Körperliche Inaktivität als Risikofaktor für Demenz überschätzt?

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Einer aktuellen Studie zufolge scheint Sport einen geringeren direkten präventiven Einfluss auf die Entwicklung einer Demenz zu haben, als bislang angenommen. Dennoch raten die Experten weiterhin zur körperlicher Aktivität. Denn Sport schützt vor kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen, die wiederum Demenzen begünstigen können. Darauf weist die DGN hin.

Verschiedene Studien haben gezeigt, dass körperliche Aktivität und sportliche Betätigung zu besserer kognitiver Leistungsfähigkeit führen – ob jedoch umgekehrt die körperliche Inaktivität die spätere Entwicklung einer Demenzerkrankung begünstigt (und in welchem Umfang), sei hingegen nicht abschließend geklärt, schreibt die Deutsche Gesellschaft für Neurologie in einer Pressemitteilung.

Demenzerkrankungen geht oft eine bis zu zehnjährige präklinische Phase voraus, in der uncharakteristische Vorzeichen auftreten. Zu denen gehört auch eine abnehmende körperliche Aktivität. Insofern könnte die körperliche Inaktivität auch ein frühes Vorzeichen der Demenzerkrankung sein und kein ursächlicher Risikofaktor wie bislang angenommen, zumal die meisten Studien eine Nachbeobachtungszeit von weniger als zehn Jahren hatten.

Um zu untersuchen, ob körperliche Inaktivität zu Demenz beiträgt oder ob sie ein frühes Symptom einer Demenzerkrankung ist, wurde für die aktuelle Studie eine große Metaanalyse initiiert, die nur Studien mit sehr langen Nachbeobachtungszeiten einschloss. Insgesamt waren 9741 Studien gesichtet und auf ihre Eignung überprüft worden. Aus 19 prospektiven Beobachtungsstudien wurden dann die Daten von 404.840 einzelnen Studienteilnehmern aus elektronischen Patientenakten extrahiert und als gemeinsame Studienpopulation in der vorliegenden Metanalyse ausgewertet. Primärer Endpunkt war die Inzidenz der Alzheimer-Demenz sowie von Demenzen jedweder Ursache. Gesondert betrachtet wurde die Bedeutung begleitender Stoffwechsel- und Gefäßerkrankungen wie Diabetes mellitus, Schlaganfälle und Herzkranzgefäßerkrankungen (koronare Herzkrankheit, KHK), die als sekundäre Endpunkte erfasst wurden.

Die Teilnehmer waren initial demenzfrei, das mittlere Alter lag bei 45,5 Jahren, 57,7 Prozent waren weiblich. Bei allen war zu Studienbeginn die physische Aktivität bewertet worden. Als physisch inaktiv wurden Angaben definiert wie „weniger als 30 Minuten wöchentliches Laufen/Joggen/zügiges Gehen“, „sehr wenige/nur gelegentliche Spaziergänge“ oder „sportliche Betätigung nur ein paarmal im Jahr“.

Die Gesamtinzidenz aller Demenzformen betrug 2044/6 Millionen Personenjahre; eine Alzheimer-Demenz betraf 1602/5,2 Millionen Personenjahre. Bei Messungen, die weniger als zehn Jahre vor einer Demenzdiagnose erfolgten, war physische Inaktivität mit einer um 40 Prozent höheren späteren Demenzinzidenz assoziiert (HR 1,4); ähnlich verhielt es sich speziell mit der Alzheimer-Demenz (HR 1,36). Zur Klärung einer möglichen reversen Kausalitätsbeziehung wurden für die Analyse nur Aktivitätsmessungen, die mehr als zehn Jahre vor einer Demenzdiagnose erfolgt waren, berücksichtigt. Dabei zeigte sich dann jedoch kein statistischer Zusammenhang zwischen physischer Inaktivität und Demenzrisiko.

„Hinsichtlich des Demenzrisikos scheinen bisherige Beobachtungsstudien den Faktor physische Inaktivität wegen zu kurzer Studiendauern überschätzt zu haben, denn in der vorliegenden Metaanalyse zeigte sich kein direkter Zusammenhang zwischen körperlicher Inaktivität und späterer Demenzerkrankung “, erklärte Prof. Thomas Duning, Oberarzt an der Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster. „Dennoch empfehlen wir älteren Menschen, sportlich aktiv zu sein, da Sport kardiovaskulären und metabolischen Erkrankungen vorbeugt, die wiederum Demenzen begünstigen können.“

Auch in der vorliegenden Studie war die physische Inaktivität mit einem erhöhten Risiko für Diabetes (HR 1,42), KHK (HR 1,24) und Schlaganfälle (HR 1,16) assoziiert. Bei Teilnehmern, bei denen kardiometabolische Erkrankungen einer Demenz vorausgingen, stellte körperliche Inaktivität (gemessen vor >10 Jahren) auch ein gewisses Demenzrisiko dar (HR 1,3), welches allerdings die statistische Signifikanz verfehlte.

Originalpublikation:
Kivimäki M., Singh-Manoux A., Pentti J. et al.: IPD-Work consortium. Physical inactivity, cardiometabolic disease, and risk of dementia: an individual-participant meta-analysis. BMJ 2019 Apr 17; 365:l1495.