Jeder vierte Patient mit schwerer Hirnverletzung zeigt Anzeichen eines verborgenen Bewusstseins16. August 2024 Foto: © DedMityay – stock.adobe.com Jeder vierte Patient, der nach einer Hirnverletzung nichtresponsiv ist, zeigt anhaltende Anzeichen eines verborgenen Bewusstseins, wenn er mittels EEG oder fMRI untersucht wird. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor, die im „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde. Die von einem internationalen Konsortium medizinischer Zentren, darunter das Columbia University Irving Medical Center und Weill Cornell Medicine, beide USA, durchgeführte Studie ergab, dass nichtresposive Patienten mit schweren Hirnverletzungen überraschend häufig deutliche Anzeichen kognitiver Funktionen in EEG-Messungen oder Gehirnscans zeigen, wenn sie aufgefordert werden, einfache körperliche Bewegungen auszuführen. Die Patienten in der Studie waren komatös, vegetativ oder in einem Zustand minimalen Bewusstseins (konnten Objekte mit ihren Augen verfolgen, ohne in in der Lage zu sein, auf Befehle zu reagieren). Mit 241 Patienten sei die Studie die bisher größte, die die Prävalenz der kognitiv-motorischen Dissoziation oder des verdeckten Bewusstseins untersucht hat, heißt es in einer Mitteilung der Columbia-Universität. Bei der kognitiv-motorischen Dissoziation sind die Patienten nicht in der Lage, sich als Reaktion auf Befehle zu bewegen, erzeugen aber Gehirnwellen, die auf ein gewisses Maß an Bewusstsein schließen lassen. „Ich werde nie vergessen, wie ich das erste Mal einen Patienten, der für immer verloren schien, aufwachen sah“, berichtete Jan Claassen, einer der Autoren der Studie dem „Columbia Magazine“. „An einem Tag war er völlig teilnahmslos, und das nächste Mal, als ich ihn sah, saß er am Tisch und spielte Karten. Diese Verwandlung hatte etwas, das mich in Ehrfurcht erstarren ließ. Ich wusste, dass ich mein Leben der Hilfe für diese Menschen widmen musste.“ Im Interview erklärt Claassen, was die neuen Erkenntnisse für Patienten mit kognitiv-motorischer Dissoziation in Zukunft bedeuten könnten. Was sagt uns die Studie über das Bewusstsein von komatösen Patienten? Claassen: Die Studie bestätigt, dass eine große Zahl von Patienten, die in ihrem Verhalten nichtansprechbar zu sein scheinen, bei Bewusstsein sind und dies nicht zum Ausdruck bringen können. Wir wissen jetzt, dass das Phänomen der kognitiv-motorischen Dissoziation, das bei Patienten aus verschiedenen Zentren mit einer Vielzahl von Hirnverletzungen beobachtet wurde, tatsächlich häufig vorkommt. Studienautor Jan Claassen (Foto: Columbia University) Wir haben die Pflicht zu versuchen, auf diese Patienten zuzugehen und Kommunikationsbrücken zu ihnen zu bauen. Die Studienergebnisse geben uns den Hintergrund, den wir brauchen, um Interventionen zu entwickeln, die ihnen bei der Genesung helfen. Wachen diese Patienten irgendwann wieder auf? Nicht jeder komatöse Patient mit einer Hirnverletzung wacht auf. Meine Arbeitsgruppe hat jedoch bereits gezeigt, dass Menschen mit kognitiv-motorischer Dissoziation eine viel höhere Chance haben, innerhalb eines Jahres nach ihrer Verletzung aufzuwachen und sich funktionell zu erholen. In einer weiteren Studie fanden wir heraus, dass dieser Zustand die Zeit bis zur Genesung unabhängig vorhersagt und möglicherweise ein stärkerer Prädiktor für die Genesung ist als andere Faktoren wie das Alter oder die Ursache der Hirnverletzung. Kann man etwas tun, um die Genesung eines Betroffenen zu unterstützen? Derzeit gibt es keine spezifischen Behandlungen, um die Genesung eines Patienten mit kognitiv-motorischer Dissoziation zu unterstützen. Es wird jedoch eine Reihe von Behandlungsmöglichkeiten erforscht. Diese Studie wird wahrscheinlich den Anstoß zu weitaus größeren Anstrengungen bei der Suche nach Behandlungsmöglichkeiten geben. Die Untersuchung auf verborgenes Bewusstsein ist derzeit auf einige wenige akademische medizinische Zentren beschränkt. Sollten sie ausgeweitet werden? Was muss noch gelernt werden, bevor Ärzte überall diese Methoden anwenden können? Mein Team und andere bemühen sich, den Zugang zu diesen Tests zu erweitern. Aber nicht jede Intensivstation verfügt über die Ressourcen oder das Personal, das in der Anwendung von EEG oder fMRT zur Erkennung kognitiv-motorischer Dissoziation geschult ist. Eine weitere Herausforderung ist das Risiko falsch negativer Ergebnisse bei nichtansprechbaren Patienten mit Verletzungen, die ihre Fähigkeit, Sprache zu verstehen, beeinträchtigt haben. Wir verfügen über einige unveröffentlichte Daten, die zeigen, dass bewusste, hirnverletzte Patienten mit Schwierigkeiten beim Verstehen gesprochener Sprache deutlich seltener Anzeichen einer kognitiv-motorischen Dissoziation zeigen, auch wenn sie auf andere Weise gegebene Befehle reagieren können. Um diesem Risiko falsch negativer Ergebnisse bei nichtansprechbaren Patienten entgegenzuwirken, entwickeln wir zusätzliche Paradigmen, die nicht auf dem Sprachverständnis beruhen.
Mehr erfahren zu: "Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei" Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei Multiple Sklerose wird durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus mitverursacht. Daneben spielen aber auch bestimmte Genvarianten eine wichtige Rolle. Wie Forschende der Universität Zürich zeigen, führt erst das molekulare Zusammenspiel […]
Mehr erfahren zu: "Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet" Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet Verhaltensauffälligkeiten nehmen auch im Schulalltag zu. Nach langer Planung startet in Sachsen nun ein Projekt, das Lehrkräfte sowie Schulleitungen entlasten soll.
Mehr erfahren zu: "Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken" Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken Auch mehrere Jahre nach Ende der Corona-Pandemie prägt diese Zeit noch Tausende Teenager in Baden-Württemberg in Form psychischer Erkrankungen.