In fremden Gewässern8. Dezember 2021 Dr. med Justus de Zeeuw Metformin scheint das Fortschreiten eines Lungenemphysems zu verlangsamen [1]. Ja, sie haben richtig gelesen: Metformin, das Zuckermedikament. Die Autorinnen und Autoren einer neuen Studie beobachteten dieses Phänomen sowohl im Mausmodell als auch in der COPDGene-Kohorte. Man fragt sich, wieso ein solcher Effekt überhaupt vermutet und dann in einer Studie weiter untersucht wurde. Im Text wird auf den günstigen Effekt von Metformin auf alterungsbedingte Erkrankungen verwiesen, offenbar zählt das Lungenemphysem zu dieser Gruppe. Und so ging man davon aus, dass die Beobachtung von Mäusen, die gegenüber Zigarettenrauch exponiert und mit Metformin gefüttert wurden, sich lohnen könnte. Metformin wurden schon früher sogenannte Anti-Aging-Effekte zugeschrieben [2], und die hier zitierte Studie scheint diese Annahme zu untermauern. Dass für Wirkstoffe außerhalb ihrer etablierten Indikation ein Einfluss auf Atemwegserkrankungen vermutet wird, ist für die Pneumologie keine neue Erkenntnis. In Metaanalysen war beispielsweise ein günstiger Effekt von Statinen auf verschiedene Faktoren im Zusammenhang mit COPD wahrgenommen worden [3, 4]. Leider hat sich diese vermeindliche Evidenz in einer prospektiven Studie nicht bestätigen lassen: STATUETTE fand weder ein geringeres Risiko für Exazerbationen noch eine geringere Mortalität [5]. Das gleiche Bild ergibt sich bei der Betrachtung von Betablockern: Metaanalysen zeigten eine Reduktion sowohl der Exazerbationsrate als auch der Mortalität bei Patientinnen und Patienten mit COPD, die einen kardioselektiven Betablocker erhielten [6]. Die BLOCK-COPD-Studie, in der mittels eines prospektiven Ansatzes das Konzept einer Betablockertherapie bei COPD geprüft wurde, erbrachte allerdings ein negatives Ergebnis. Hinsichtlich Exazerabtionsrisiko und Hospitalisierungsrate fand sich kein Unterschied zwischen Metoprolol und Placebo [7]. Die Hemmer des Sodium-Glucose-Transporters 2 (SGLT-2) erfreuen sich aktuell aufgrund der neuen Daten zu Kardio- und Nephroprotektion zunehmender Beliebtheit. Sucht man nach Einflüssen dieser Substanzklasse auf Atemwegserkrankungen, so wird man wieder fündig: SGLT-2-Hemmer sollen die Häufigkeit akuter Asthmaepisoden signifikant reduzieren und tendenziell auch die Entstehung einer COPD unwahrscheinlicher machen [8]. Warum die Autorinnen und Autoren der Untersuchung glaubten, den Einfluss von SGLT-2Hemmern auf Atemwegserkrankungen beobachten zu sollen, bleibt bei der Lektüre der Metaanalyse allerdings unklar. Was lehrt uns das? Zum einen wird deutlich, dass Metaanalysen zwar aufgrund der verarbeiteten Datenmenge den Anschein erwecken, ein robustes Instrument für die Beobachtung von therapeutischen Effekten zu sein. Es gilt allerdings auch bei diesen Analysen, dass die Ergebnisse nur so gut sein können wie die Qualität der einbezogenen Studien dies erlaubt. Basiert die Metaanalyse auf retrospektiv durchgeführten Berechnungen, so kann sie wie die meisten retrospektiven Betrachtungen nur hypothesengenerierend sein. Die hier aufgeführten Beispiele zeigen, dass solche Hypothesen in prospektiven Studien auch widerlegt werden können. Zum anderen zeigt sich, dass ein Medikament neben seiner eigentlichen Indikation auch günstigen Einfluss auf Komorbiditäten haben kann. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es sich damit automatisch unabhängig vom ursprünglichen Einsatzgebiet zur Therapie der Komorbidität qualifiziert. Für Statine und Betablocker gilt aktuell, dass sie nach wie vor ihren Platz bei der Prävention kardiovaskulärer Ereignisse haben und nicht primär bei der Behandlung von Atemwegserkrankungen – auch wenn sie auf diese einen günstigen Einfluss haben mögen. Für Metformin und die SGLT-2-Hemmer ist diese Frage noch unbeantwortet. Insbesondere die letztgenannte Substanzklasse ist da vielleicht für eine Überraschung gut. Immerhin hat sie sich innerhalb der letzten Jahre einen festen Platz in der Therapie der Herz- und der Niereninsuffizienz erarbeitet. Damit hätte bei der Markteinführung dieser Antidiabetika niemand gerechnet. Dr. med. Justus de Zeeuw Literatur Polverino F, Wu TD, Rojas-Quintero J et al. Metformin: Experimental and Clinical Evidence for a Potential Role in Emphysema Treatment. Am J Respir Crit Care Med 2021;204(6):651–666 Soukas AA, Hao H, Wu L. Metformin as Anti-Aging Therapy: Is It for Everyone? Trends Endocrinol Metab 2019;30(10):745–755 Lu Y, Chang R, Yao J et al. Effectiveness of long-term using statins in COPD – a network meta-analysis. Respir Res 2019;20:17 Cao C, Wu Y, Xu Z et al. The effect of statins on chronic obstructive pulmonary disease exacerbation and mortality: a systematic review and meta-analysis of observational research. Sci Rep 2015;5:16461 Damkjær M, Håkansson K, Kallemose T et al. Statins in High-Risk Chronic Obstructive Pulmonary Disease Outpatients: No Impact on Time to First Exacerbation and All-Cause Mortality – The STATUETTE Cohort Study. Int J Chron Obstruct Pulmon Dis 2021;16: 579–589 Du Q, Sun Y, Ding N et al. Beta-Blockers Reduced the Risk of Mortality and Exacerbation in Patients with COPD: A Meta-Analysis of Observational Studies. PLoS ONE 2014;9(11):e113048 Dransfield MT, Voelker H, Bhatt S et al. Metoprolol for the Prevention of Acute Exacerbations of COPD. N Engl J Med 2019;381(24):2304–2314 Qiu M, Ding LL, Zhan ZL. Use of SGLT2 inhibitors and occurrence of noninfectious respiratory disorders: a meta-analysis of large randomized trials of SGLT2 inhibitor. Endocrine 2021;73(1):31–36
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