Kinder psychisch kranker Eltern entlasten28. Oktober 2022 Foto: © altanaka – stock.adobe.com Kinder, die mit psychisch erkrankten Eltern aufwachsen, übernehmen oft viel Verantwortung und sind selbst belastet. Im Projekt „Village“ entwickelte ein Forschungsteam unter Einbindung von Betroffenen sowie zahlreichen Organisationen ein Vorsorgeprogramm für betroffene Familien in Tirol. Nun wurde das Pilotprojekt erfolgreich abgeschlossen. Schätzungen zufolge wächst jedes vierte Kind mit einem psychisch kranken Elternteil auf – und mit einem erhöhten Risiko, später selbst psychisch oder körperlich zu erkranken. Kinder von psychisch erkrankten Elternteilen leiden häufig mit – oft im Stillen. Viele übernehmen früh viel Verantwortung, fühlen sich minderwertig oder gar schuldig, und fürchten sich vor Stigmatisierung. In Tirol fehlt es bisher an einer flächendeckenden, niedrigschwelligen Präventionsstruktur für diese Kinder. Dies zu ändern, machten sich die Verantwortlichen des Pilotprojekts „Village“ unter der Leitung der Sozialforscherin Jean Paul (Univ.-Klinik für Psychiatrie I) in den vergangenen fünf Jahren zur Aufgabe und etablierten Tirol ab 2018 als Modellregion. Nun ist das wissenschaftliche Projekt ausgelaufen. Im Vergleich zu den Kosten, die für die psychiatrische Behandlung von Kindern anfallen, wenn Prävention verabsäumt wird, ist das „Village“-Programm kostengünstig (rund 1130 Euro pro Familie bzw. 630 Euro pro Kind für die Teilnahme). Eine nachhaltige flächendeckende Finanzierung ist bisher dennoch nicht gelungen „Unbestritten ist, dass es dringenden Handlungsbedarf zur frühzeitigen Unterstützung betroffener Familien gibt. Dazu bedarf es sektorenübergreifender Zusammenarbeit und es ist erforderlich, dass der Prävention politisch jener Stellenwert eingeräumt wird, der international, unter anderem von der WHO, schon lange gefordert wird“, betont Prof. Wolfgang Fleischhacker, Rektor der Medizinischen Universität Innsbruck. „Village“: Ein regionales Forschungs-Praxis-Programm Von der Ludwig Boltzmann Gesellschaft und der Medizinischen Universität Innsbruck mit drei Millionen Euro Förderung ausgestattet, erarbeitete das Forschungsteam mit Vertretern von 14 Tiroler Organisationen sowie zwei Erwachsenen mit gelebter Erfahrung auf Basis wissenschaftlicher Analysen zunächst ein Konzept für ein Unterstützungsprogramm. Dabei stellten sie die direkte Beteiligung von Betroffenen und anderen Stakeholdern in den Mittelpunkt. Eine Gruppe junger Erwachsener, die mit psychisch erkrankten Elternteilen aufgewachsen sind, brachte während des gesamten Forschungsprozesses ihr Feedback ein. Projektleiterin Jean Paul von der Med Uni Innsbruck (Foto: David Bullock, MUI) Ziel war es, die Familien direkt in der psychiatrischen Praxis abzuholen. Sechs psychiatrische Krankenhausabteilungen und zehn niedergelassene ÄrztInnen beteiligten sich nach einer Schulung am Screening- und Zuweisungsprozess. Sie unterbreiteten psychisch erkrankten Müttern und Vätern von minderjährigen Kindern das Angebot, als Familie an dem kostenlosen Programm teilzunehmen. Bei darauffolgenden Familien- und Netzwerktreffen unter Anleitung von insgesamt zwölf geschulten Koordinatoren ging es darum, gemeinsam ein möglichst dichtes soziales Unterstützungsnetz – beispielsweise bestehend aus Verwandten, Nachbarn, Lehrern, Trainern, Ehrenamtlichen, Sozialarbeitern – für die Kinder zu weben. Verbesserungen für Familien, Stigmatisierung bleibt Problem Insgesamt wurden im Verlauf des Projekts 96 Familien zugewiesen, von denen 30 das Programm mit vorangehender und abschließender Befragung absolvierten. COVID-19-bedingt wurde für einzelne Elemente eine Onlineversion entwickelt. Die vor Programmbeginn erhobenen Daten geben Hinweise auf eine erhebliche Belastung der befragten Kinder und Eltern bezüglich Gesundheitszustand, Stigmatisierung und übermäßige Verantwortung im Haushalt. Nach Programmende zeigten sich Verbesserungen bei Kindern und Eltern hinsichtlich Gesundheitszustand, Wissen und Kommunikation über psychische Krankheit innerhalb und außerhalb der Familie. Ebenso verbesserten sich die Eltern-Kind-Beziehung und die Bereitschaft der Eltern, Unterstützung anzunehmen. „Die Eltern waren mit dem Programm sehr zufrieden, die Kinder gaben gemischte Zufriedenheitswerte an“, resümiert Paul. Das Ausmaß der Stigmatisierung und die Bewertung der Lebensqualität änderten sich jedoch kaum. Bereits die zu Projektbeginn angestellten Analysen ergaben, dass in Tirol ein hohes Maß an gesellschaftlicher Stigmatisierung besteht. Das Forschungsteam setzte daher während der gesamten Laufzeit auf begleitende Maßnahmen zur Sensibilisierung für das Thema, etwa mit Beiträgen in klassischen und sozialen Medien.
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