Jeder Schritt zählt

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

Möchten Sie kostenlos mit der U-Bahn fahren? Dann machen Sie bitte 10 Kniebeugen! So versuchte die Stadtverwaltung von Mexico City vor einigen Jahren, die Einwohner zu mehr körperlicher Aktivität zu motivieren [1]. Der gesundheitliche Nutzen körperlicher Aktivität ist allgemein bekannt. Dennoch ist es eine Herausforderung, Menschen zu mehr Bewegung zu motivieren. Schon der Begriff Lebensstilmodifikation, der mit dieser Idee verbunden ist, klingt eher nach Mühe als nach Spaß.

Menschen zu motivieren ist eine Fähigkeit, die in der freien Wirtschaft viel Geld wert ist. So werden für Tagungen und Betriebsfeiern hochbezahlte Redner engagiert, die von scheinbar unbezwingbaren Aufgaben berichten und wie diese dann doch zu meistern sind: Die Reise zum Südpol und die Besteigung des Mount Everests, die Überwindung schwerster Krankheitsfolgen oder die erfolgreiche Wandlung vom Moppelchen zur Fitness-Ikone sind beliebte Sujets in diesem Bereich.

Im Praxisalltag stellt die Motivation zur Lebensstilmodifikation eine wichtige ärztliche Kompetenz dar. Egal ob Diabetes, Herzschwäche oder COPD – immer steht die Änderung der Lebensgewohnheiten auf Platz 1 der Therapieempfehlungen. Gleichzeitig stellt das die größte Herausforderung dar: Es ist deutlich einfacher, ein Medikament zu verordnen, als eine erfolgreiche und dauerhafte Änderung der Essgewohnheiten, des Rauchverhaltens oder der körperlichen Aktivität zu erreichen.

Für das Thema Ernährungsumstellung hat ein erfahrener Berliner Präventionsmediziner ein schönes sprachliches Bild geschaffen: Einerseits vermeidet er das Wort Ernährung (klingt wissenschaftlich und abstrakt) und spricht stattdessen lieber vom Essen (das macht jeder gerne). Zum anderen beschreibt er die Änderung der Essgewohnheiten als „kulinarischen Umzug“: Das, woran Ihr Herz hängt, dürfen Sie mitnehmen. Den Ballast, der sich über Jahre angesammelt hat, lassen Sie zurück. Dafür entdecken Sie viele schöne, neue Dinge. Mit diesem Bild lässt sich zum Beispiel der Wechsel zur mediterranen Küche gut vermitteln.

Bewegung tut gut – das sagt man zumindest so. Im Alltag ist allerdings auch hier Motivation gefragt, denn nicht jeder verspürt dieses „gut tun“ unmittelbar – sich bewegen ist nämlich auch anstrengend. Für Patientinnen und Patienten, die an Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder COPD leiden, stellt die körperliche Aktivität eine der wichtigsten Maßnahmen dar: Die enge Korrelation zwischen dem Ausmaß der täglichen oder wöchentlichen Bewegung und der Mortalität ist gut belegt [2].

Schon bei Patientinnen und Patienten mit leichter COPD ist die Anzahl der täglich zurückgelegten Schritte im Vergleich zu Menschen mit chronischer Bronchitis signifikant vermindert [3]. Aus dieser Erkenntnis resultiert allerdings auch ein Trugschluss: Wenn Menschen mit COPD sich weniger bewegen und dann früher sterben, dann ist die Korrelation zwischen Sterblichkeit und Aktivität vielleicht nur ein Ausdruck der Krankheitsschwere: Wer mehr Symptome hat, geht eben weniger Schritte. Doch in Wahrheit ist es umgekehrt: Wer mehr Schritte geht, verspürt weniger Luftnot [4]. Körperliche Aktivität und somit auch das Training der Atmungsmuskulatur zahlt sich tatsächlich aus. Gelingt es uns also, Patientinnen und Patienten zu mehr Bewegung zu motivieren, so hat dies auch einen Nutzen hinsichtlich der Symptomatik.

Eine der wirksamsten Methoden zur Förderung der Aktivität im Alltag ist die Rehabilitation. Über 3–4 Wochen erleben die Rehabilitanden dabei, wie sich alleine durch die vermehrte Bewegung Symptome verbessern und sich die Belastbarkeit immer weiter steigert. Schulungen und weitere Maßnahmen verstärken diesen Effekt: Die Selbstwirksamkeit wird bei chronisch kranken Menschen durch eine Rehabilitation deutlich erhöht.

Auch durch die medikamentöse Behandlung der COPD lässt sich das Aktivitätsniveau erhöhen: Bei Therapie mit dualer Bronchodilatation zeigte sich in der ACTIVATE-Studie [5] schon unter alleiniger Pharmakotherapie eine Erhöhung der Anzahl der täglichen Schritte um 731. Durch eine begleitende Verhaltensintervention konnte dieser Effekt noch verstärkt werden.

Gesundheitsapplikationen, also evidenzbasierte Programme für Mobiltelefone, die auf Kassenrezept zuzahlungsfrei verordnet werden können, verfolgen das gleiche Ziel: Motivation zur vermehrten Aktivität im Alltag [6].

Die sogenannten Wearables, tragbare Utensilien wie Uhren mit eingebautem Schrittzähler oder Aktivitätssensor, können ebenfalls zu mehr physischer Aktivität im Alltag führen. Dies gilt insbesondere für die Kombination aus der Nutzung eines solchen Wearables und einer ärztlichen Beratung, wie eine aktuelle Metaanalyse am Beispiel von Menschen mit kardialen und metabolischen Erkrankungen bestätigt [7]. Allerdings erreichten die beobachteten Effekte nicht unbedingt das in den entsprechenden Leitlinien empfohlene Ausmaß.

Dr. med. Justus de Zeeuw

Literatur

  1. www.spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/abnehmen-in-mexiko-zehn-kniebeugen-fuer-ein-u-bahn-ticket-a-1015136.html. Abgerufen am 01.12.2021
  2. Waschki B et al. Physical activity is the strongest predictor of all-cause mortality in patients with COPD: a prospective cohort study. Chest 2011;140(2):331–342
  3. Watz H et al. Physical activity in patients with COPD. Eur Respir J 2009;33:262–272
  4. Katajisto M et al. Physical inactivity in COPD and increased patient perception of dyspnea. Int J Chron Obstruct Pulmon Dis 2012;7:743–755
  5. Watz H et al. ACTIVATE: the effect of aclidinium/formoterol on hyperinflation, exercise capacity, and physical activity in patients with COPD. Int J Chron Obstruct Pulmon Dis 2017;12:2545–2558
  6. www.kaiahealth.com/de/copd/. Abgerufen am 01.12.2021
  7. Hodkinson A et al. Interventions Using Wearable Physical Activity Trackers Among Adults with Cardiometabolic Conditions. JAMA Network Open 2021;4(7):e2116382