EAN 2026 Epilepsie und Hörverlust: Hörgeräte könnten das Demenzrisiko reduzieren27. Juni 2026 Hörgeräte könnten Menschen mit Epilepsie und Hörverlust auf mehreren Ebenen behilflich sein. Symbolbild: WavebreakMediaMicro/stock.adobe.com Erwachsene mit Epilepsie und gleichzeitig bestehendem Hörverlust profitieren möglicherweise doppelt vom Tragen eines Hörgerätes: Ihr Demenzrisiko könnte rund 23 Prozent geringer sein. Darauf weisen Daten hin, die auf dem diesjährigen Kongress der European Academy for Neurology (EAN) vorgestellt wurden. Hörverlust gilt als der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor für die Entwicklung einer Demenz. Ob das Tragen von Hörgeräten das Demenzrisiko wiederum senken kann, steht weiterhin in der Diskussion. Unklar war bislang insbesondere, ob bestimmte Patientengruppen mit neurologischen, metabolischen oder kardiovaskulären Erkrankungen stärker von Hörgeräten profitieren könnten. Ein Forschungsteam des Universitätsspitals Zürich (Schweiz) und der University of Liverpool (Großbritannien) wertete hierzu elektronische Gesundheitsdaten von mehr als 250 Millionen Patient:innen aus dem TriNetX-Netzwerk aus. Verglichen wurden Erwachsene mit Hörverlust, die ein Hörgerät nutzten, mit gematchten Betroffenen, die keines nutzten. Neben der Gesamtpopulation wurden auch Patient:innen mit Epilepsie, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes, chronischer Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz, Migräne und Arthrose untersucht. Deutlicher Effekt bei Patienten mit Epilepsie In der Gesamtgruppe der Menschen mit Hörverlust zeigte sich kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Nutzung von Hörgeräten und dem Demenzrisiko. Gleiches galt für Patienten mit Schlaganfall, Migräne, Typ-2-Diabetes, chronischer Nierenerkrankung, Herzinsuffizienz oder Arthrose. Anders sah es bei Menschen mit Epilepsie aus: In dieser Gruppe war die Nutzung von Hörgeräten mit einem um 23 Prozent verringerten Demenzrisiko assoziiert. Die absolute Risikoreduktion betrug innerhalb von fünf Jahren 2,7 Prozentpunkte. Rechnerisch entsprach dies einem verhinderten Demenzfall pro 37 mit Hörgeräten versorgten Patient:innen. „Am meisten überrascht hat uns die Spezifität des Effekts bei Epilepsie“, erklärt Erstautorin Dr. Carolina Ferreira-Atuesta. Während in den übrigen untersuchten Hochrisikogruppen keine signifikanten Zusammenhänge beobachtet wurden, blieb der Effekt bei Epilepsie über alle Analysen hinweg bestehen. „Diese Konsistenz stärkt unser Vertrauen, dass es sich um einen klinisch relevanten Befund handelt“, so Ferreira-Atuesta. Kognitive Reserve als mögliche Erklärung Als mögliche Erklärung nennen die Autor:innen Unterschiede in der sogenannten kognitiven Reserve. Diese beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, alters- oder krankheitsbedingte Veränderungen funktionell auszugleichen. Menschen mit Hörverlust verfügten häufig über ausreichend kognitive Reserven, um die zusätzliche Belastung durch die Hörminderung zu kompensieren, erläutert Ferreira-Atuesta. Bei Epilepsiepatient:innen sei diese Reserve jedoch oftmals bereits eingeschränkt, sodass die Beseitigung einer zusätzlichen Belastung – etwa durch ein Hörgerät – stärker ins Gewicht fallen könnte. Ferreira-Atuesta ergänzt: „Es gibt mehrere biologisch plausible Erklärungen dafür, warum wir diesen Effekt bei Epilepsie beobachten können. Die Erkrankung ist zum einen mit einem beschleunigten kognitiven Abbau verbunden. Zum anderen sind bei der Temporallappenepilepsie Hirnregionen betroffen, die an der Hörverarbeitung beteiligt sind. Zudem können einige Antiepileptika das Hörvermögen zusätzlich beeinträchtigen.“ Potenzielle Bedeutung für die Versorgung Nach Ansicht der Autor:innen haben die Ergebnisse potenzielle Konsequenzen für die klinische Praxis. Da Menschen mit Epilepsie ohnehin regelmäßig medizinisch betreut werden, könnten Hörtests unkompliziert in die Routineversorgung integriert werden. „Hörverlust ist einer der wenigen Risikofaktoren für Demenz, wogegen wir tatsächlich etwas tun können“, betont Ferreira-Atuesta. Ein Hörverlust sei vergleichsweise einfach zu detektieren und Hörgeräte wiederum eine etablierte, reversible und risikoarme Maßnahme. Dabei ginge es nicht nur um das Demenzrisiko, sondern auch das psychische Wohlergehen und die Lebensqualität der Betroffenen. Gleichzeitig betonen die Forschenden, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine Beobachtungsstudie handelt. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Hörgeräten und einem reduzierten Demenzrisiko lässt sich daraus demnach nicht ableiten. Prospektive Studien müssen nun klären, ob das Tragen von Hörgeräten tatsächlich langfristig zum Schutz der Hirngesundheit bei Menschen mit Epilepsie und Hörverlust beitragen kann. (mkl/BIERMANN)
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