Kann Psilocybin vor Chemotherapie-bedingten Neuropathien schützen?10. September 2026 Wissenschaftler aus den USA entdeckten in präklinischen Experimenten einen schützenden Effekt von Psilocybin vor den Nervenschädigungen einer Chemotherapie. (Symbolfoto: ©kyrylovasyliev/stock.adobe.com) Die psychoaktive Substanz Psilocybin zeigte in einer aktuellen Studie an Mäusen und menschlichem Gewebe eine schützende Wirkung vor Chemotherapie-induzierten peripheren Neuropathien. Schmerzen, Taubheit, Kribbelgefühle in Händen und Füßen, motorische Einschränkungen: Chemotherapie-induzierte periphere Neuropathien (CIPN) gehen mit verschiedenen Symptomen einher und betreffen etwa 60 Prozent der Krebspatienten, die sich einer Chemotherapie unterziehen. Das Risiko eine CIPN steigt mit jedem weiteren Chemotherapie-Zyklus und mit der Höhe der Medikamenten-Dosis. Die Nervenschädigungen sind einer der Hauptgründe dafür, dass eine Chemotherapie verändert oder auch abgebrochen wird. Bislang gibt es jedoch keine wirksame Therapie, um eine CIPN präventiv zu verhindern oder abzumildern. Eine Gruppe von Forschenden des University of Texas MD Anderson Cancer Centers in Houston (USA) entdeckte nun jedoch mithilfe von Experimenten in Mäusen und in menschlichem Gewebe eine potenziellen präventiven Nutzen der psychoaktiven Substanz Psilocybin. Der in speziellen Pilzen vorkommende Wirkstoff wurde bisher vor allem als Medikament bei psychischen Erkrankungen wie Depression getestet (wir berichteten hier, hier und hier), wo er seine Wirkung vor allem über zentrale Mechanismen vermittelt. Laut den Ergebnissen der kürzlich im Fachjournal „Science“ veröffentlichten Studie wirkt Psilocybin aber auch in Nervenzellen außerhalb des Gehirns – und eröffnet einen potenziellen präventiven Therapieansatz zum Schutz vor einer CIPN. Psilocybin hält Mitochondrien-Transport in peripheren Nerven aufrecht Mit der aktuellen Studie wollte das US-Forschungsteam den Mechanismus der CIPN besser verstehen und neue Behandlungsansätze erschließen. Die Gruppe um Erstautor Dr. Mario Heles zeigt in ihrer Arbeit, dass durch die Chemotherapie die Anzahl der Mitochondrien in distalen sensorischen Nervenendigungen abnimmt. Aufgrund der fehlenden Energie in den Nervenenden sterben diese ab und Neuropathien entstehen. Bei ihren Experimenten an Mäusen beobachteten die Forschenden, dass Psilocybin vor diesem Absterben schützen kann, wenn es vor der Chemotherapie gegeben wird, wobei der Schutz über bis zu sechs aufeinanderfolgende Chemotherapiezyklen hinweg und während einer Nachbeobachtungszeit von acht Monaten aufrechterhalten blieb. Mechanistisch gesehen hält Psilocybin den Transport von Mitochondrien in die entfernten Nervenzellen aufrecht, wodurch deren Funktion erhalten bleibt. Eine entscheidende Rolle bei diesem Effekt spielt die Aktivierung von Serotonin-5HT2A-Rezeptoren auf den peripheren Neuronen. Ferner beobachtete die Forschungsgruppe, dass Psilocybin in der Großhirnrinde die durch die Chemotherapie gestörte elektrische Aktivität normalisierte. Somit entfaltet Psilocybin seine CIPN-präventive Wirkung sowohl auf peripherer als auch auf zentraler Ebene. Einen vergleichbaren Effekt konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch mit einer Psilocybin-ähnlichen, nicht psychoaktiven Substanz erzielen, die Serotonin-5HT2A-Rezeptoren aktiviert. Die schützende Wirkung von Psilocybin zeigte sich bei unterschiedlichen Chemotherapie-Medikamenten und beeinträchtigte deren antitumorale Wirkung nicht. Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen „Die Ergebnisse sind vielversprechend, können aber nicht unmittelbar vom Mausmodell auf Krebspatienten übertragen werden“, betont Dr. Marcus Meinhardt, Leiter der Arbeitsgruppe Translationale Psychopharmakologie, Zentralinstitut für seelische Gesundheit Mannheim, gegenüber dem Science Media Center (SMC). Dafür spreche zwar, dass die Wirkung bei mehreren Chemotherapie-Medikamenten beobachtet und der zugrunde liegende Mechanismus auch an menschlichen Nervenzellen und menschlichem Nervengewebe im Labor bestätigt wurde. Die bei Mäusen verwendeten Tests würden Schmerzen, Taubheitsgefühle und Einschränkungen im Alltag jedoch nur teilweise abbilden, schränkt Meinhardt die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen ein. Um die Wirkung im Menschen beurteilen zu können, bedarf es somit klinischer Studien. Laut Meinhardt könnten diese allerdings rasch begonnen werden, da die Substanz in anderer Indikation bereits beim Menschen getestet wird. Aufgrund fehlender Erfahrungen zur Dosierung im Anwendungsbereich der CIPN-Prophylaxe erscheint es nach Ansicht von Meinhardt jedoch sinnvoll, Psilocybin in den üblichen drei Phasen der klinischen Prüfung zu untersuchen. Psilocybin als Prophylaxe vor Neuropathien Prof. Wolfgang Löschel, Leiter der Arbeitsgruppe Neuromuskuläre Erkrankungen an der Universitätsklinik für Neurologie, Medizinische Universität Innsbruck (Österreich), hebt gegenüber dem SMC hervor, dass Psilocybin auf Grundlage der Studienerkenntnisse offenbar ausschließlich eine prophylaktische Wirkung hat: „Eine Wirksamkeit bei bereits bestehender CIPN wurde nicht systematisch geprüft. Einiges spricht jedoch gegen eine Wirksamkeit bei bereits bestehender CIPN: Wurde nach Tumorentfernung eine erneute Chemotherapie ohne Psilocybin-Gabe durchgeführt, entwickelte sich wiederum eine Neuropathie. Auch der Wirkmechanismus spricht gegen einen Effekt bei bestehender Nervenschädigung. Psilocybin scheint daher eine rein präventive Substanz zu sein.“ Dennoch sieht Löschel großes Potential in den Erkenntnissen: „Sollten sich diese Ergebnisse bei Menschen bestätigen, wäre dies die erste erfolgreiche Prävention einer CIPN. Nachdem CIPN immer häufiger werden und auch zu starken Behinderungen führen können, wäre dies ein großer Schritt in der Onkologie, weil es zusätzlich zu einer erfolgreichen Tumortherapie auch zu einer deutlichen Besserung der Lebensqualität kommen würde.“ (ah/BIERMANN)
Mehr erfahren zu: "Suizidassistenz in Deutschland – Erste Leitlinie vorgestellt" Suizidassistenz in Deutschland – Erste Leitlinie vorgestellt Wie sollen Ärzte oder Pflegekräfte reagieren, wenn Menschen in existenzieller Not sagen, dass sie sterben wollen? Eine neue Leitlinie setzt auf eingehende Beratung – mit offenem Ausgang.
Mehr erfahren zu: "Schmerzforscherin aus Münster an der Spitze der europäischen Schmerzgesellschaft" Schmerzforscherin aus Münster an der Spitze der europäischen Schmerzgesellschaft Seit dem 1. Oktober 2026 steht Prof. Esther Pogatzki-Zahn als Präsidentin an der Spitze der European Pain Federation (EFIC). Ihr erklärtes Ziel: Forschung, Versorgung und Schmerzprävention stärker miteinander verbinden.
Mehr erfahren zu: "Analgetische Wirkung von Ketamin: Braucht es die Dissoziation?" Analgetische Wirkung von Ketamin: Braucht es die Dissoziation? Ketamin wird als Analgetikum und Anästhetikum eingesetzt. Neben der schmerzstillenden Wirkung hat es auch einen dissoziativen Effekt. Dieser scheint jedoch nicht Voraussetzung für die Analgesie zu sein, wie eine experimentelle […]