Infektiöse Endokarditis: Verkürzte Antibiotikatherapie bei stabilen Patienten möglich

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Sechs Wochen Antibiotika galten bei infektiöser Endokarditis bislang als etablierter Standard. Die auf dem ESC Congress 2026 vorgestellten Ergebnisse der POET-II-Studie stellen dieses Vorgehen infrage: Bei klinisch stabilen Patienten könnte eine individuell angepasste Therapiedauer die Antibiotikagabe deutlich verkürzen.

von Dr. Christine Willen

Die Dauer der Antibiotikatherapie bei Menschen mit infektiöser Endokarditis liegt momentan standardmäßig bei sechs Wochen. Daten der POET-II-Studie, die auf dem Jahreskongress der European Society of Cardiology (ESC) in München vorgestellt wurden, legen nahe, dass eine auf das klinische Ansprechen abgestimmte Antibiotikastrategie die Behandlungsdauer gegebenenfalls um ein bis zwei Wochen verkürzen kann.

Maßgeschneiderte Antibiotikagabe versus Standardregime

Geleitet wurde die multinationale, open-label Studie von Prof. Henning Bundgaard, Facharzt für Kardiologie am Universitätsklinikum in Kopenhagen (Dänemark). Wie er auf dem ESC Congress berichtete, wurden in die Studie stabile Patienten mit infektiöser Endokarditis eingeschlossen, ausgelöst durch Staphylococcus aureus, Enterococcus faecalis oder Streptococci. Sie erhielten entweder Antibiotika nach Standard-Schema (Gesamtdauer: 4 bis 6 Wochen, n = 253) oder für eine angepasste, verkürzte Therapiedauer (n = 255). Die Nachbeobachtung erfolgte jeweils über sechs Monate.

Der primäre Wirksamkeitsendpunkt war definiert durch den Unterschied an Antibiotika-freien Tagen innerhalb von sechs Monaten nach Randomisierung. Der primäre Sicherheitsendpunkt setzte sich aus Tod aus beliebiger Ursache, ungeplanter Herzoperation sowie symptomatischen Embolie-Ereignissen zusammen.

Weniger Behandlungstage, dafür mehr Rückfälle

Die Anzahl der Antibiotika-freien Tage betrug für die Gruppe mit angepasster Antibiotika-Gabe 183 Tage, verglichen mit 169 Tagen beim Standard-Vorgehen (p < 0,001 für Überlegenheit). Gemäß den Ergebnissen zum primären Sicherheitsendpunkt verzeichneten 8,2 Prozent unter maßgeschneiderter Therapie ein Ereignis und 10,7 Prozent unter dem bisherigen Standard (p<0,001 für Nichtunterlegenheit).

Rückfälle mit einer infektiösen Endokarditis wurden hingegen unter dem maßgeschneiderten Ansatz häufiger beobachtet als beim Standardregime (5,1 % vs. 1,6 %; p=0,04). Die Tage für die Gesamttherapiedauer sank von durchschnittlich 42 Tagen auf nunmehr 27 Tage mit dem angepassten Regime.

Somit konnte durch die angepasste Behandlungsdauer die Antibiotika-Gabe um durchschnittlich 16 Tage verkürzt werden, schlussfolgerte Bundgaard. Laut seiner Einschätzung könnten etwa 50 Prozent der Patienten mit stabiler infektiöser Endokarditis von einer angepassten Antibiotikatherapie profitieren, ohne Abstriche bezüglich der Sicherheit zu machen. Die Ergebnisse wurden zeitgleich im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht.

Prof. Gilbert Habib, Facharzt für Kardiologie am Hospital La Timone in Marseille (Frankreich), sprach sich ebenfalls dafür aus, die klassische Dauer der Antibiotikatherapie zu hinterfragen und personalisierte Strategien für bestimmte Patientinnen und Patienten anzubieten. Wichtig sei die strickte Voraussetzung, dass ein „stabiler Patient“ vorliege (z.B. fieberfreier Zustand, stabile Laborwerte), sowie eine engmaschige, multidisziplinäre Nachsorge, um etwaige Rückfälle frühzeitig versorgen zu können.