Insulinresistenz scheint nicht immer negativ zu sein

Insulin sorgt über den Insulinrezeptor dafür, dass Glukose aus dem Blut aufgenommen wird und der Blutzuckerspiegel sinkt. Bildquelle: ultramcu/stock.adobe.com

Eine genetische Studie zeigt: Eine lebenslang leicht eingeschränkte Insulinwirkung kann mit einem günstigeren Stoffwechselprofil verbunden sein – ohne erhöhtes Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs.

Insulinresistenz gilt als wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung eines Typ-2-Diabetes. Die Ergebnisse einer genetischen Untersuchung zeigen jedoch: Eine bestimmte Ausprägung einer lebenslang bestehenden Insulinresistenz kann für die Gesundheit sogar von Vorteil sein. Sie erhöht offenbar weder das Risiko für einen Typ-2-Diabetes noch für andere ungünstige gesundheitliche Folgen. Vorgestellt werden die Ergebnisse auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD), die vom 28. September bis 2. Oktober in Mailand (Italien) stattfindet.

Nicht jede Insulinresistenz ist gleich

Eine Insulinresistenz wird normalerweise als gesundheitsschädlich angesehen, da sie eng mit Stoffwechselerkrankungen wie dem Typ-2-Diabetes verbunden ist. Untersuchungen an Modellorganismen deuten allerdings darauf hin, dass eine verringerte Aktivität des Insulinrezeptors und die dadurch ausgelöste Insulinresistenz mitunter auch positive Effekte haben kann, etwa ein gesünderes Altern.

Dieser scheinbare Widerspruch ist beim Menschen bislang nicht geklärt: Insulinresistenz scheint sowohl gesundheitsfördernde als auch gesundheitsschädliche Auswirkungen haben zu können. In der aktuellen Studie untersuchten die Forschenden um Jacques Murray Leech und Prof. Kashyap Patel von der University of Exeter (Großbritannien) Menschen mit seltenen, schädigenden genetischen Varianten im Insulinrezeptor-Gen (INSR). Diese Personen dienten als menschliches Modell für Insulinresistenz, um die unterschiedlichen Auswirkungen genauer zu untersuchen.

Günstigeres Stoffwechselprofil trotz Insulinresistenz

Dazu analysierten die Forschenden Gesamtgenomsequenzierungsdaten von 458.784 Teilnehmenden der UK Biobank mit genetisch ermittelter europäischer Abstammung. Dabei identifizierten sie 524 Personen, die eine vermutlich schädigende Missense-Variante des INSR-Gens trugen – eine genetische Variante, die auf natürlichem Weg zu einer Insulinresistenz führen kann. Anschließend verglichen sie die gesundheitlichen und metabolischen Merkmale dieser Personen mit denen von Menschen ohne entsprechende Varianten.

Die Trägerinnen und Träger der schädigenden INSR-Varianten wiesen eine leichte Hyperinsulinämie auf. Dieser Befund spricht für eine teilweise eingeschränkte Signalübertragung des Insulinrezeptors und damit für eine gewisse Insulinresistenz. Dennoch zeigten die Betroffenen ein überraschend günstiges Stoffwechselprofil. Sie hatten unter anderem niedrigere Blutfettwerte, niedrigere LDL- und höhere HDL-Cholesterinwerte, niedrigere Leberenzymwerte sowie ein günstigeres Taille-Hüft-Verhältnis. Beim Body-Mass-Index (BMI) zeigte sich dagegen kein Unterschied. Die positiven Stoffwechseleffekte waren allerdings über die gesamte Verteilung des BMI hinweg zu beobachten.

Kein erhöhtes Risiko für Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Besonders relevant: Bei den Trägerinnen und Trägern der INSR-Missense-Varianten zeigte sich in der UK Biobank kein erhöhtes Risiko für die Gesamtsterblichkeit, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebserkrankungen. Das günstigere Stoffwechselprofil bestätigte sich auch in drei unabhängigen Kohorten.

„Diese Ergebnisse liefern erstmals genetische Hinweise darauf, dass auch bei Menschen eine leichte, lebenslang bestehende Verringerung der Insulinsignalübertragung mit einem gesünderen Stoffwechselprofil verbunden ist – im Unterschied zur klassischen Insulinresistenz“, schlussfolgern die Autorinnen und Autoren. Das deute darauf hin, dass nicht jede Form der Insulinresistenz zwangsläufig gesundheitlich nachteilig ist.

Weitere Forschung soll Unterschiede erklären

In weiteren Untersuchungen wollen die Forschenden klären, warum unterschiedliche Formen der Insulinresistenz unterschiedliche Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Dabei soll unter anderem untersucht werden, welche Faktoren vor Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen schützen könnten und ob weitere vorteilhafte Formen der Insulinresistenz existieren. Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, neue biologische Signalwege zu identifizieren, die für die Stoffwechselgesundheit relevant sind, und mögliche Ansatzpunkte für künftige Forschung und Therapien zu erschließen.

(mkl/BIERMANN)