HNO-Verband warnt vor Primärztmodell: „Bewährte Behandlungspfade erhalten“26. August 2025 Nur noch per Überweisung zum HNO-Arzt? Der BVHNO warnt vor einem Primärarztmodell. Foto: Zerbor/stock.adobe.com Funktionierende Behandlungspfade für grundversorgende Fachrichtungen statt Gatekeeper-Modell: Der Deutsche Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte (BVHNO) warnt vor der Einführung eines starren Primärarztsystems. „Den Zugang und die Verantwortlichkeit für die ambulante Versorgung von 75 Millionen GKV-Versicherten bei Haus- und Kinderärzten zu konzentrieren, ist ein Hochrisikospiel mit unwägbarem Ausgang“, schreibt der Verband in seinem Positionspapier. Vor dem Hintergrund der erodierten Hausarztstrukturen führe ein Gatekeeper-Modell zu einem neuen Flaschenhals in der ambulanten Versorgung. Stattdessen sei es vernünftig, funktionierende Behandlungspfade für grundversorgende Fachrichtungen, wie der HNO-Heilkunde, als Direktzugang zu erhalten. Regionen mit Hausärztemangel: HNO-Ärzte als Ersatz Die ambulante HNO-Heilkunde trage wesentlich zur Entlastung der Hausärzte und Kinder- und Jugendärzte bei, hebt der HNO-Verband hervor: „Vor allem in der Erkältungszeit werden viele Patienten mit originär primärärztlich zu versorgenden Akutdiagnosen von HNO-Ärzten behandelt. Gerade aber nicht nur in Regionen mit stark ausgeprägtem Hausärztemangel haben HNO-Ärzte eine primärärztliche Ersatzrolle übernommen“, heißt es in der Stellungnahme. Daher müssten die Auswirkungen eines Gatekeeper-Modells auf die fachärztlichen Versorgungsstrukturen kritisch abgewogen werden. Den Angaben des Verbandes zufolge suchen 88 Prozent der Patienten die HNO-Facharztpraxis ohne Überweisung auf. Gleichzeitig steige der Bedarf an HNO-Facharztmedizin. Während die Zahl der hausärztlichen Behandlungsfälle zwischen 2021 und 2024 leicht rückläufig war (-0,3 Prozent), nahm die Zahl der HNO-Behandlungsfälle im selben Zeitraum um 12,3 Prozent zu. Darüber hinaus versorgen HNO-Fachärzte über 1400 Behandlungsfälle je Arzt und Quartal und damit 36 Prozent mehr als ein Arzt im hausärztlichen Versorgungsbereich (892 Fälle/Arzt). Früherkennung schwerwiegender Erkrankungen leidet Der HNO-Verband zeigt sich zudem besorgt, dass in einem Primärarztmodell schwerwiegende Erkrankungen zu spät erkannt werden. Als Beispiele führt das Positionspapier die Laryngoskopie an, die bei vielen Patienten zur Standarddiagnostik und Krebsfrüherkennung durchgeführt werde. Ähnliches gelte für die Untersuchung des Gehörgangs sowie des Trommelfells. Bleibe eine Schwerhörigkeit unbehandelt, steige das Risiko einer dementiellen Erkrankung. Werden allergologische Beschwerden nicht rechtzeitig kausal durch Hyposensibilisierung behandelt, könne es zu einem sogenannten Etagenwechsel und zur Ausbildung einer asthmatischen Erkrankung kommen, erläutert der BVHNO. Umbau von Versorgungs- und Behandlungspfaden befürchtet Zudem komme die Einführung eines Primärarztmodells einem kompletten Umbau der Versorgungs- und Behandlungspfade gleich, führt der Verband weiter aus. Galt bisher die Prämisse, den Patienten einen schnellen Zugang zum Facharzt zu ermöglichen und Wartezeiten zu reduzieren, unter anderem mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz, sollen nun hohe Hürden für den Besuch beim Facharzt aufgebaut werden, so die Postion des BVHNO. Dieser Paradigmenwechsel werde im Gegensatz zu verschiedenen Modellen im Ausland jedoch nicht mit Anreizen für die Patienten verknüpft. Bestehende Vorzugsregelungen, wie zum Beispiel die offene Sprechstunde, mit der bis zu 17,5 Prozent der Patienten ohne Termin beim Facharzt direkt behandelt werden, würden in einem Primärarztmodell vielmehr ersatzlos wegfallen, gibt der BVHNO zu bedenken. „Booster für die Zweiklassenmedizin“ Mit Blick auf die Wartezeitendebatte verweist der Verband auf die Terminservicestellen (TSS) der Kassenärztlichen Vereinigungen. Laut Evaluationsbericht liege die durchschnittliche Vermittlungsdauer in der HNO bei nur drei Tagen. 56 Prozent der Patienten seien sogar innerhalb eines Tages behandelt worden. Demnach treffe das in der Steuerungsdebatte oft angeführte Argument der langen Wartezeiten in der HNO-Heilkunde nachweislich nicht zu, unterstreicht der HNO-Berufsverband. Vielmehr steige in einem starren Gatekeeper-Modell das Risiko der Zweiklassenmedizin, warnt der Verband und verweist auf das Gesundheitssystem im Vereinigten Königreich: Dort komme es zu langen Wartezeiten auf Facharzttermine und Operationen sowie einer steigenden Zahl an privaten Versicherungspolicen. Ein Hausarztmodell könne sich auch in Deutschland als „Konjunkturprogramm für den privaten Versicherungsmarkt und als Booster für die Zweiklassenmedizin“ erweisen, hebt die Stellungnahme hervor.
Mehr erfahren zu: "Kognitionstest: Führen Hörgeräte zu besseren Ergebnissen?" Kognitionstest: Führen Hörgeräte zu besseren Ergebnissen? Eine Studie konnte zeigen, dass Hörgeräte bei mittelgradigem Hörverlust das Abschneiden im Kognitionstests kaum beeinflussten. Die Ergebnisse belegen aber auch einen Zusammenhang zwischen Hörgeräte-Nutzung und geringerem Demenzrisiko.
Mehr erfahren zu: "Demenz vorbeugen: Warum Hörgerät und Brille wichtig fürs Gehirn sind" Demenz vorbeugen: Warum Hörgerät und Brille wichtig fürs Gehirn sind Was haben Hörgerät und Brille mit Demenzprävention zu tun? Mehr, als viele denken. Die gemeinnützige Alzheimer Forschung Initiative (AFI) zeigt, warum unbehandelte Hör- und Sehschwächen das Demenzrisiko erhöhen können – […]
Mehr erfahren zu: "Biosensoren: Mit leuchtenden GPCRs Licht ins Dunkel bringen" Biosensoren: Mit leuchtenden GPCRs Licht ins Dunkel bringen Einem Forschungsteam der Universitätsmedizin Mainz ist es gelungen, erstmals in lebenden Zellen zu beobachten, wie G-Protein-gekoppelte Rezeptoren auf Wirkstoffe reagieren.