Hyperhidrose: Überaktive Nerven als treibender Mechanismus28. Juli 2026 Symbolbild: © Viktor Koldunov – stock.adobe.com Die Studie eines internationalen Forschungsteams liefert Evidenz dafür, dass eine genetisch determinierte Form der Hyperhidrose aus einer Überstimulation der Nerven entsteht, die die Schweißdrüsen kontrollieren. Viele Patienten mit Hyperhidrose vermeiden sozialen Kontakt und empfinden ausgeprägte Scham. Dennoch wird die Erkrankung noch zu häufig als oberflächliches Hautproblem abgetan, wodurch Patienten auf mangelndes Verständnis stoßen und nicht die richtige Versorgung erhalten. Durch die Analyse der DNA von mehr als 180 Patienten entdeckten die Forschenden Defekte im NaV1.8-Ionenkanal, einem spannungsabhängigen Natriumkanal mit Gate-Funktion. Der Kanal fungiert normalerweise als biologisches Gate, das elektrische Signale im Nervensystem reguliert. Bei Patienten mit Hyperhidrose ist dieses Gate aufgrund einer genetischen Prädisposition zu weit geöffnet. Infolgedessen wird das Nervensystem, das die Schweißdrüsen steuert, kontinuierlich überstimuliert. Die Nerven befinden sich konstant in einem Aktivitätszustand, was zu übermäßigem Schwitzen führt. Dies stimmt mit dem klinischen Bild überein, bei dem Schwitzen häufig durch emotionale oder stressbedingte Reize ausgelöst wird, ohne dass die Erkrankung psychischen Ursprungs ist. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in „Science Advances“. Evidenz aus experimentellen Modellen Zur Untermauerung der Theorie entwickelten die Forschenden ein experimentelles Modell. Da Mäuse nur an ihren Pfoten schwitzen, verbrachte das Team zwei Jahre mit der Entwicklung einer Messmethode zur Zählung von Schweißtropfen mittels Jod-Stärke-Gemisch. Mäuse mit demselben genetischen Defekt zeigten tatsächlich übermäßiges Schwitzen. Sobald die Forschenden eine Substanz verabreichten, die die überaktiven Nervensignale blockierte, nahm das Schwitzen im Mausmodell signifikant und reversibel ab. Die genetische Realität ist jedoch komplex. Das Team entdeckte auch einen Patienten, der tatsächlich eine „inhibitorische“ Nervenmutation geerbt hatte, aber dennoch aufgrund einer zusätzlichen, einzigartigen Mutation in einem lokalen Transmembranprotein (Aquaporin) innerhalb der Schweißdrüse übermäßig schwitzte. Dies unterstreicht, dass Hyperhidrose eine Erkrankung ist, bei der unterschiedliche biologische Signalwege zur gleichen Überstimulation führen können, die auf der Haut sichtbar wird. Gezieltere Behandlung durch besseres Verständnis Die Entdeckung bietet die Aussicht auf bessere, gezieltere Behandlungen. Heute werden schwere Formen der Hyperhidrose manchmal mit Verfahren behandelt, die die sympathischen Nervenbahnen im Brustkorb durchtrennen. Solche Behandlungen können wirksam sein, sind jedoch invasiv, nicht für jeden geeignet und können unerwünschte Nebenwirkungen verursachen. Durch ein besseres Verständnis der biologischen Ursache könnten vertiefte genetische und funktionelle Untersuchungen langfristig helfen, im Voraus besser vorherzusagen, welche Patienten am ehesten von einer lokalisierten Behandlung der Schweißdrüsen, systemischer Medikation oder nervengerichteten Therapien profitieren. Beitrag zur Pharmakokinetik und Pathophysiologie Ein weiterer wichtiger Ansatz ist das Drug Repurposing, also die gezielte Neubewertung bestehender Arzneimittel auf Grundlage des neuen Mechanismus. Im Mausmodell reduzierten mehrere klinisch relevante Wirkstoffe das übermäßige Schwitzen. Darunter befanden sich auch Behandlungen, die auf die cholinerge Signalübertragung oder auf die Erregbarkeit von Nervenzellen wirken. Die Studie ordnet die Hyperhidrose in einen breiteren Kontext von Erkrankungen des autonomen Nervensystems ein. Schwitzen ist eine sichtbare Funktion des autonomen Nervensystems und kann daher als messbarer Indikator biologischer Dysregulation dienen. Ob ähnliche Ionenkanalmechanismen auch zu anderen Formen der Dysautonomie beitragen, beispielsweise nach Infektionen, erfordert weitere Untersuchungen. (ins)
Mehr erfahren zu: "Entlassener Gesundheitsstaatssekretär kritisiert Merz" Entlassener Gesundheitsstaatssekretär kritisiert Merz Auf seine Entlassung reagiert Gesundheitsstaatssekretär Sorge mit einer heftigen Erklärung. Er hofft nach eigenen Worten, dass die Entscheidung von Friedrich Merz „einer übergeordneten Logik folgt“.
Mehr erfahren zu: "Stillmuster und Allergien: Japanische Kohortenstudie liefert neue Hinweise" Stillmuster und Allergien: Japanische Kohortenstudie liefert neue Hinweise Eine große japanische Geburtskohorte zeigt: Ausschließliches Stillen ist offenbar mit einem geringeren Risiko für Asthma und Allergische Rhinokonjunktivitis assoziiert, gleichzeitig jedoch mit einer höheren Prävalenz von Nahrungsmittelallergien.
Mehr erfahren zu: "Designierter Bundesgesundheitsminister – Grüne: „Einfach mal machen“ zu wenig im Gesundheitsressort" Designierter Bundesgesundheitsminister – Grüne: „Einfach mal machen“ zu wenig im Gesundheitsressort Carsten Linnemann soll Bundesgesundheitsminister werden. Aus der Opposition kommen Skepsis und Befürchtungen.