Kleider machen Leute

Dr. med Justus de Zeeuw
Dr. med Justus de Zeeuw

„Lassen Sie mich durch, in bin Arzt“ muss nur derjenige sagen, dem man das Arzt sein nicht ansieht. Als Ärztin oder Arzt erkannt zu werden funktioniert ganz gut über die Bekleidung. Zumindest war das bislang so, denkt man an den weißen Arztkittel. Die Bezeichnung „Halbgott in Weiß“ leitet sich aus der traditionellen Berufsbekleidung ab.

Nicht nur der Beruf, auch die Hierarchie innerhalb der Ärzteschaft lässt sich aus der Kleidung ablesen. Am Hamburger Universitätsklinikum – im Stadtteil Eppendorf gelegen – entwickelte sich im späten 19. Jahrhundert die Tradition, durch die Farbe und Anzahl der Knöpfe die Stellung des Trägers zu kodieren. Der „Eppendorfer Visitenmantel“, ein unterhalb der Taille ausgestellter Kittel mit Rückenriegel, konnte komplett an Vorder- und Rückseite mit silberfarbenen Köpfen ausgestattet werden, der unterste Knopf der Knopfleiste blieb geöffnet: Daran erkannte man den Chefarzt. Oberärzte trugen Kunststoffknöpfe am Rückenriegel und hatten den Kittel komplett zugeknöpft zu tragen, Assistenzärzten mussten ein anderes Modell ohne Taille wählen [1].

Schottische Ärzte fanden 1996 noch einen anderen Parameter, um den Rang des Kittelträgers zu ermessen: Sie bestimmten in Speisesaal der Uniklinik Edinburgh das Gewicht der Arztkittel [2]. Es ergab sich eine klare Korrelation: Je schwerer der Kittel, umso niedriger der Rang des Trägers. Die Taschen vollgestopft mit Stauschlauch, Stethoskop, Linealen, Kitteltaschenlehrbuch und weiteren Utensilien: Das war der typische Befund bei Medizinern zu Beginn ihrer Karriere. Ein Kittel mit teurem Kugelschreiber und ansonsten leeren Taschen, der kaum mehr wiegt als das zuvor ermittelte Leergewicht: Daran erkannte man das Alphatier.

Im Hinblick auf die ursprüngliche Idee, durch die weiße Farbe Reinheit und Sauberkeit zu demonstrieren, ist der Arztkittel mittlerweile in Verruf geraten. Mehrere Studien belegen, dass gerade der Kittel ein Übertragungsweg von Krankheitserregern von einem Patienten auf den nächsten sein kann. Ebenso sind das im Kittel umhergetragene Stethoskop und der Stauschlauch als Hort der bakteriellen Besiedelung identifiziert worden. Dem tragen seit 2016 mehr und mehr Krankenhäuser Rechnung und schaffen Arztkittel als Berufskleidung ab [3].

An die Stelle der statusbildenden Uniform tritt nun sogenannte Funktionskleidung: Jacken aus Fleece oder Softshell sind der neue Look in der Ambulanz und auf der Station. Für die Hygiene mag das gut sein. Wie aber wirkt sich die ungewohnte Kleidung auf die Wahrnehmung der Ärztinnen und Ärzte durch die Patienten aus? Dabei stellt sich weniger die Frage, ob ein Arzt auch als solcher erkannt wird, sondern vielmehr, ob die mit dem Kittel assoziierten Attribute wie ärztliche Kompetenz und Erfahrung durch den Kleidungsstil anders wahrgenommen werden. Diesen Aspekt untersuchte eine Arbeitsgruppe der Johns Hopkins Universität [4]. Die Autoren befragten fast 500 Laien im Hinblick auf die Kleidung von Ärztinnen und Ärzten. Zunächst wurden allgemeine Einstellung gegenüber dem Gesundheitssystem, bisherige Erfahrungen und Kontakte zu Personen, die im Gesundheitswegen tätig sind, erfragt. Den Teilnehmenden wurden dann am Computerbildschirm Fotos von Frauen und Männern in verschiedenen Berufsbekleidungen gezeigt: Arztkittel kombiniert mit OP-Kleidung („Scrubs“) oder Business-Kleidung, Fleecejacke und Softshell-Jacke. Erwartungsgemäß wurden Personen, die einen weißen Arztkittel trugen, zum größten Teil dem ärztlichen Personal zugeordnet. Erstaunlicherweise ergab sich in dieser Untersuchung allerdings auch ein Ungleichgewicht zu Ungunsten weiblicher Personen: Frauen wurden trotz Arztkittel signifikant häufiger dem Hilfspersonal zugeordnet. Auch positive Eigenschaften wie Professionalität, Erfahrung oder Freundlichkeit wurden männlichen Personen signifikant häufiger zugeschrieben, wenn diese einen weißen Kittel und darunter Business-Kleindung trugen. Beim gleichzeitigen Tragen von Kittel und OP-Kleidung war dieser Unterschied nicht mehr nachweisbar.

Der Satz „Kleider machen Leute“ hat also im Gesundheitswesen nach wie vor seine Berechtigung. Neben der Zuordnung positiver Charaktereigenschaften konnten Kittelträger bislang hoffen, dass die durch den weißen Kittel ausgestrahlte Kompetenz und Seniorität auch einen günstigen, verstärkenden Effekt auf die ausgesprochenen Empfehlungen und Ratschläge haben könnten. Andererseits bleiben beim Wechsel auf Funktionskleidung auch unerwünschte Effekte wie das sogenannte Weißkittelphänomen aus. So hat es vielleicht auch sein Gutes, wenn Ärztinnen und Ärzte durch den Kleidungsstil nahbarer erscheinen.

Dr. med. Justus de Zeeuw

Literatur

  1. https://original-eppendorfer.de/geschichte/
  2. Gordon PM, Keohane SG, Herd RM. White coat effects. BMJ 1995;311:1704
  3. Hygiene: Asklepios schafft Arztkittel ab. Dtsch Arztebl 2016;113(5):A-161/B-141/C-141
  4. Xun H, Chen J, Sun AH et al. Public Perceptions of Physician Attire and Professionalism in the US. JAMA Network Open 2021;4(7):e2117779