Inflammation Resolution bei Sportverletzungen, Teil 4 – Häufige Sehnenproblematiken: Beim Sport konservativ behandeln

Dr. med. Karl-Heinz Kristen ist Facharzt für Sportorthopädie, Orthopädie und orthopädische Chirurgie. Er war mehrfach als Leiter des Medical Teams bei internationalen Sportwettbewerben in Österreich tätig und betreute als Medical Olympic Team Doctor das Team Austria Tokyo 2020. Kristen ist Vizepräsident der Gesellschaft für Orthopädisch-Traumatologische Sportmedizin (GOTS) und Leiter der Sportklinik Wien. Im Interview berichtet der Experte über typische Sehnenbeschwerden beim Sport und konservative Behandlungsoptionen, welche die Entzündungsauflösung und Regeneration fördern.

Wie häufig sind Sehnenverletzungen im Vergleich zu anderen Verletzungen des Bewegungsapparates bei Sportlern?

Kristen: Sehnenverletzungen machen neben Band-, Muskel- und Knochenverletzungen rund ein Viertel aller Verletzungen bei Sportlern aus. Dabei gibt es aber Unterschiede je nach Sportart und Belastungssituation. So sind beispielsweise Probleme mit der Achillessehne unter Läufern besonders weit verbreitet. Außerdem kann man vor allem bei jüngeren Sportlern eine Häufung
von Verletzungen am Bewegungsapparat im Frühling beobachten. Zu dieser Jahreszeit beginnen klassischerweise die Vorbereitungen auf Wettkämpfe, Trainingslager und Ausscheidungswettkämpfe. Das bedeutet eine starke Steigerung des Trainings- und Belastungsumfangs, wodurch das Risiko für Sehnenverletzungen steigt.

Nach welchen Kriterien lassen sich Sehnenverletzungen klassifizieren?

Kristen: Generell unterscheidet man zwischen kompletten Rupturen einer Sehne, Partialrupturen beziehungsweise Mikroeinrissen und Tendinopathien. Zu den Tendinopathien zählen beispielsweise die Tendinitis und die Tendinose, bei der wir die Ursache für die krankhafte Veränderung der Sehne noch nicht genau kennen. Außerdem gibt es die Peritendinitis, die auch als Sehnenscheidenentzündung bekannt ist. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ist die Lokalisation der Verletzung. So kann zum Beispiel entweder der Sehnenansatz am Knochen oder die Sehne weiter in der Mitte betroffen sein.

Welche Pathomechanismen liegen Sehnenverletzungen zugrunde?

Kristen: Die gängigsten Ursachen für eine Sehnenverletzung beim Sport sind Fehl- oder Überbelastung sowie eine zu rasche Steigerung der Trainingsumfänge. Dabei kann es passieren, dass einzelne Fasern einreißen. Im Rahmen der Reparaturprozesse kann es zu einer Verdickung der Sehne kommen. In den Sehnen befinden sich Sensoren, die Signale an das Gehirn weiterleiten und dadurch einen Schmerzreiz auslösen. Eine weitere Ursache für Sehnenprobleme ist zu viel Druck, der zum Beispiel durch ungeeignetes Schuhwerk ausgeübt wird. Mögliche Folgen sind Sehnenirritationen mit Verdickung sowie eine knorpelige Degeneration. Die Sehnengesundheit beziehungsweise die Regeneration von Sehnenverletzungen ist vom allgemeinen Stoffwechsel abhängig. So können beispielsweise Übersäuerung durch einen Überschuss an Harnsäure oder bestimmte Medikamente eine Entzündung an den Sehnen begünstigen.

Welche diagnostischen Maßnahmen ergreifen Sie, um dem Verdacht auf eine Sehnenverletzung näher auf den Grund zu gehen?

Kristen:
Neben der klinischen Untersuchung hat für mich die Anamnese einen zentralen Stellenwert bei der Diagnostik von Sehnenverletzungen. Dabei befrage ich die Patienten unter anderem dazu, wie lange die Beschwerden bestehen und in welchen Situationen sie besonders stark sind. In der Regel mache ich außerdem funktionelle Untersuchungen unter Belastung. Bei
den bildgebenden Verfahren bevorzuge ich meist die Ultraschalluntersuchung, weil man dabei auch die Dicke und Lokalisation einer Läsion bestimmen kann. Bei Verdacht auf eine Verkalkung
führe ich eine Röntgenuntersuchung durch. Eine MRT ist gegebenenfalls empfehlenswert, um eine tiefer liegende Läsion oder ein Knochenmarködem mit Einstrahlung auszuschließen. In
manchen Fällen ordne ich auch Laboruntersuchungen an, um die Stoffwechselsituation zu erfassen.

Welche konservativen Therapieoptionen gibt es bei Tendinopathien?

Kristen: Da die Sehnen generell ein gutes Regenerationspotenzial aufweisen, reicht eine konservative Therapie bei Sehnenverletzungen in der Regel aus. Die wichtigste Säule bilden
Koordinations-, Gleichgewichts-, Dehnungs- und Entspannungsübungen, wobei auch immer die entsprechenden Muskeln und Knochen mit einbezogen werden sollten. Oft müssen auch zunächst biomechanische Probleme behoben werden, beispielsweise durch die Verwendung von Einlagen. Da die Tendinozyten Zugbelastung brauchen, um Kollagen zu produzieren, ist außerdem ein gezieltes aktives Sehnentraining, das sogenannte „Tendoloading“, sinnvoll. Darüber hinaus fördern physikalische Maßnahmen wie zum Beispiel Längsmassagen,
Stoßwellen-, Laser-, Kälte- und Wärmetherapie die Durchblutung. Ergänzend dazu mache ich häufig Infiltrationstherapien mit Medikamenten, welche die Regeneration fördern, im Bereich
der Sehnenscheide.

Welche Erfahrungen haben Sie bei der Behandlung einer Plantarfasziitis und Midportion-Tendinopathie am häufigsten?

Kristen: Die Plantarfasziitis, auch Fersensporn genannt, ist ein Ansatzproblem der Plantarfaszie, die die Verlängerung der Achillessehne ist. Zunächst stelle ich sicher, dass es sich um eine Plantarfasziitis handelt, indem ich die Dicke der Struktur messe und so feststelle, wie stark die Schwellung ist. Dann versuche ich, auslösende Faktoren wie ungeeignetes Schuhwerk oder eine zu hohe Trainingsbelastung auszuschalten. Prinzipiell können bei einer Plantarfasziitis alle der oben genannten physiotherapeutischen und physikalischen Behandlungen hilfreich sein. Da bei einer Plantarfasziitis meist eine erhöhte Spannung in der Wadenmuskulatur besteht, sind Dehnungsübungen hier besonders wichtig. Oft kombiniere ich diese Maßnahmen mit Infiltrationen von natürlichen Arzneimitteln wie Traumeel® S in den Ansatzbereich der Plantarfaszie oder Stoßwellentherapie. Bei der Midportion-Tendinopathie handelt es sich um eine
Erkrankung des mittleren Bereiches der Achillessehne, die sich durch eine Verdickung beziehungsweise Schwellung äußert. Obwohl es keine fassbaren Anzeichen für eine Ruptur gibt,
kommt es vermutlich zu Mikrorissen und anschließenden Umbauprozessen in der Sehne, welche die Beschwerden verursachen. Bei der Therapie kommt es entscheidend auf die biomechanische Korrektur der Fehl- beziehungsweise Überbelastung sowie die Harmonisierung der Muskelspannung von der Wadenmuskulatur bis hinauf zu Knie und Hüfte an. Dabei können Längs- und Friktionsmassagen sowie Tendoloading hilfreich sein.

Abb.: Plötzlich auftretende Schmerzen an der Achillessehne sind ein häufiges Beschwerdebild – besonders bei Lauf- und Sprungsportarten.

Welche Erfahrungen haben Sie mit Injektionsbehandlungen bei Sehnenverletzungen gemacht?

Kristen:
Mittels Injektionen lässt sich der Regenerationsprozess beschleunigen – auch wenn tiefer liegende Strukturen betroffen sind. Um genau an die richtige Stelle zu kommen, verabreiche ich diese gegebenenfalls ultraschallgesteuert. Die Auswahl der Medikamente treffe ich individuell je nach Patient und Situation. Meist bevorzuge ich natürliche Arzneimittel wie Traumeel® S und/oder Hyaluronsäure.

Warum sollte man bei einer Tendinopathie auf eine Behandlung mit Cortison verzichten?

Kristen: Studien haben gezeigt, dass Cortison die Zellaktivität für einen Zeitraum von drei bis sechs Wochen unterdrückt. Das ist bei einem aktiven Entzündungsprozess sehr hilfreich. Handelt es sich aber nicht um eine rheumatisch bedingte oder massiv überschießende Entzündung, die mit einer Degeneration des Gewebes einhergeht, sollte man auf Cortison verzichten. Da Cortison die Schmerzen unterdrückt, entsteht bei der betroffenen Person irrtümlicherweise der Eindruck, dass die Verletzung bereits ausgeheilt ist und sie wieder uneingeschränkt trainieren kann. Die Sehnen brauchen aber ein neutrales Milieu und entsprechende Reize, um zu regenerieren. Mit Cortison wird das Problem einfach hinausgezögert und nach hinten verschoben.

Gibt es spezielle Trainingsmethoden, welche die Ausheilung von Sehnenverletzungen fördern?

Kristen:
Während die Muskeln auf Kontraktion ausgerichtet sind und die Knochen auf Druckbelastung, sind die Sehnen für Zugbelastung ausgelegt. Beim Tendoloading wird gezielt ein Längszug auf die Sehnen ausgeübt, was förderlich für die Regeneration ist. Zur Feinabstimmung der einzelnen Fasern und der entsprechenden Muskulatur sind außerdem ein muskulär-koordinatives Training sowie eine Optimierung der Biomechanik empfehlenswert. Man kann sich die Sehne wie eine Geige oder Gitarre vorstellen, deren Saiten gestimmt werden müssen, damit sie harmonisch arbeitet.

Wie häufig kommt es zu Rezidiven?

Kristen: Das ist von vielen verschiedenen Faktoren abhängig. Prinzipiell ist die Sehne wie ein Muskel oder ein Knochen ein lebendes Organ, das sich – mit dem richtigen Training – selbstständig regenerieren kann. Es gibt jedoch Sehnen beziehungsweise Lokalisationen, die besser heilen, und andere, die ein geringeres Regenerationspotenzial aufweisen. Das Patellaspitzensyndrom, auch bekannt als Jumper‘s Knee, ist zum Beispiel oft ein langwieriges Problem. So kann eine zu frühe oder starke Belastung auch bei jugendlichen Sportlern leicht dazu führen, dass die Verletzung nicht richtig ausheilt und die Betroffenen erst nach Jahren wieder auf ihr ursprüngliches Leistungsniveau zurückkommen. Manche leiden sogar lebenslang unter Einschränkungen. Im Gegensatz dazu ist beispielsweise die Achillessehne eine Sehne, die in der Regel sehr gut regeneriert.

Was kann man selbst tun, um dem Auftreten von Rezidiven vorzubeugen?

Kristen: Zunächst ist es wichtig, den Schmerz als Warnzeichen des Körpers anzunehmen, anstatt ihn einfach nur zu unterdrücken. Dieses Signal sollte man zum Anlass nehmen, etwas zu ändern – sei es an der Belastung, dem Trainingsprogramm oder der Biomechanik. Außerdem ist es wichtig, sich selbst und der Sehne ausreichend Zeit für Erholung und Regeneration einzuräumen. Neben dem gezielten und dosierten Aufbautraining können dabei zum Beispiel auch Massagen, welche die Faszien mit einbeziehen, hilfreich sein.



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Pflichttexte Traumeel® S