Intensivmediziner warnen vor Versetzung von Pflegepersonal von der Erwachsenen- auf die Kinder-Intensivstation5. Dezember 2022 Die Pflege frühgeborener und schwerkranker Kinder erfordert andere Kompetenzen als die Pflege Erwachsener. (Foto: © Toshi Photography – stock.adobe.com) Die Intensivmediziner unter den deutschen Anästhesisten halten die geplanten Maßnahmen von Bundesgesundheitsminister Lauterbach zur Beseitigung der Engpässe in der Kinder-Intensivmedizin für “unsinnig und gefährlich”. “Es ist unrealistisch, dass eine Pflegekraft, die normalerweise auf einer Erwachsenen-Intensivstation arbeitet, plötzlich auf einer Kinder-Intensivstation eingesetzt werden kann”, sagt Prof. Frank Wappler, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und selbst erfahrener Intensivmediziner. “Für die Versorgung von Früh- und Neugeborenen oder schwerkranken Kindern auf einer Intensivstation sind ganz andere Fähigkeiten notwendig als in der Erwachsenmedizin. Das kann man nicht mal eben lernen.” Denn hier gehe es um ganz andere Größenordnungen und Krankheitsbilder. Deshalb sei eine Versetzung von Pflegern und Schwestern von einer Erwachsenen- auf eine Kinder-Intensivstation sinnlos und trage nicht zur Lösung des Problems bei, so Wappler weiter. Mehr noch: Eine solche Maßnahme berge seiner Ansicht nach sogar Gefahren und Risiken. “Der Pflegenotstand wird nur verlagert” Pflegepersonal jetzt aus der Erwachsenen- in die Kinderintensivmedizin zu schicken, ist für die Intensivmediziner unter den Anästhesisten noch aus einem weiteren Grund der falsche Schritt: “Wir verlagern den Pflegenotstand damit aus der Kinder-Intensivmedizin noch einmal in die Erwachsenen-Medizin”, macht DGAI-Präsident Wappler deutlich. Auch auf den Intensivstationen für Erwachsene könnten derzeit mehr als ein Drittel aller Betten nicht betrieben werden, weil Pfleger und Schwestern fehlten: “Dieses Problem bestand schon vor der Corona-Pandemie, hat sich während der Pandemie verschärft und ist längst noch nicht gelöst!” Damit werde die Lage auf den Erwachsenen-Intensivstationen noch immer schwieriger. BVKJ kritisiert Lauterbachs Maßnahmen ebenfalls Kritik an den Plänen des Gesundheitsministers, die pädiatrischen Kliniken und Praxen zu entlasten, kommt auch vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). So sei die Infektwelle nicht der eigentliche Grund für die aktuell “katastrophale Lage”, erklärte Dr. Thomas Fischbach, Präsident des BVKJ: „Die derzeitige Situation war zu erwarten. Und die Politik nimmt sie nicht nur billigend in Kauf, sie hat sie vielmehr mitverursacht, indem sie die Pädiatrie seit Jahren aushungert. 80 Prozent der Kliniken mussten in den letzten Jahren die Zahl ihrer Betten reduzieren, sogar im Intensivbereich. In unseren Praxen müssen wir daher zunehmend schwer kranke und chronisch kranke Kinder und Jugendliche mitversorgen.” Dem Gesundheitsminister mangelt es an praktikablen Konzepten „In dieser Situation fällt dem Gesundheitsminister nichts anderes ein, als Eltern zu raten, Vorsorgeuntersuchungen für wenige Wochen zu verschieben, um Praxen in der Infektwelle zu entlasten. Weiterhin schlägt er vor, Personal aus Erwachsenenstationen auf Kinderstationen zu entsenden. Viele Kinder haben unter dem pandemiebedingten Lockdown von Kitas, Schulen und Sportvereinen schwer gelitten und psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsstörungen entwickelt. Diese werden oft in den Vorsorgeuntersuchungen erstmals diagnostiziert. Wenn der Minister jetzt rät, Vorsorgen zu verschieben, bleiben psychische Auffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen unbehandelt und können chronisch werden. Ebenso absurd und gefährlich ist auch die Idee, Pflegende ohne Erfahrung auf Kinderstationen abzukommandieren und gleichzeitig die Personaluntergrenzen aufzuheben. Dadurch werden fachfremde Kräfte in Akkordarbeit schwer kranke Frühgeborene, Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche versorgen: ein Desaster! Eines vor dem wir im Übrigen schon gewarnt haben, als durch die Einführung der generalistischen Pflegeausbildung die Kinderkrankenpflege systematisch ausgehöhlt wurde.“ Um die überfüllten Kinder- und Jugendarztpraxen zu entlasten, schlägt Gesundheitsminister Lauterbach vor, dass Eltern ihre Kinder telefonisch krankschreiben lassen sollen. Ein Vorschlag, der auf Kosten der niedergelassenen Pädiater geht. „Seit Kurzem ist uns das Honorar für telefonische Beratung gestrichen worden“, erklärt Fischbach. „Wir sollen hier also eine weitere Gratisleistung erbringen. Das wirkt auf uns, als wolle der Minister unsere Praxen mit allen Mitteln herunterwirtschaften. Schon seit Jahren sind die pädiatrischen Praxen vollkommen unterfinanziert und auf die geplante Abschaffung der Budgetierung, die uns die Ampelkoalition versprochen hat, warten wir immer noch vergeblich.“
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