Keine Benachteiligung von Frauen bei der akuten Schlaganfallversorgung in Deutschland10. März 2025 Foto: © AnnaStills – stock.adobe.com In der Vergangenheit wurde kritisiert, dass Frauen mit Schlaganfall schlechter beziehungsweise später behandelt würden als Männer. Nun gibt eine aktuelle retrospektive Kohorten-Studie im Hinblick auf die akute Schlaganfalltherapie in Deutschland Entwarnung: Demnach erhalten weibliche Betroffene ebenso häufig Thrombektomien und Thrombolysen.1 In den letzten Jahren haben sich die Überlebensraten nach einem Schlaganfall in Europa kontinuierlich verbessert, zwischen 1990 und 2010 allein um 15 Prozent.2 Gründe dafür sind die strukturell verbesserte Schlaganfallversorgung mit verkürzten Zeiten zwischen Notruf und Einleitung der Behandlung, die Versorgung Betroffener auf spezialisierten Stroke Units sowie die neuen Therapieoptionen wie die Thrombolyse, die medikamentöse Auflösung von Blutgerinnseln, und die Thrombektomie, bei der das Schlaganfall-auslösende Blutgerinnsel mechanisch mit einem Katheter entfernt wird. Ältere Daten zeigten, dass es international eine Ungleichbehandlung von Patientinnen und Patienten gibt.3 Demnach erhielten Frauen weniger interventionelle Schlaganfallbehandlungen und erreichten schlechtere Therapieergebnisse nach einem Hirninfarkt, sowohl was die Gesamtmortalität als auch die funktionellen Ergebnisse betraf. Dies bestätigte jüngst auch eine Studie aus Dänemark:4 Frauen erhielten weniger Reperfusionstherapien als Männer und bei ihnen verging eine längere Zeitspanne zwischen dem Auftreten der Symptome und der Aufnahme auf eine Stroke Unit. Eine im Jahr 2021 publizierte Auswertung von Registerdaten aus den Jahren 2000 bis 20185 konnte eine solche Benachteiligung von Frauen in Deutschland allerdings nicht bestätigen – im Gegenteil: Bei Frauen mit ischämischem Schlaganfall war sogar die Wahrscheinlichkeit einer intraarteriellen Therapie, bestehend aus der Kombination von Thrombolyse und Thrombektomie, höher. Wie lässt sich dieser Unterschied im internationalen Vergleich erklären? „Deutschland ist im Hinblick auf die Schlaganfallversorgung Vorreiter. Bereits 1995 wurde eine Zertifizierung von Stroke Units eingeführt, welche die Strukturvoraussetzungen, aber auch die Qualitätskriterien für die Schlaganfallbehandlung definiert. Die Zertifizierungskriterien werden regelmäßig aktualisiert, sodass alle Betroffenen nach höchstem Standard behandelt werden. Die Therapiealgorithmen orientieren sich an objektivierbaren medizinischen Kriterien; Faktoren wie Geschlecht oder Ethnie spielen keine Rolle“, erklärt Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Derzeit gibt es ein Netz von fast 350 neurologischen Stroke Units in Deutschland – und fast überall können Patientinnen und Patienten binnen 30 Minuten in eine solche, auf Schlaganfälle spezialisierte Klinik eingeliefert werden. Ende Februar 2025 wurde in „Neurological Research and Practice“, dem internationalen Open-Access-Journal der DGN, eine Auswertung der Daten des Statistischen Bundesamtes aus den Jahren 2017 bis 2022 publiziert.1 Untersucht wurde nicht nur, wie häufig die Behandlung auf einer Stroke Unit erfolgte, sondern auch die Raten von intravenöser Thrombolyse und mechanischer Thrombektomie, die Sterblichkeit im Krankenhaus und die Prävalenz von Vorhofflimmern. In der Studie wurden Daten von mehr als 1,3 Millionen Schlaganfallpatientinnen und -patienten ausgewertet; 47 Prozent der Betroffenen waren weiblich. Die Patientinnen waren älter und deutlich häufiger mindestens 80 Jahre alt (50,3% vs. 29,4%). Die Thrombolyse-Raten waren bei beiden Geschlechtern vergleichbar (16,3%), bei den Frauen jedoch etwas höher, wenn man sie um das Alter bereinigte. Die Thrombektomie-Raten (8,2% vs. 6,3%) waren bei Frauen in allen Altersgruppen durchweg höher. Bei weiblichen Patienten war die Sterblichkeitsrate innerhalb des Krankenhauses höher (9,1% vs. 6,2%). Die Aufnahme auf Stroke Units (73,6% vs. 76,0%) war etwas seltener, die Einweisungsraten auf eine Intensivstation hingegen ähnlich (10,6% vs. 10,5%). Vorhofflimmern, ein Surrogat für (schwerere) Schlaganfälle, wurde bei Frauen häufiger nachgewiesen (32,6% vs. 25,4%). Die Autoren schlussfolgern, dass Frauen in Deutschland einen ebenso guten Zugang zu Thrombektomie und Thrombolyse haben wie Männer. Die sogar höheren Thrombektomie-Raten erklären sie damit, dass Frauen offensichtlich häufiger schwere kardioembolische Schlaganfälle mit Verschlüssen großer Hirngefäße erlitten. Darauf deute die höhere Inzidenz von Vorhofflimmern bei Frauen hin. Die höhere Krankenhaussterblichkeit von Frauen ist nach Ansicht des Autorenteams auf die Art und Schwere der Schlaganfälle zurückzuführen. Frauen wurden weniger häufig in Stroke Units behandelt und häufiger direkt in Frührehabilitationszentren eingeliefert, was im Zusammenhang mit der Erkrankungsschwere und dem höheren Alter der Patientinnen stehen dürfte. Der DGN-Generalsekretär zieht folgendes Fazit aus der aktuellen Erhebung: „Die aktuelle Studie belegt, dass es in Deutschland keine Benachteiligung von Frauen gibt, wenn es um den Zugang zur akuten Schlaganfalltherapie geht. Allerdings müssen wir das höhere Risiko von embolischen Großgefäßverschlüssen bei Vorhofflimmern bei Frauen adressieren.“ Denn der Schlaganfall-Risikofaktor Vorhofflimmern tritt bei Frauen häufiger als bei Männern auf.6 Entscheidend für eine effektive Schlaganfallprophylaxe sei daher die frühzeitige Diagnose der absoluten Arrhythmie bei Vorhofflimmern, welche bei Frauen aber oft später erfolgt als bei Männern.7 Da Betroffene diese Herzrhythmusstörung selbst meist nicht bemerken, seien mit zunehmendem Lebensalter regelmäßige EKG-Kontrollen in der Hausarztpraxis wichtig. Denn: Wenn Vorhofflimmern festgestellt wird, lässt sich durch eine Blutverdünnung mit Antikoagulanzien die Gerinnselbildung im Herzen und damit das Auftreten von embolischen Schlaganfällen effektiv verhindern.
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