Intelligenztest nach sechs Monaten Pandemie9. März 2023 Schulschließungen und Homeschooling während der Pandemie haben bei Schülern Spuren hinterlassen. (Foto: © Steven Weirather – Pixabay) Sechs Monate nach Beginn der Coronapandemie haben Schüler in Deutschland in einem Intelligenztest schlechter abgeschnitten als Vergleichsgruppen in den Jahren 2002 und 2012. Der Intelligenzzuwachs in den darauf folgenden zehn Monaten lag zwar im Normalbereich, der Rückstand zu den Vorjahren konnte in dieser Zeit jedoch nicht aufgeholt werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die in „Plos One“ veröffentlicht wurde. Die Forschenden aus Trier und Chemnitz haben 2020, sechs Monate nach Pandemiebeginn, die Leistung von insgesamt 424 Schülerinnen und Schülern aus vier Schulen in Rheinland-Pfalz aus den Klassenstufen sieben bis neun untersucht. Ein Teil der Gruppe wurde zudem als Vergleichsgruppe für Ergebnisse aus den Jahren 2002 und 2012 herangezogen. Zur Messung der Intelligenz nutzten sie den Berliner Intelligenzstrukturtest für Jugendliche. Dieser testet die Bearbeitungsgeschwindigkeit, Merkfähigkeit, Verarbeitungskapazität, den Einfallsreichtum und die Fähigkeit im Umgang mit numerischem, verbalem und figuralem Material. Aus diesen Teilbereichen wird ein Wert für die Allgemeine Intelligenz ermittelt. In der Studie wurde zunächst die Intelligenztest-Leistung von Gruppen von je 104 im Hinblick auf Geschlecht, Klassen-Typ (reguläre Klassen und Hochbegabtenklassen), Klassenstufe und Alter vergleichbaren Schülern zwischen 2002 und 2020 verglichen. Während der ermittelte Mittelwert der Allgemeinen Intelligenz für 2002 noch bei rund 112 IQ-Punkten lag, betrug der Wert 2020 nur etwa 105. In einer weiteren Analyse zeigte sich, dass die Stichprobe von 2012 höhere Werte als die beiden anderen Gruppen aus den Jahren 2002 und 2020 erzielte. Laut Studie deute das darauf hin, dass der zuvor beobachtete Unterschied nicht die Fortsetzung eines längeren Abwärtstrends sei. Zehn Monate nach der ersten Testung in 2020 und somit 16 Monate nach Pandemiebeginn, testeten die Forschenden die Schüler erneut. Sie erreichten in diesem Zeitraum einen durchschnittlichen Zuwachs der Allgemeinen Intelligenz von knapp acht IQ-Punkten, das entspricht einem erwartbaren Zuwachs während eines Schuljahres (zwischen 1 und 10,8 IQ-Punkten). Der zuvor festgestellte Rückstand im Vergleich zu den Vorjahren konnte also nicht aufgeholt werden. Wahrgenommener Stress stand dabei in keinem signifikanten Zusammenhang mit der Leistung im Intelligenztest. Laut der Studie liefern die Ergebnisse Anzeichen dafür, dass die Pandemie und die daraus resultierenden Probleme im Bildungsbereich die Intelligenzentwicklung von Schülerinnen und Schülern beeinträchtigt haben könnte. Nachteilige Auswirkungen seien demnach vor allem in den ersten Monaten der Pandemie aufgetreten. „Es liegen mittlerweile einige Studien vor, die die negativen Effekte der Corona-Pandemie auf die schulische Lernleistung berichten. Zurecht spricht man daher von der ‚Generation Covid‘. Dass sich diese Zeit sogar auf die Intelligenz auswirken konnte, ist theoretisch schlüssig und in dieser Studie zum ersten Mal empirisch untersucht. Aufgrund des Studiendesigns, in dem verschiedene Kohorten über verschiedene Zeiträume miteinander verglichen werden, ist es möglich, diesen Schluss zu ziehen. Die Corona-Pandemie war für Kinder und Jugendliche geprägt von Schulschließungen und – für die Persönlichkeitsentwicklung noch gravierender – sozialer Isolation. Gerade Jugendliche brauchen das Gegenüber, um sich psycho-sozial entwickeln zu können und auch um Lernen zu können”, kommentierte Prof. Klaus Zierer, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, die Ergebnisse der Studie. Allerdings gebe es weitere wichtige Moderatoren, die bei der Interpretation berücksichtigt werden müssten, ergänzte Zierer. Dazu zähle vor allem die Digitalisierung der Lebenswelt, die seit 2012 dramatisch zugenommen habe und sich in den Bildschirmzeiten zeigten. Auch diese habe die Corona-Pandemie nochmals befeuert. “Hierzu liegen Studien vor, die zeigen, dass beispielsweise die Nutzungsdauer und -art von Smartphones einen negativen Einfluss auf die Intelligenzentwicklung hat”, erklärte Zierer. Aus schulischer Sicht sei das Ergebnis insofern beachtenswert, als dass die Testwerte sich von 2020 bis 2021 zwar im normalen Maß veränderten, aber kein Aufholen des Rückstands feststellbar war. “Somit ist davon auszugehen, dass die in anderen Studien berichteten Lernrückstände zum Zeitpunkt der Erhebung noch nicht wettgemacht worden sind. Die schulischen Maßnahmen, die eigentlich die Folgen der Corona-Pandemie abfedern sollten, wirken folglich (noch) nicht – viele davon wurden zwar bildungspolitisch angekündigt, aber nie wirklich umgesetzt, siehe Sommerschule. In der Summe liest sich die Studie als ein weiterer Weckruf, Bildung als gesamtgesellschaftliches Thema nicht nur in Sonntagsreden in den Blick zu nehmen, sondern mit evidenzbasierten Konzepten endlich anzugehen”, mahnte der Pädagoge.
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