Krankheit durch Übergewicht: Neues Modell sagt Risiko besser vorher als BMI30. April 2026 Übergewicht und Adipositas können eine Reihe von Komplikationen und chronischen Erkrankungen zur Folge haben. Symbolbild: Christian Horz/stock.adobe.com Ein internationales Forschungsteam hat ein Modell entwickelt, das auf der Basis von 20 Gesundheitswerten das Risiko für 18 verschiedene Komplikationen von Übergewicht und Adipositas vorhersagen kann – und zwar besser als der Body-Mass-Index (BMI). Fettleibigkeit ist weltweit eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen und kann zu einer Reihe von Erkrankungen, wie Typ-2-Diabetes und Herzerkrankungen führen. Ob und mit welcher Schwere, kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Wie aber können Ärzt:innen das Krankheitsrisiko genau bestimmen und so passgenaue Therapieentscheidungen treffen? BMI bildet Krankheitsrisiko unvollständig ab Forschende des Berlin Institute of Health in der Charité (BIH) und der Queen Mary University of London (Großbritannien) haben ein Vorhersagemodell entwickelt, um diese Frage zu beantworten. Das Modell OBSCORE basiert auf nur 20 allgemeinen Gesundheitsfragen und einfachen Bluttests. Es wurde anhand von Daten von rund 200.000 Menschen mit Adipositas oder Übergewicht getestet. Ein Ergebnis: Der Body-Mass-Index (BMI) allein bildet das Risiko von adipositasbedingten Komplikationen unvollständig ab. Viele Menschen mit hohem Krankheitsrisiko könnten daher übersehen werden. Die vollständigen Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift „Nature Medicine“ veröffentlicht. Die analysierten Gesundheitsdaten stammten aus der UK Biobank, einer groß angelegten Bevölkerungsstudie, die detaillierte Gesundheitsuntersuchungen mit langfristigen medizinischen Aufzeichnungen verknüpft. Mit ihrer Hilfe und dem Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) werteten die Forschenden mehr als 2.000 allgemeine, lebensstilbezogene, klinische, Blutuntersuchungs-, Körpermessungs-, molekulare sowie sonstige Gesundheitsindikatoren aus. Das daraus entwickelte Modell OBSCORE sagt das Risiko für die Entwicklung von 18 mit Adipositas verbundenen Erkrankungen vorher und wurde in weiteren unabhängigen Studien validiert. Die Analyse von Daten aus der SURMOUNT-1-Studie zeigt außerdem, dass sich das vorhergesagte Risiko durch die Behandlung mit Tirzepatid reduzieren ließ. Über das reine Körpergewicht hinaus Seit Jahrzehnten stützen sich Ärzt:innen bei der Beurteilung von Adipositas und dem damit verbundenen Risiko für künftige gesundheitliche Komplikationen stark auf das Körpergewicht und den BMI. Letzterer ist zwar ein einfaches und weit verbreitetes Maß, kann jedoch die großen Unterschiede und komplexen Mechanismen, mit denen der menschliche Körper auf Übergewicht reagiert, nicht vollständig erfassen. „Zwei Menschen mit ähnlichem Körpergewicht können ein sehr unterschiedliches Risiko haben, an beispielsweise Diabetes oder Herzerkrankungen zu erkranken“, sagt Erstautor Dr. Kamil Demircan, DFG-Walter-Benjamin-Stipendiat am PHURI der Queen Mary University of London und am BIH. „Durch die systematische, datengestützte Analyse einer Vielzahl von Gesundheitsfaktoren konnten wir eine kleine Gruppe von Faktoren identifizieren, die in ihrer Gesamtheit dazu beitragen können, Personen mit dem höchsten Risiko früher zu erkennen und so ein klareres Bild ihres künftigen Risikos für durch Fettleibigkeit bedingte Erkrankungen zu vermitteln.“ So waren Personen, bei denen das höchste Risiko festgestellt wurde, laut Studie nicht immer diejenigen mit dem höchsten BMI. Viele Menschen, bei denen das höchste Risiko prognostiziert wurde, haben Übergewicht statt Adipositas. Bei ihnen erhöhte eine Kombination aus metabolischen und klinischen Faktoren die Wahrscheinlichkeit für Komplikationen oder Erkrankungen. Diese Erkenntnisse decken sich mit den Ergebnissen einer Studie, die Anfang Januar ebenfalls in „Nature Medicine“ veröffentlicht wurde. Hier hatten die Forschenden den sogenannten metabolischen BMI entwickelt, der das Krankheitsrisiko besser widerspiegeln soll als der herkömmliche BMI allein (wir berichteten). Auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Risiko für übergewicht- und adipositasbedingte Komplikationen werden durch den regulären BMI nicht angemessen erfasst (wir berichteten). Hin zu einer maßgeschneiderten Adipositas-Versorgung Nach weiterer Validierung und Bewertung der Kosteneffizienz im Rahmen geeigneter klinischer Studien könnten Instrumente wie OBSCORE Ärzt:innen letztendlich dabei helfen, zu erkennen, welche Patient:innen am meisten von einer frühzeitigen Intervention, einer engmaschigeren Überwachung oder einer intensiveren Behandlung profitieren. „Da immer mehr Menschen weltweit von Adipositas betroffen sind, ist die Prävention der damit verbundenen langfristigen gesundheitlichen Komplikationen zu einer der größten Herausforderungen für globale Gesundheitssysteme geworden“, sagt Hauptautorin Prof. Claudia Langenberg, Direktorin von PHURI an der Queen Mary University of London und Leiterin der Gruppe für Computational Medicine am BIH. „Unsere Arbeit zeigt, wie systematischer Zugang zu elektronischen Gesundheitsdaten mit detaillierter Nachverfolgung sich nutzen lässt, um schnell und flexibel wichtige klinische Fragestellungen zu beantworten. Hier haben wir erfolgreich ein datengestütztes Rahmenkonzept entwickelt, das Personen mit erhöhten Komplikationsgefahren identifiziert und dazu beitragen könnte, bisher unterbehandelte Patient:innen durch solche risikobasierten Ansätze zur Behandlung von Adipositas zu schützen“, so die Wissenschaftlerin.
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