheidungen auf Grundlage eines ganzheitlichen Krankheitsverständnisses und von klar geregelter Verantwortungsübernahme, so Reinhardt weiter. Der BÄK-Präsident betonte: „Alles das lässt sich nicht durch punktuelle, selektive Angebote in Apotheken ersetzen. Wer Primärversorgung neu ordnet, darf sie nicht fragmentieren.“ Statt paralleler Strukturen, die mehr Bürokratie als Entlastung schaffen, brauche es eine Stärkung der bestehenden ärztlichen Versorgung und eine sinnvolle Zusammenarbeit der Professionen entsprechend der jeweiligen Qualifikationen. „Nur so lassen sich Qualität, Kontinuität und Verantwortlichkeit in der Versorgung verlässlich sichern und damit die Patientensicherheit gewährleisten“, so Reinhardt. Für Apotheken „finanziell verlockend“, schlecht für die Gesundheitsversorgung Auch Gassen hat eine klare Meinung zum Positionspapier: „Die Vorstellungen der ABDA sind abwegig. Die Idee einer Primärversorgung durch nichtärztliche Berufe mag für Apotheken finanziell verlockend sein, führt aber zu einer deutlichen Verschlechterung der Versorgung und zu Zusatzkosten.“ Gassen kritisierte Gesundheitsministerin Nina Warken: „Trotz der Aussagen der Ministerin, dass alle ihren Beitrag zu leisten hätten, ist für die Anhebung des Apothekenfixums offensichtlich genug Geld da, nämlich rund eine Milliarde Euro.“ Darin seien die „erhofften Vergütungen für die gewünschte Pseudo-Primärversorgung“ noch nicht enthalten. Gassen verwies auf die Sparpläne der Politik, so sollen bei Niedergelassenen 2,7 Milliarden Euro eingespart werden. Dieses „einseitige Spardiktat“ treffe Niedergelassene und ihre Patienten „ins Mark“. Praxen müssten sich auf diese Sparmaßnahmen einstellen und das Leistungsangebot anpassen, führte der KBV-Vorstandsvorsitzende weiter aus. Den Apothekern wirft er vor, hiervon profitieren zu wollen. Für Versicherte bedeute das höhere Kosten und niedrigere Qualität. „Bei Nebenwirkungen und Komplikationen dieser Primärversorgung light gilt dann aber auch: Wenden Sie sich bei Fragen an Ihre Apotheke“, so Gassen. Virchowbund: „Apothekerschaft verlässt ihre Kernaufgabe“ Der Virchowbund wirft der ABDA vor, mit ihrem Positionspapier ein „gefährliches Spiel“ zu spielen. Sie kombiniere die eigene Kompetenzausweitung mit einer Bagatellisierung von Versorgung. „Wenn die organisierte Apothekerschaft jetzt in die Diagnostik durch anlasslose Testungen und in die Versorgung durch Direktabgabe von Medikamenten bei Allergien, Konjunktivitis oder Rachenentzündung einsteigen will, verlässt sie ihre Kernaufgabe und greift mit der Bestimmung von Diagnose und Therapie in den ärztlichen Bereich ein“, stellte der Bundesvorsitzende des Virchowbundes, Dr. Dirk Heinrich, fest. Zu jeder Testung gehöre eine ärztliche Abklärung, Diagnosen müssten von Ärzten gestellt werden, die Verlaufskontrolle sei ärztliche Aufgabe, so Heinrich weiter. Er warnte: „Die eigenständige Zuschreibung von ärztlichen Qualifikationen führt folglich bei den Apothekern, aber auch bei den Ärzten, zu einer Marginalisierung von Versorgung und zur Deprofessionalisierung beider akademischen Heilberufe. Denn auch hier gilt: ‚Wer alles machen will, der macht nichts richtig gut.‘“ Eine hochwertige Primärversorgung werde durch niedergelassene Haus- und Kinderärzte, sowie in Einzelfällen auch durch grundversorgende Fachärzte sichergestellt. „Kernaufgabe der Apothekerschaft ist es, die sichere und flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln zu gewährleisten. Diese Baustelle besteht immer noch und sie erscheint mir momentan die größere für die Apotheker zu sein“, erklärte der Virchowbund-Chef.
Mehr erfahren zu: "DGHNO-KHC-Jahresversammlung 2026, was morgen Standard sein kann" DGHNO-KHC-Jahresversammlung 2026, was morgen Standard sein kann Wie faszinierend Kopf-Hals-Chirurgie sein kann, konnten über 3.000 Teilnehmende bei der 97. DGHNO-KHC-Jahresversammlung erleben. Weitere Themen waren etwa Antibiotikatherapie in der HNO-Heilkunde, Gentherapie oder die Notfallreform.
Mehr erfahren zu: "ASCO 2026: Neues Regime für HNSCC senkt Kosten und Nebenwirkungen" Weiterlesen nach Anmeldung ASCO 2026: Neues Regime für HNSCC senkt Kosten und Nebenwirkungen Die Ergebnisse einer neuen Studie aus Indien zeigen, dass eine dreifache orale metronomische Chemotherapie in Kombination mit einer ultra-niedrig dosierten Immuntherapie (TMC-I) einigen Patienten mit fortgeschrittenem Plattenepithelkarzinom im Kopf-Hals-Bereich (HNSCC) […]
Mehr erfahren zu: "Kopf-Hals-Tumorzentrum Dresden setzt auf personalisierte und interdisziplinäre Krebsmedizin" Kopf-Hals-Tumorzentrum Dresden setzt auf personalisierte und interdisziplinäre Krebsmedizin Komplexe Fälle in der Kopf-Hals-Onkologie und veränderte Patientenprofile erfordern individuellere Therapie. Das Kopf-Hals-Tumorzentrum der Uniklinik Dresden setzt auf interdisziplinären Austausch mit Zuweisenden und Fachkollegen.