Kann antiseptische Nabelpflege bei Neugeborenen Infektionen und Todesfälle verhindern?

In den ersten 14 Tagen nach der Geburt bedarf der Nabel einer sorgfältigen Pflege. (Foto: © Marco – stock.adobe.com)

Entzündungen des Nabelschnurrests gehören weltweit zu den Ursachen schwerer Infektionen bei Neugeborenen – insbesondere in Ländern, in denen die medizinische Versorgung und die Hygienemöglichkeiten eingeschränkt sind. Ein aktueller Cochrane Review zeigt: Chlorhexidin verringert dieses Infektionsrisiko wahrscheinlich. 

„In vielen Teilen der Welt kommen Neugeborene noch immer unter schlechten hygienischen Bedingungen zur Welt“, ordnet Dr. Aamer Imdad von der University of Iowa (USA), Erstautor des Reviews, die Ergebnisse ein. „Einfache und gut verfügbare Maßnahmen zur Nabelpflege können Infektionen in solchen Umgebungen deutlich reduzieren. Das ist besonders wichtig, weil ein großer Teil der Todesfälle bei Neugeborenen auf Infektionen zurückzuführen ist.“

Für den aktuellen Review haben die Forschenden aus Großbritannien, Kanada, Pakistan und den USA 18 randomisiert kontrollierte Studien mit insgesamt meher als 143.000 Neugeborenen ausgewertet. Diese Studien verglichen die antiseptische Nabelpflege mit der trockenen Nabelpflege, bei der kein Antiseptikum verwendet wird. Die meisten der 18 Studien wurden in ländlichen Regionen in Südasien und Afrika durchgeführt – also in Ländern mit mittlerem und niedrigem Einkommen. Häufig ging es dabei um Hausgeburten oder Geburtssituationen, in denen – anders als in Deutschland – der Zugang zu medizinischer Versorgung beziehungsweise die Hygienemöglichkeiten eingeschränkt waren. Der Review kommt bei der Auswertung zu folgenden Ergebnissen:

  • Das Antiseptikum Chlorhexidin verringert das Risiko für Nabelinfektionen wahrscheinlich um knapp 29 Prozent: Ohne Chlorhexidin infizierte sich der Nabelschnurrest bei 87 von 1000 Neugeborenen. Mit Chlorhexidin waren es unter 1000 Neugeborenen nur 62 Infektionen. (5 Studien, 128.486 Neugeborene, Vertrauenswürdigkeit nach GRADE: moderat)
  • Möglicherweise senkt Chlorhexidin auch die Sterblichkeit von Neugeborenen: Ohne Chlorhexidin lag sie bei 1,8 Prozent, mit Chlorhexidin bei 1,5 Prozent. Damit verhindert  Chlorhexidin möglicherweise drei Todesfälle durch Nabelschnur-Infektionen je 1000 Neugeborene. (5 Studien, 129.381 Neugeborene, Vertrauenswürdigkeit nach GRADE: niedrig)
  • Die Zeit bis zum Abfallen des Nabelschnurrests verlängert sich durch Chlorhexidin wahrscheinlich um etwa ein bis zwei Tage (6 Studien, 47 533 Neugeborene, Durchschnitt 1,85 Tage, Vertrauenswürdigkeit nach GRADE: moderat).

Der Review zeigt auch: Für andere antiseptische Substanzen – etwa Alkohol, Povidon-Iod oder Silberverbindungen – ist die Datenlage deutlich unsicherer. Die vorhandenen Studien liefern keine verlässliche Grundlage, um zu beurteilen, ob diese Mittel Nabelinfektionen verhindern oder andere relevante Effekte haben.

Für Länder wie Deutschland mit hohem Einkommen sowie besserer medizinischer Versorgung und besseren Hygiene-Bedingungen gibt es bislang nur sehr wenige Studien. Deshalb lässt sich auf Basis der verfügbaren Evidenz derzeit nicht zuverlässig beurteilen, ob antiseptische Nabelpflege hierzulande Vorteile gegenüber einer einfachen trockenen Nabelpflege hätte.