Krankenhausreform: Experten für Neurorehabilitation schlagen Alarm

Bei längerem Aufenthalt auf der Intensivstation tragen Patienten ft neurologische Schäden davon, die einer Rehabilitation bedürfen. (Foto: © Tyler Olson – stock.adobe.com)

Die Deutsche Gesellschaft für Neurorehabilitation (DGNR) und die Deutsche Gesellschaft für Neurotraumatologie und Klinische Neurorehabilitation (DGNKN) fürchten um die Zukunft der neurologischen Rehabilitation in Deutschland. Die Krankenhausreform in ihrer jetzigen Form drohe, ein gut etabliertes und effektives System der Neurorehabilitation zu demontieren.

Die Reform, die auf eine Straffung der Gesundheitsversorgung abzielt, könnte zu einer erheblichen Reduzierung der Bettenkapazitäten in der spezialisierten Neurorehabilitation und zu einer potenziellen Verschlechterung der Versorgungsqualität für Patienten mit neurologischen Erkrankungen führen. „Dies ist besonders besorgniserregend für alle Patienten, die nach einer kritischen Erkrankung oder Operation eine intensive Frührehabilitation benötigen“, erklärte PD Dr. Christian Dohle, Präsident der DGNR, auf einer Pressekonferenz anlässlich der zehnten gemeinsamen Jahrestagung der beiden Fachgesellschaften. „Denn die Neurorehabilitation behandelt nicht nur Hirnerkrankungen wie Schlaganfall, sondern auch Patienten, die durch lange Aufenthalte auf einer Intensivstation schwere Schädigungen des Nervensystems erleiden.“

Die Neurorehabilitation spielt eine entscheidende Rolle dabei, diesen Patienten zu helfen, verlorene Funktionen wiederzuerlangen und ihre Lebensqualität zu verbessern. Eine frühzeitige und spezialisierte Rehabilitation ist für optimale Ergebnisse daher unerlässlich. Die neuen Vorschriften könnten jedoch zu einem Mangel an Betten vor allem in der hochspezialisierten neurologischen Frührehabilitation führen, was den Zugang zur Rehabilitation für viele Patienten möglicherweise verzögern oder ganz verhindern könnte, fürchten die Fachgesellschaften.

Ähnliche Befürchtungen hatte auch der BDH Bundesverband Rehabilitation geäußert. Ursache hierfür ist dem Verband zufolge die Forderung des Gesetzgebers nach einer vollständigen intensivmedizinischen Abteilung, die es an den meisten dieser Kliniken bisher nicht gibt.

Die Experten von DGNR und DGNKN betonten, dass die Neurorehabilitation ein hochspezialisiertes Fachgebiet sei, das eine einzigartige Kombination aus medizinischer, therapeutischer und sozialer Betreuung erfordert. Diese werde in Deutschland mehrheitlich in spezialisierten Fachkliniken erbracht. Die aktuellen Festlegungen der Krankenhausreform gefährdeten jedoch die Versorgung in den Fachkliniken. Damit ständen etwa die Hälfte der Betten der neurologischen Frührehabilitation nicht mehr zur Verfügung, was nicht kompensiert werden könne.

„Wir haben ein ausgeklügeltes Phasenmodell für die Neurorehabilitation entwickelt, das sich als äußerst wirksam erwiesen hat“, erklärte Tagungspräsident Prof. Tobias Schmidt-Wilcke. „Dieses Modell gewährleistet einen nahtlosen Übergang von der primären Akutversorgung über die Frührehabilitation (Krankenhaus) zur Anschlussrehabilitation (Rehabilitationseinrichtung) und optimiert so die Genesung der Patienten.“ Die Reform drohe, dieses Modell zu stören und viele Patienten ohne die Versorgung zu lassen, die sie benötigten. Schmidt-Wilcke: „Im Bundesland NRW, dessen Planung als Modell für die Krankenhausreform diente, sehen wir bereits die großen Probleme, die sich aus der Umsetzung ergeben, sodass sogar die Betroffenen Alarm schlagen.“

Die DGNR und die DGNKN fordern die politischen Entscheidungsträger daher auf, die Auswirkungen der Krankenhausreform auf die Neurorehabilitation zu überdenken und Maßnahmen zu ergreifen, um spezialisierte Neurorehabilitationsdienste zu erhalten und sicherzustellen, dass die Patienten Zugang zu der benötigten Versorgung haben.

Dr. Robin Roukens, Co-Tagungspräsident, mahnte an, dass die besonderen Bedürfnisse dieser Patienten anerkannt werden müssen. „Wir müssen sicherstellen, dass schwer betroffene Patienten weiterhin entsprechend des neurologischen Phasenmodells eine durchgehende Versorgung erhalten und die Versorgungskette nicht zerbricht. Eine nachhaltige Versorgung Schwerstkranker kann nur unter Einbeziehung der gesamten neurorehabilitativen Versorgungskette gelingen. Die Krankenhausreform gefährdet die neurologische Frührehabilitation, aber auch in der nachfolgenden Versorgung entstehen derzeit Versorgungslücken. Die Zukunft der Neurorehabilitation und damit die Versorgung Schwerstbetroffener steht auf dem Spiel“, erklärte Roukens.