Klimawandel – ein Auftrag für die Ärzteschaft20. April 2021 Foto: © imagedb.com – stock.adobe.com Für viele Menschen ist der Klimawandel ein abstrakter Vorgang, der sich mit physikalischen Zahlen und Statistiken kaum greifen lässt. Doch die weltweit steigenden Temperaturen wirken sich nicht nur auf weit entfernte Gletscher aus, sondern bergen gesundheitliche Gefahren für uns alle. Dies in den Fokus zu rücken, könnte dem Kampf gegen den Klimawandel Vorschub leisten. ÄrztInnen kommt hierbei eine besondere Rolle zu. „Wir müssen nicht das Klima retten, wir müssen uns retten“, betonte Dr. Eckart von Hirschhausen am Montag im Rahmen des 127. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin. Die Gesundheitsperspektive sei vielen Menschen sehr viel zugänglicher als abstrakte Klimadaten. Der Mediziner und Moderator hält die Ausrichtung der Klimadebatte auf die individuelle und öffentliche Gesundheit für besonders geeignet, um das Thema Klimawandel „in die Mitte der Gesellschaft“ zu transportieren. MitarbeiterInnen des Gesundheitswesens seien in diesem Zusammenhang als MultiplikatorInnen gefragt, denn die Skepsis gegenüber PolitikerInnen und JournalistInnen sei groß, aber „Menschen vertrauen den Gesundheitsberufen noch“, so von Hirschhausen. Gesundheitliche Folgen des Klimawandels Der Präsident des Robert Koch-Instituts Prof. Lothar Wieler nannte eine Vielzahl von gesundheitlichen Folgen, die bei dauerhaft steigenden Temperaturen konkret drohen und bereits spürbar sind. Neben Hitzestress und Hautkrebs als direkte Konsequenzen zu sonniger und heißer Sommer würden auch die Pollenallergien zunehmen, sich die Folgen zu hoher Luftschadstoffe bemerkbar machen, vektorübertragene Krankheiten über Zecken und Mücken weiter ausbreiten, die Qualität von Lebensmitteln, Trinkwasser und Badegewässern abnehmen sowie die psychosoziale Gesundheit leiden. Wieler bilanzierte: „Alles, was wir für die Umwelt tun, kommt auch uns selbst zugute.“ Die Corona-Pandemie sei nur eine Auswirkung unseres globalen Lebenswandels. „In der Pandemie ist vor der nächsten Pandemie“, warnte auch von Hirschhausen. Welche Auswirkungen haben diese Erkenntnisse für den beruflichen Alltag in der Medizin? „ÄrztInnen werden zunehmend differentialdiagnostisch Krankheiten in Erwägung ziehen, die wir bisher eher nur aus der Reisemedizin kennen. Bereits bekannte Erkrankungen werden je nach Wetterereignissen zunehmen und auch die mentale Gesundheit kann durch den Klimawandel negativ beeinflusst werden“, erläuterte Wieler. „Weniger Fleischkonsum und aktive Bewegung anstelle motorisierter Fortbewegung, das sind Beispiele dafür, wie wir sogenannte Zivilisationskrankheiten vermeiden können und dabei einen Beitrag leisten, die Klimakatastrophe zu verhindern.“ Durch das Propagieren eines gesunden Lebenswandels können MedizinerInnen somit zu einer Verbesserung des Klimas beitragen. Integration einer populationsbezogenen Medizinethik Der Klimawandel geht weit über die individuelle Perspektive hinaus, ein Festhalten an der klassisch individualistisch ausgerichteten Medizinethik scheint aus Sicht der Medizinethikerin Prof. Verina Wild, Universität Augsburg, nicht mehr angemessen. Doch auch eine vollständige populationsbezogene Ethik sei nicht die Lösung, denn die individuelle Behandlung stehe nach wie vor im Fokus und sei der primäre Arbeitsauftrag für ÄrztInnen. Ihr Vorschlag lautet, populationsbezogene Elemente ins ärztliche Ethos zu integrieren. „Eine konstruktive Integration bedeutet, die Möglichkeiten der ärztlichen Rolle auszuloten und auszuschöpfen – was angesichts des Klimawandels von größter Dringlichkeit wäre –, anstatt an dem Bedürfnis festzuhalten, die individualistische Ebene und ein ‚klassisches‘ Ethos verteidigen zu müssen.“ Nötig seien hierzu das Kennenlernen der Public-Health-Ethik, die auf die Gesunderhaltung aller ausgerichtet ist und die Fragen der gesundheitlichen und sozialen Ungleichheit zentral in den Blick nimmt, aber auch ein kritisches Diskutieren möglicher Konflikte zwischen populationsbezogener und individueller Ebene. Der Klimawandel ist ein hoch politisches Thema. Wild sieht die Neutralität der ÄrztInnen jedoch nicht in Gefahr. „Wenn anerkannt ist, dass auch Prävention und Gesundheitsförderung zum ärztlichen Aufgabenbereich gehören, dann kann und muss die proaktive Beschäftigung mit dem Thema Klimawandel und seinen Auswirkungen nicht als Verletzung des Neutralitätsgebots gesehen werden.“ Stattdessen sei es sogar geboten, dass sich ÄrztInnen mit diesem Bereich proaktiv auseinandersetzen – unabhängig von ihrer grundsätzlichen politischen Positionierung als Privatperson. Klimaneutraler Gesundheitssektor Die Rolle der Ärzteschaft endet jedoch nicht damit, das Bewusstsein der Bevölkerung für die drohende Klimakatastrophe zu schärfen. Es geht auch um die Verantwortung für den eigenen Bereich. „Wenn wir ‚Primum non nocere‘ ernstnehmen, muss der deutsche Gesundheitssektor selbst klimaneutral werden“, forderte Sylvia Hartmann, Stellvertretende Vorsitzende KLUG e.V., Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit. Fünf Prozent der Emissionen Deutschlands würden daher stammen. Ein Beispiel hierfür sei die Kampagne „Gesundheit braucht Klimaschutz“, in der sich Praxen, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäuser, Apotheken, Krankenkassen und weitere Einrichtungen zusammen für eine klimaneutrale Gesundheitsversorgung bis 2035 einsetzen. (ah)
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