Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln

Die häufige Einnahme von Schmerzmitteln gegen Kopfschmerzen kann wiederum zu Kopfschmerzen führen. (Foto: © InsideCreativeHouse – stock.adobe.com)

Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln gilt als eigenständige, sekundäre Kopfschmerzerkrankung, die bei chronischen Kopfschmerz- oder Migränepatienten auftreten kann. Eine aktuelle Publikation fasst den aktuellen Wissensstand zusammen und plädiert für eine erhöhte Aufmerksamkeit für das Krankheitsbild, wie die DGN berichtet.

Bei Menschen, die wegen rezidivierender primärer Kopfschmerzen (z. B. Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp) häufig Schmerzmittel einnehmen, kann sich in der Folge ein sogenannter Medikamentenübergebrauchskopfschmerz (MOH) entwickeln. Dabei handelt es sich um eine eigenständige, sekundäre Kopfschmerzerkrankung, deren pathophysiologischen Mechanismen nicht vollständig geklärt sind. Sie umfassen eine gestörte Schmerzmodulation, zentrale Sensibilisierung, psychologische beziehungsweise bio-behaviorale Faktoren (Verhaltensfaktoren), aber auch genetische Faktoren werden diskutiert. Letztendlich sei aber nicht geklärt, ob die häufige Einnahme von Schmerz- und Migränemitteln zu einer Chronifizierung von Kopfschmerzen führt oder ob sich zunächst die Kopfschmerzen verschlechtern und die Patienten deshalb mehr Schmerz- und Migränemittel einnehmen, erklärte die Deutsche Gesellschaft für Neurologie.

Obwohl ein MOH mit substanziellen Beeinträchtigungen und einer Reduktion der Lebensqualität assoziiert ist, wird die Diagnose zu selten gestellt – vor allem, weil die Problematik den Kopfschmerzgeplagten, aber auch vielen Ärzten nicht ausreichend bekannt sei, so die Fachgesellschaft weiter. Eine aktuelle Publikation1 gibt nun einen ausführlichen Überblick über den derzeitigen medizinischen Wissensstand des MOH. Explizites Ziel sei es, Aufmerksamkeit und Bewusstsein für den MOH zu steigern, erklären die Autoren. Denn obwohl die Erkrankung sowohl behandelbar als auch zu verhindern sei, sei die Prävalenz des MOH weltweit hoch: Sie liegt der Studie zufolge bei Erwachsenen durchschnittlich bei 3,4 Prozent (regional zwischen 0,6 % und 7 %).

Für die Diagnose eines MOH muss zunächst der Zusammenhang zwischen der zu häufigen Einnahme von akuter Kopfschmerzmedikation und Chronifizierung der Kopfschmerzen aufgeklärt werden. Dies geschieht anhand von Anamnese (Betroffenen wird empfohlen, einen Kopfschmerzkalender zu führen) und neurologischer Untersuchung. Man spricht von MOH, wenn bei Betroffenen mit vorbestehendem primären Kopfschmerz an mindestens 15 Tagen pro Monat Kopfschmerzen auftreten, die mit Schmerz- oder Migränemedikamenten behandelt werden – und dies über mehr als drei Monate lang. Dabei kommt es häufiger beziehungsweise schneller unter Triptanen zu einem MOH als unter NSARs (z. B. Ibuprofen); besonders problematisch sind opiathaltige Schmerzmittel wegen eines zusätzlichen Abhängigkeitspotenzials. Weitere Risikofaktoren für einen MOH sind weibliches Geschlecht, niedriger Bildungs- oder sozialer Status, zusätzliche psychiatrische Erkrankungen wie Depression oder Angsterkrankungen, abhängiges Verhalten, z. B. Rauchen, Einnahme von Medikamenten gegen Schlafstörungen oder Beruhigungsmittel.

„Der erste Schritt ist es, an die Möglichkeit eines MOH zu denken und die Problematik anzusprechen“, erklärt Prof. Hans-Christoph Diener, Co-Autor der Publikation und federführender Autor der entsprechenden Leitlinie der DGN2. „Dies kann sowohl von Behandelnden wie auch von den Betroffenen ausgehen“. Wichtig sei, dies wird auch im aktuellen Artikel betont, nicht den Patienten die „Schuld“ an der Situation zu geben, denn meist liege das Problem in einem unzureichenden Kopfschmerz- oder Migräne-Management und nicht an einem Medikamenten-Missbrauch. Ein MOH trete in erster Linie bei ungenügender Prophylaxe von primären Kopfschmerzerkrankungen und folglich zu häufigem akutem Schmerzmittelbedarf auf, seltener dagegen bei anderen zugrunde liegenden Schmerzerkrankungen wie chronischen Rückenschmerzen.

Wenn ein MOH diagnostiziert wurde, so könne eine angemessene Behandlung entsprechend den aktuellen Leitlinien2 die Kopfschmerz- beziehungsweise Krankheitslast und den Schmerzmittelverbrauch in der Regel effektiv reduzieren; die Erfolgsrate einer leitliniengerechten Therapie betrage nach sechs bis zwölf Monaten etwa 50 bis 70 Prozent, bestätigt Diener. Die Behandlung des MOH besteht in der Reduktion der Einnahmehäufigkeit der übergebrauchten akuten Schmerzmittel beziehungsweise dem kompletten Absetzen; gleichzeitig wird mit einer geeigneten Kopfschmerz-Prävention begonnen, beispielsweise mit Topiramat, Amitriptylin, Botulinumtoxin oder einem monoklonalen Antikörper gegen das migräneauslösende CGRP („Calcitonin Gene-Related Peptide“). Je nach Situation kann dies ambulant, tagesklinisch oder stationär durchgeführt werden.

Leider sei oft die Gefahr eines Rückfalls vorhanden, erklärte Diener, am größten sei sie im ersten Jahr nach dem Absetzen des auslösenden Schmerzmittels – insbesondere bei Opioid-Übergebrauch. Eine engmaschige Betreuung der Betroffenen reduziere dieses Risiko. Betont wird in der Studie außerdem, dass für einen anhaltenden Erfolg ergänzend zur medikamentösen Prophylaxe auch nichtmedikamentöse Präventivmaßnahmen erfolgen müssen. Dazu gehören beispielsweise angemessene Schlaf- und Erholungszeiten, Entspannungstraining, aber auch regelmäßiger Ausdauersport und gegebenenfalls eine psychologische Betreuung.

„Kopfschmerzpatientinnen und -patienten, auch bei vermeintlich guter Einstellung einer Prophylaxe, sollten regelmäßig nach der Häufigkeit notwendiger Akutmedikationen befragt werden“, mahnt Diener. „Schon bei monatlich zehn Kopfschmerztagen sollte über eine Optimierung der Prophylaxe nachgedacht beziehungsweise gegebenenfalls eine neurologische Mitbetreuung erwogen werden.“