Klinik – Praxis – MVZ: Sicht eines privaten Klinikgroßkonzerns – Strategie für den Gesundheitsmarkt für O & U

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Mit knapp 90 Kliniken und mehr als 230 Medizinischen Ver­sorgungszentren ist Helios einer der größten privaten Betreiber von Gesundheitseinrichtungen in Deutschland. Allein im ambulanten Bereich zählen fast 200 kassenärztliche Sitze in den Bereichen Chirurgie und Orthopädie zum Gesundheitsnetzwerk. Im folgenden Beitrag stellt unser Autor Strategien für die Herausforderungen am deutschen Gesundheitsmarkt vor.

Der deutsche Gesundheitsmarkt ist nicht erst seit der Pandemie dringend reformbedürftig. Corona war ein Brennglas und hat die Potenziale in den Bereichen Ambulantisierung und Digitalisierung aufgezeigt. Diese zu nutzen, niedrigschwelligere Angebote zu schaffen und Leistungen patientenorientiert und vergütungsunabhängig attraktiv zu platzieren sind die großen Herausforderungen der nächsten Zeit – in einem hoch regulierten sektoral geprägten Setting.

Operative Eingriffe sind dank medizinischen Fortschritts und moderner Technik längst kein ausschließliches Klinikthema mehr. Schon heute werden zahlreiche Operationen auch ambulant durch­geführt – doch das Potenzial ist längst nicht erschöpft.

Hybrid-DRG: Ambulantisierung chirurgisch-orthopädischer Leistungen

In unseren europäischen Nachbarländern wird bereits eindrucksvoll gezeigt, dass die Ambulantisierung im Bereich der Operationen intensiv und erfolgreich betrieben werden kann. Im deutschen Gesundheitswesen sind jedoch monetäre Fehlanreize häufig Grund dafür, dass operative Eingriffe stationär statt ambulant durchgeführt werden. Doch genau hier liegt die Krux: Der reine Erlös der gleichen Leistung im stationären Setting ist zwar höher, das gilt aber auch für die Kosten. Kliniken halten Räumlichkeiten und Teams für hochkomplexe Ein­griffe vor. Diese Kapazitäten für ­leichte und ambulant durchführbare Operationen zu nutzen, ist wirtschaftlich nicht sinnvoll – zumal auch im Bereich der Chirurgie und Orthopädie schon heute Eingriffe ambulant gut und sicher durchgeführt werden.

Es ist daher auch im Sinne der Kostenträger eine notwendige Veränderung, ambulantes Operieren auch im ambulanten Bereich zu stärken. Hierbei ist jedoch von entscheidender Bedeutung, dass die Bewertungsmaßstäbe politisch neu verhandelt werden, damit eine Operation in dem ambulanten Sektor sich entsprechend auch wirtschaftlich in einer gewohnten hohen Qualität darstellen lässt.

Helios unterstützt die im Koali­tionsvertrag aufgeführte Hybrid-DRG, die alle Operationen abbildet und im Vergleich zum stationären Setting einen prozentualen Abschlag verlangt. Dadurch könnten ambulante OP-Zentren wirtschaftlich vernünftig und nicht wie bislang sehr vage über die EBM-Bezifferung arbeiten. Es lassen sich darunter auch dann OP-Zentren wirtschaftlich sinnvoll betreiben, die Operationen wie Handchirurgie, Hernien- und Gefäßoperationen sowie Eingriffe an Gelenken anbieten. Durch die Einführung der Hybrid-DRG könnte dem Sozialsystem eine nicht unerhebliche Menge von Kosten eingespart werden.

Ein weiterer Vorteil der ambulanten Operation ist der Servicegedanke: Patien­tinnen und Patienten sind stets mit dem gleichen medizinischen Ansprechpartner in Kontakt. Von der Anamnese über die Diagnostik und den Eingriff bis zur Nachsorge. Das spart Doppelbefundungen, verschlankt den Prozess (der bei einem ständigen Wechsel zwischen den Sektoren deutliche Hürden bietet) und ermöglicht die viel zitierte „Medizin aus einer Hand“.

Dementsprechend muss in den nächsten Jahren die Ambulantisierung auf dem operativen Sektor mit großen Schritten vorangetrieben werden. Durch die neue Schaffung und Umstrukturierung von ambulanten OP-Zentren mit zukünftig interdisziplinären Operationen können wir das stationäre Gesundheitssystem entlasten, neue wirtschaftliche Strukturen sinnvoll schaffen und für die Patienten qualitativ hochwertige Medizin anbieten. Helios sieht sich dabei als Bindeglied zwischen bestehenden Praxen, die in Kleingesellschaften geführt werden, großen medizinischen Versorgungszentren sowie dem stationären Gesundheitssektor.

Benefits für (Fach-)Ärzte im ambulanten Setting

Der wichtigste Faktor bei der Versorgung ist das Personal. Während es früher die Regel war, dass ambulante Praxen von (Jung-)Fachärzten aus der Klinik übernommen wurden, stellt es sich heute so dar, dass viele junge Kolleginnen und Kollegen zwar in die ambulante Medizin wechseln wollen, jedoch häufig nicht das Risiko der Selbstständigkeit mit einem hohen persönlichen Investitionsvolumen eingehen wollen. Das spiegelt sich meist darin wieder, dass Praxisinhaber kurz vor der Berentung keine Nachfolger für ihre Praxen finden. Dieses gilt sowohl für allgemeinmedizinische/hausärztliche Praxen als auch für fachärztliche Praxen bis hin zu Spezialzentren. Helios wird daher häufig zum Erwerb von Praxen angefragt.

Dort, wo wir die ambulante Versorgung – ob städtisch oder ländlich – fachlich und personell und im Zusammenspiel mit dem sektorübergreifenden Netzwerk sinnvoll unterstützen können, übernehmen wir den Versorgungsauftrag. Dazu zählt selbstverständlich, dass wir in dem ambulanten Sektor die konservative Orthopädie und Chirurgie weiter auf qualitativ hohem Niveau anbieten. Helios bietet jungen Fachärztinnen und -ärzten eine Perspektive für die Zukunft, ohne dass sie selber ein hohes wirtschaftliches Risiko tragen beziehungsweise den Zeitaufwand für die bürokratische Praxisführung übernehmen müssen.

Mehr als Medizin: Qualität und Service

Helios bietet Patientinnen und Patienten heute schon sehr viel mehr als nur Gesundheitsversorgung. Dazu treiben wir auch im ambulanten Bereich einheitliche Qualitätsstandards voran und weiten digitale Serviceangebote wie Videosprechstunden zunehmend aus. In einem hoch regulierten Markt ist dies heute nicht immer als klassische „Kassenleistung“ zu erbringen. Der Drang der Veränderung, wie ihn die Pandemie mit sich brachte, muss aktiv genutzt werden, um Leistungsmöglichkeiten auszuweiten und sie weniger starr platzieren zu können.

Am Ende entstehen Mehrwerte da, wo sie der medizinischen Versorgung von Menschen dienen und das kann ambulant ebenso möglich sein wie stationär. Die Vergütung muss sich also sektorenübergreifend gestalten und die Leistungserbringer müssen nicht getrennt, sondern als Teil der gesamten medizinischen Versorgung angesehen werden.

Enrico Jensch. Foto: Helios Gesundheit/Thomas Oberländer

Autor:
Enrico Jensch
COO Helios Gesundheit
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