Ist die universitäre Kinder- und Jugendorthopädie ein fundamentaler Bestandteil?26. Oktober 2022 Abb. 1 (Grafik: Wirth) In der vorliegenden Arbeit stellt der Autor Ergebnisse aus einer Umfrage vor, die den Status quo der Kinder und Jugendorthopädie in deutschen Universitätskliniken widerspiegelt und leitet daraus Forderungen für die Zukunft der Disziplin innerhalb der Universitätsmedizin ab. Wie die gesamte Kinder- und Jugendmedizin leidet auch die Kinder- und Jugendorthopädie in der Bundesrepublik Deutschland unter der Ressourcenverknappung in Zusammenhang mit der Ökonomisierung der Medizin. Dadurch wird aus dem zentralen Element, das dem Fach Orthopädie den Namen gegeben hat, ein an den Rand gedrängtes Teilgebiet der Gesamtfachs Orthopädie und Unfallchirurgie. Eine tragende Rolle in der Aus- und Weiterbildung von Studenten und Ärzten in Weiterbildung nehmen die Universitätskliniken ein. Während des Studiums und im Praktischen Jahr entscheiden viele junge Kollegen über ihre fachliche Spezialisierung und fachärztliche Weiterbildung. Die Kommission Kinder- und Jugendorthopädie der DGOOC hat Ende 2021 in enger Abstimmung mit der Vereinigung für Kinderorthopädie (VKO) und dem Konvent der Universitätsprofessoren für O und U (KUOU) eine Umfrage unter den deutschen Universitätskliniken zu dieser Thematik durchgeführt, die große Defizite in Versorgung, Lehre und Forschung in der universitären Kinder- und Jugendorthopädie ans Licht brachte. Von den 39 deutschen Universitätskliniken nahmen 25 Standorte mit 29 Abteilungen an der Umfrage teil, entsprechend einer Rücklaufquote von etwa 64 Prozent. Aus den Bundesländern Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein kamen keine Antworten, aus Bayern und Nordrhein-Westfalen von weniger als der Hälfte der Standorte. Insgesamt waren 45 Fragen zum aktuellen Angebot und den Perspektiven der Kinder- und Jugendorthopädie zu beantworten. Die positiven Aspekte der Umfrage sind, dass alle antwortenden Unikliniken Kinder- und Jugendorthopädie anbieten, meistens als Sektion (69 %) teilweise in die Klinik integriert (31 %). Immerhin 55 Prozent der Kliniken haben eine eigene Kinderstation, die übrigen nutzen Betten der Kinderklinik, die es an allen Standorten gibt. Erfreulich ist auch, dass die Zusatzweiterbildung Kinderorthopädie in allen Auskunft gebenden Kliniken vorhanden ist, teilweise mehrfach. Gut zehn Prozent der Unikliniken hat nur einen Arzt für das Teilgebiet abgestellt, während die überwiegende Mehrheit ein Team mit unterschiedlichen Mitarbeiterzahlen unter der Verantwortung eines Oberarztes oder des Chefarztes abstellt. Alle Kliniken haben eine enge Kooperation mit der ansässigen Kinderklinik angegeben, die sich vorrangig auf die Behandlung onkologischer (93 %), neurologischer (65,5 %) und rheumatologischer (58,6 %) Patienten erstreckt. Alle antwortenden Kliniken halten kinder- und jugendorthopädische Sprechstunden ab, 82,8 Prozent auch Spezialsprechstunden. Darunter sind vor allen Dingen die Hüftultraschallsprechstunde Neugeborener, die Skoliose- und die Klumpfußsprechstunde zu nennen. In allen weiteren Fragen wurden die Defizite der universitären Kinder- und Jugendorthopädie aufgedeckt. Sämtliche Kliniken behandeln Kinder operativ. Die Mehrzahl (57,2 %) führt lediglich zwischen 250 und 500 operative Eingriffe im Jahr durch, 25 Prozent liegen darunter und 17,8 Prozent darüber. 28 Kliniken operieren Wirbelsäulendeformitäten, 26 verlängern Extremitäten und 23 operieren benigne und maligne Knochentumoren, aber wir wissen nicht, ob dies durch den Kinderorthopäden oder den Wirbelsäulenchirurgen oder Tumororthopäden geschieht und wie die wirkliche Verzahnung mit der Kinder- und Jugendorthopädie ist. Wiederum 28 Kliniken behandeln Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen. Nur 28,6 Prozent der Universitätskliniken haben aber noch eine eigene Technische Orthopädie. 42,8 Prozent bieten die Technische Orthopädie durch externe Partner an und 28,6 Prozent haben keine mehr. Dadurch gibt es den Idealfall einer neuroorthopädischen Sprechstunde mit anwesendem Physiotherapeut und Orthopädietechniker nur in 36 Prozent der Kliniken. Überhaupt vermissen wir an unseren orthopädischen Universitätskliniken region- oder fachgebundene Subspezialisierungen, wie sie in renommierten internationalen kinder- und jugendorthopädischen Abteilungen mittlerweile Standard sind (Abb. 1). Dadurch droht der Verlust des Anschlusses an die heutige internationale Behandlungsqualität. Auch die akademischen Aufgaben werden durch die Universitätskliniken für das Teilgebiet der Kinder- und Jugendorthopädie sehr unterschiedlich erfüllt. In mehr als der Hälfte der Fälle (57,1 %) wird die Lehre im Rahmen der Hauptvorlesung abgebildet. Nur etwa 40 Prozent der Universitätskliniken vertiefen das Teilgebiet in Kleingruppenveranstaltungen oder Seminaren. Auch die Forschung läuft auf diesem Gebiet in der Mehrzahl zu klinischen Themen, immerhin in 42,9 Prozent auch experimentell. Entsprechend werden auch Promotionsarbeiten angegeben. Obwohl diese Umfrage die Aktivitäten der nichtantwortenden Universitätskliniken nicht erfassen kann, darf doch gemutmaßt werden, dass sich etwa 30 Prozent der orthopädischen Universitätskliniken aus der Versorgung von Kindern und Jugendlichen zurückgezogen haben. Durch die Beschränkungen im universitären Angebot auf dem Feld der Kinder- und Jugendorthopädie werden weitere Fragen aufgeworfen. Abb. 2 (Grafik: Wirth) In der universitären Medizin gehört die Weiterentwicklung der Medizin durch Forschung und Lehre, damit auch die Aus- und Weiterbildung junger Kolleginnen und Kollegen zur Kernaufgabe (Abb. 2). Weniger als die Hälfte der antwortenden Kliniken glaubt diese Aufgaben in vollem Umfang zu erfüllen. Nur etwa zehn Prozent der Universitätsklinken denken, dass der Kinder- und Jugendorthopädie derzeit der richtige Raum beigemessen wird. Die Universitätskliniken verhehlen ihre Verantwortung nicht und sehen, dass man zukünftig mehr für die orthopädische Versorgung der Kinder und Jugendlichen tun muss. Vorschläge sind beispielsweise eine im Rahmen der Facharztweiterbildung vorgeschriebene Rotation in das Teilgebiet und das Vorhandensein der Weiterbildungsermächtigung für die Zusatzweiterbildung Kinder- und Jugendorthopädie oder eine für eine hochqualifizierte Kinder- und Jugendorthopädie notwendige Infrastruktur wie Nähe zur Pädiatrie, Zugang zur Kinderintensiv- und eine ausgewiesene Bettenstation. Es wurde darüber hinaus betont, dass eine spezifische Grundausstattung wie Spezialsprechstunden, Kooperationen mit der Pädiatrie und auch breite operative Tätigkeit vorgehalten werden muss. Hier könnte auch die Forderung nach Eigenverantwortlichkeit für die Kinder- und Jugendorthopädie Fortschritte bringen, denn diese ist nach der Umfrage nur in 31 Prozent gegeben (Abb. 3). In Deutschland gibt es keine W-3-Professur für Kinder- und Jugendorthopädie sondern nur zwei W-2-Professuren in Hamburg und in Göttingen. Gerade hier könnten Zeichen gesetzt werden, um dieses wichtige Teilgebiet sichtbarer und bedeutsamer zu machen. Mehr universitäre Präsenz ist dringend geboten. Abb. 3 (Grafik: Wirth) Autor:Prof. Dr. med. Thomas WirthOrthopädische Klinik des OlgaspitalKriegsbergstraße 62, 70174 Stuttgart DKOU: Donnerstag 27.10.11:00–12:30 UhrParis 2
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